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Bayern
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Gesundheit

Abstrampeln für mehr Organspenden

Nach den Manipulations-Skandalen sinkt die Zahl der Transplantationen immer weiter. Ein Pulk Radsportler der ganz besonderen Art will das ändern.
Von Reinhold Willfurth, mZ

Transplantierte und Dialysepatienten machten sich am Montag zu einer Bayern-Tour auf, um für die Transplantationsmedizin zu werben. Foto: privat

MÜNCHEN/REGENSBURG.Sogar der Himmel zeigt sich spendabel: Weißblaues Wetter und Temperaturen knapp über 20 Grad begleiten die gut 20 Radler in den knallroten Trikots am Montagvormittag vom verkehrsumtosten Autobahnzubringer im Norden Münchens in die nahen Isarauen, wo die Radtour durch Bayern gemütlich Fahrt aufnimmt. Es ist ein ganz besonderes Peloton, das sich entlang der Isar bis zum Ziel der ersten Tagesetappe, Landshut, aufmacht: Den meisten Sportler hier verdanken ihr Leben einem Menschen, dem nach dessen Tod ein Organ entnommen wurde. Jetzt leben sie mit diesem Spendorgan weiter.

Andere warten noch auf eine Spenderniere und überbrücken die Wartezeit mit regelmäßiger Dialyse. Kein Grund, in sportliche Abstinenz zu verfallen: Körperliche Anstrengung ist für Transplantierte ebenso gesund und wichtig wie für Menschen, die noch im Besitz all ihrer Organe sind.

Es gibt aber noch einen wichtigen Grund, warum sich die Teilnehmer der „Radtour-pro-Organspende“ abstrampeln: Sie wollen ihre Dankbarkeit gegenüber einem System zeigen, das durch die Aufdeckung von Manipulationen in deutschen Transplantationszentren im vergangenen Sommer bei vielen Menschen in Verruf geraten ist oder zumindest für Verunsicherung gesorgt hat.

Kein Wunder, dass die Zahl der Organspender seit dieser Zeit zurückgeht. Dr. Thomas Breidenbach von der Deutschen Stiftung Organtransplanatation (DSO) nennt bei der Pressekonferenz zum Start der Tour ernüchternde Zahlen: In Bayern, wo es an zwei Kliniken zu Manipulationen kam, darunter auch an der Uniklinik Regensburg, sind im ersten Halbjahr dieses Jahres 40 Prozent weniger Organe verpflanzt worden als im Vorjahreszeitraum. Deutschlandweit sank die Zahl der Spender im vergangenen Jahr auf den Stand von 2002. Im Januar 2013 gab es im ganzen Land nur 65 Spender. Dabei warten nach Angaben der DSO bundesweit 12 000 schwerkranke Menschen auf eine lebensrettende Transplantation. Nur ein Drittel davon kann sich Hoffnungen machen, dass dies noch in diesem Jahr geschieht.

„Es wird mehrere Jahre dauern, bis wir aus diesem Tief wieder herauskommen“, sagt Dr. Breidenbach im Gespräch mit der MZ. Nach der Änderung der Strukturen durch die Politik sei eine Transplantation jetzt vollkommen nachvollziehbar. „Es ist absolut transparent, was wir machen“, versichert der Arzt, der bis 2008 selber Organe verpflanzt hat. Um Manipulationen zu verhindern, entscheidet in allen 47 Transplantationszentren ein mindestens dreiköpfiges Gremium über die Aufnahme in die Wartelisten und deren Führung. Eine Person aus diesem Gremium darf nichts mit der Transplantationsmedizin zu tun haben. Trotz dieser Mehrfachsicherung bedarf es, so Breidenbach, noch vieler Aufklärungskampagnen, um die verunsicherten Menschen hierzulande wieder für die Organspende zu motivieren. Eine der „wunderbarsten“ Möglichkeiten hierzu sei die Radtour mit Menschen, denen eine Organspende ein neues Leben ermöglicht hat.

Peter Kreilkamp ist vor zehn Jahren eine Niere verpflanzt worden. „Das funktionierte prima, bis mein Körper die Niere wieder abstieß“, sagt Kreilkamp. Seit 2009 wartet der gebürtige Bocholter wieder auf ein Spenderorgan. Bis zum Tag X schließt sich Kreilkamp jeden Abend an sein Heimdialysegerät an. Für ihn ist es Ehrensache, bei der Tour mit dabei zu sein. „Die meisten von uns haben eine neue Niere, es fahren aber auch zwei Herzen und eine Lunge mit“, sagt Kreilkamp. Alle verspürten sie „ein großes Gefühl der Dankbarkeit“ gegenüber den Spendern und deren Angehörigen. Auf der Tour wolle man nicht nur für das segensreiche System der Transplantationen werben, sondern auch den Belegschaften der vielen Entnahme-Krankenhäusern zeigen, dass sich ihre Mühe gelohnt habe. Bei Zwischenhalten in den Krankenhäusern Freising und Landshut war am Montag Gelegenheit dazu.

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