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Bayern
Freitag, 24. November 2017 13° 3

Kriminalität

Anschlag auf Flüchtlingsheim alarmiert Amnesty

In Reichertshofen brennt eine künftige Asylbewerberunterkunft. Die Situation ruft sogar Amnesty International auf den Plan.
Von Ute Wessels und Britta Schultejans, dpa

Polizisten stehen in Reichertshofen vor einem ehemaligen Landgasthof, der in den frühen Morgenstunden in Brand geraten war. Das Gebäude war als zukünftige Unterkunft für Asylbewerber vorgesehen. Foto: dpa

Reichertshofen.Vorra, Tröglitz, Böhlen – Reichertshofen. „Es ist natürlich unrühmlich, dass wir uns da einreihen müssen“, sagt Bürgermeister Michael Franken. In der Nacht ist in der kleinen oberbayerischen Marktgemeinde eine Flüchtlingsunterkunft zum Teil in Flammen aufgegangen. Bisher habe eine Willkommenskultur geherrscht, sagt Franken. „Aber es genügt ein Verrückter, um einen Ort in Verruf zu bringen.“

Wer die Unterkunft, einen leerstehenden Gasthof, angezündet hat, war zunächst unklar. Gegen 2.50 Uhr hatte ein Nachbar das Feuer im Ortsteil Winden bemerkt und die Einsatzkräfte alarmiert. Schnell stellen die Ermittler fest: Der Brand brach an zwei Stellen aus. „Wir gehen von vorsätzlicher Bandstiftung aus“, sagt der Vizepräsident des zuständigen Polizeipräsidiums, Günther Gietl, bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz im Rathaus in Reichertshofen. Spezialisten des Bayerischen Landeskriminalamtes sind vor Ort, ebenso ein Brandspürhund.

Vorwürfe an die Staatsregierung

Ein Nebengebäude des Gasthofes brannte teilweise aus, die Polizei schätzt den Schaden auf 150 000 Euro. Am Vormittag flattert rund um das Gebäude ein rotweißes Band. Die unbekannten Täter haben die Gemeinde gebrandmarkt wie zuvor schon Meißen, Lübeck oder Escheburg, Vorra oder Tröglitz, wo ebenfalls für Flüchtlinge vorgesehene Gebäude angesteckt wurden. Zuletzt fielen sogar Schüsse auf ein Flüchtlingsheim in Böhlen bei Leipzig, Anfang Juli wurde eine geplante Flüchtlingsunterkunft im hessischen Mengerskirchen mit Schweineköpfen, Innereien und Schmierereien beschmutzt.

In Reihertshofen hat es einen Anschlag auf eine künftige Flüchtlingseinrichtung gegeben. Foto: dpa

Für Amnesty International sind die sich häufenden Anschläge längst keine Einzelfälle mehr, sondern Zeichen für verwurzelte Ressentiments in der Gesellschaft. „Der starke Anstieg rassistisch motivierter Gewalt muss ein Weckruf für die Politik sein“, betont Amnesty-Generalsekretärin Selmin Caliskan.

Für Oppositionspolitiker trägt die bayerische Staatsregierung eine Mitschuld an dem Anschlag. „ „Flüchtlingsflut“, „tausendfacher Missbrauch unseres Asylrechts“, „asylferne Zuströme“, „Armutseinwanderung“ und „Asylmissbrauch“ – das ist das Vokabular, mit dem bayerische Politiker arbeiten, wenn es um Menschen in Not, Flüchtlinge und Fremde geht“, sagt der Bundesgeschäftsführer der Linken, Matthias Höhn, in Berlin. Am rechten Rand werde dies als Aufruf zum Handeln verstanden. Die Grünen pflichten ihm bei.

Heftige Debatte im Landtag

Ausgerechnet am Donnerstag tobt eine lärmende Landtagsdebatte um die bayerische Asylpolitik. Ein Auszug: Vergangenes Jahr seien 200 000 Asylbewerber gekommen, heuer würden es 500 000, formuliert CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer. „Wenn wir nächstes Jahr eine Million haben und in zwei Jahren zwei Millionen, werden wir das im eigenen Land niemals bewältigen können. Wir müssen deshalb diesen Zustrom eindämmen.“ Die CSU hatte das Thema unter dem Motto „Klartext statt Schönreden“ auf die Tagesordnung gesetzt.

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In Reichertshofen wollen sich die Menschen von dem Anschlag nicht unterkriegen lassen. Bürgermeister Franken hofft, „dass ein Ruck durch den Ort geht nach dem Motto: Jetzt erst recht“. Das sieht auch Landrat Martin Wolf (CSU) so. Am Haupthaus, in das vom 1. September an 67 Flüchtlinge einziehen sollten, entstand lediglich Rauch- und Rußschaden. Der soll möglichst bald beseitigt sein, wie Wolf sagt – damit die Flüchtlinge wie geplant kommen können.

Die Betroffenheit in Reichertshofen ist auch deshalb groß, weil es noch vor einigen Monaten heftige Diskussionen um den Zuzug von Asylbewerbern gegeben hatte – die Wolf zufolge mit einem „guten Kompromiss“ beendet wurden. Schon seit etwa zwei Jahren leben 75 Flüchtlinge in der Marktgemeinde. Mehr als 100 weitere sollten in den Ortsteil Winden gebracht werden. Das bereitete vielen Anwohnern Sorgen. Schließlich habe man sich auf 67 geeinigt, sagte Wolf. Daraufhin sei es ruhig geworden um das geplante Flüchtlingsheim.

Auch Pfarrer Michael Schwertfirm ist betroffen: „Für mich kommt das völlig überraschend. Ich bin geschockt. Die Stimmung im Ort war gut, nachdem die Flüchtlingsfrage geregelt war.“ Pizzabäcker Vito pflichtet ihm bei: „Die Menschen hatten es akzeptiert, es ist hier friedlich.“ Der Italiener kann nicht glauben, dass der Täter aus Winden kommt und spekuliert: „Vielleicht war es ein Auswärtiger?“

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