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Tourismus

150 Jahre Bürgerkrieg in den USA

Reisende finden bei einer Fahrt zu den Schauplätzen des Bürgerkriegs in den USA Flaggen, Uniformen und Friedhöfe.

Gleich zweimal ein Schlachtfeld: In Manassas tobten nach dem Bürgerkriegsbeginn 1861 und dann noch einmal ein Jahr später Schlachten. Beide Male gewannen die Südstaaten.

Richmond.In das Weiße Haus in Washington kommt man als Deutscher kaum rein. Sicherheitsbestimmungen machen es fast unmöglich, in die Zentrale der Macht vorgelassen zu werden. Doch nicht einmal zwei Autostunden entfernt gibt es ein weiteres Weißes Haus, das auch mal Regierungssitz war und Besucher mit offenen Armen willkommen heißt. Das „White House of the Confederacy“ in Richmond war einst Präsidentensitz der amerikanischen Südstaaten. Genau 150 Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges in den USA ist es eines der interessanten Ziele in und um Washington, die die Geschichte des grausamen Krieges zwischen Nord und Süd lebendig machen.

Der Konflikt war schon bei der Gründung der USA 1776 entstanden. Als die Südstaaten sich vom Dezember 1860 an einer nach dem anderen aus den USA verabschiedeten, akzeptierte der Norden das nicht. Am 12. April 1861 begann mit dem Angriff der Südstaaten auf Fort Sumter der Bürgerkrieg. Er sollte vier Jahre dauern, fast 600 000 Tote kosten und ein zerrissenes Land zurücklassen.

„Heute ist davon nicht mehr viel übrig“, sagt Sam Craghead, der im Weißen Haus in Richmond Besucher herumführt. „Klar sieht man hier noch oft die Flagge der Südstaaten, aber das ist mehr Folklore. Es gibt doch heute ganz andere Konflikte in diesem Land.“

Im Erdgeschoss ist zu sehen, was Besucher von einem Kriegsmuseum erwarten: Uniformen, Trommeln, Fahnen und immer wieder Waffen. Ein Stockwerk höher wird es stiller, persönlicher: „Die Schlachten waren nur ein Bruchteil der Zeit“, sagt Heimathistoriker Craghead. „Die meiste Zeit war Langweile und der Kampf gegen Ungeziefer, Dreck und Krankheiten.“ In den Zelten blühten Glücksspiel, Keilereien - und Kunst. „Wir haben eine Geige hier, die einer mit ins Feld nahm. Ein anderer malte - und es wurde ganz viel gelesen.“

Zwischen Washington und Richmond liegen gerade einmal 150 Kilometer. In dieser Region wurden die meisten Schlachten des Bürgerkrieges ausgefochten. Manche Städte wechselten in vier Jahren Krieg 38 Mal die Fahne. Heute sind es hübsche Städtchen, die besonders im Frühjahr und im Herbst zum Kurzurlaub einladen.

Zum Beispiel Fredericksburg oder Charlottesville, die Heimatstadt des dritten Präsidenten Thomas Jefferson. Die einzigen Kriegsspuren sind Denkmäler im Zentrum. Fast jedes Städtchen hat aber ein kleines Museum mit Artefakten eingerichtet, die zuweilen nach Jahrzehnten noch auf Dachböden oder in Scheunen gefunden wurden.

Petersburg südlich von Richmond war Schauplatz einer Belagerung. Ein Gedenkpark erinnert an „den Krater“: Um den Verteidigungsring zu durchbrechen, gruben Bergleute der Nordstaatenarmee, viele von ihnen deutschstämmig, einen Tunnel unter die Palisaden und füllten ihn mit Sprengstoff. Die Explosion riss einen gewaltigen Krater in die Befestigung, doch die Unionssoldaten waren über den Anblick so erschüttert, dass sie nicht vorrückten. Der Krater ist längst grasüberwachsen und Teil eines Nationalparks. Dennoch ist er auch nach eineinhalb Jahrhunderten noch deutlich zu erkennen.

Ein anderer Acker wurde gleich zweimal zum Schlachtfeld. Manassas liegt nur ein paar Meilen südlich vom Dulles Airport, auf dem die meisten Washington-Besucher landen. Gleich nach Kriegsbeginn 1861 und dann noch einmal ein Jahr später tobten hier Schlachten, beide Male gewann der Süden. Ranger vom Nationalparkamt führen heute Besucher an alten Blockhütten und polierten Kanonen vorbei. Wenn die Filme im Besucherzentrum erklären, wie die Verwundeten unter der sengenden Sonne elendig verreckten, fließen auch nach 150 Jahren noch Tränen.

„Wir haben hier jedes Jahr 110 000 Gäste in unserem Besucherzentrum und sogar 800 000 im Park. Aber weil der so groß ist, ist man fast immer allein“, sagt Henry Elliott. Der Park-Ranger hält auch Broschüren auf Deutsch parat. „Die Deutschen sind sehr an diesem Teil unserer Geschichte interessiert.“ Vielleicht, weil viele Deutsche im Krieg mitkämpften. Tausende Einwanderer wurden vom Schiff weg rekrutiert.

In Gettysburg tobte im Juli 1863 die Entscheidungsschlacht des Krieges. Das ist den sanften Hügeln im Süden Pennsylvanias kaum anzusehen. Doch ein großer Soldatenfriedhof lässt die Opfer nicht vergessen. Fast immer sieht man irgendwo Schulklassen, die zuvor Lincolns legendäre Rede zur Einweihung des Friedhofs auswendig gelernt haben. Die Park-Ranger erklären mit deutlicher, aber gedämpfter Stimme. Gettysburg ist heiliger Boden für die Amerikaner.

Am Bürgerkrieg kommt hier kein Besucher vorbei. In den Hotels hängen Offiziersporträts oder ein paar Säbel. Führungen durch den Park sind besonders im Frühjahr und Herbst zu empfehlen. Im Sommer ist Hauptsaison, dann ist es heiß und voll. Allerdings stellen dann auch in den großen Schauspielen Laiendarsteller die Gefechte nach. Für manche Europäer mag das bizarr wirken, doch die meisten der Laienhistoriker gehen mit großem Ernst an die Sache und erzählen gern über die Zeit vor 150 Jahren.

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