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Bayern
Montag, 11. Dezember 2017 4

Glaubensserie

Auf dem Friedhof tobt das Leben

Die Soziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzler haben sich auf dem Regensburger Dreifaltigkeitsberg nach ungewöhnlichen Grabsteinen umgesehen.
Von Christine Strasser, MZ

  • Thorsten Benkel und Matthias Meitzler blicken fasziniert auf einen Grabstein, den ein Kreuzfahrtschiff ziert.Fotos: Gabi Schönberger
  • Manche Lebensbilanz fällt ernüchternd aus. Den Satz „Von seinem Leben und seinen Mitmenschen schwer enttäuscht“ hinterlässt Alfred seiner Nachwelt.
  • Fotos sind auf den Friedhöfen auf dem Vormarsch.
  • An einer Urnenwand klemmt die Autogrammkarte von Michl Müller.

Regensburg.Karl telefoniert. Er hat das Handy im Ohr und lacht in die Kamera. Ein Schnappschuss. Thorsten Benkel schaut, zückt seine kleine Kamera und fotografiert. Dann nimmt er die nächste Gräberreihe ins Visier. Zusammen mit seinem Kollegen Matthias Meitzler spaziert er über den Städtischen Friedhof am Regensburger Dreifaltigkeitsberg. In Bayern sind Fotos auf Grabsteinen typisch, sagt Benkel, der als Akademischer Rat an der Universität Passau arbeitet. Waren es allerdings früher strenge Porträtaufnahmen, sind es heute Szenen aus dem Alltag. Beim Abschreiten des Regensburger Friedhofs entdecken die Soziologen beispielsweise die Aufnahem einer Frau in einem Wohnzimmer und von einem Mann, der vor einem Geschenketisch steht.

Benkel und Meitzler sind Soziologen, die die Verbindung von Tod und Gesellschaft untersuchen. Mehr als 500 Friedhöfe in Deutschland und Österreich haben sie bereits besucht. Benkel stoppt erneut und frohlockt, als sein Blick auf einen Grabstein fällt, der aus drei schwarzen Marmorplatten besteht. „Das ist unsere Welt“, sagt Benkel. Martin, der hier begraben ist, wurde 56 Jahre alt. Die Platten sind mit einem Kruzifix, einer Rose und einem Baum, von dem ein Blatt abfällt, verziert. In goldener Schrift steht „Das Leben eines Waldbauernbuben“ über dem Namen des Verstorbenen. Eine Inschrift, die auf die Persönlichkeit schließen lässt. Für Benkel ist sie ein Beispiel dafür, dass der Friedhof mittlerweile von der Individualisierung eingeholt wurde.

Lebendiger Ausdruck von Trauer

Bei ihrer Feldforschung haben die Soziologen festgestellt, dass der Friedhof eine kulturelle Einrichtung ist, die sich weiterentwickelt. Er gibt Einblick in die Art und Weise, wie Menschen Abschied nehmen und sich erinnern. Er zeigt, wie sie ihre Trauer ausdrücken und mit einem Verlust umgehen, aber auch, wie die Verstorbenen gelebt haben, was ihnen wichtig war und was von ihnen bleiben soll. Benkel und Meitzler sind fasziniert von Gräbern und Inschriften, die auf überraschende, erschreckende, ergreifende, skurrile, drastische, provokante, irritierende, aber auch humorvolle Weise von dem abweichen, was man als „Mainstream“ erachtet.

An einer Urnenwand auf dem Dreifaltigkeitsberg klemmt eine Autogrammkarte des fränkischen Kabarettisten Michl Müller. „Für Königin Mutter“ steht darauf. Hat der Kabarettist das vor oder nach dem Tod der Verstorbenen geschrieben? Die Karte ist eingeschweißt. Benkel und Meitzler sagen, dass solche Botschaften (auch) an die Lebenden gerichtet sind. Dass Angehörige – vor allem Teenager und Enkel – einem Toten Briefe schreiben, sei gar nicht so ungewöhnlich. Wenn sie offen auf das Grab gelegt werden, in Folie gepackt, sei davon auszugehen, dass sie auch von den vorbekommenden Friedhofsbesuchern gelesen werden sollen.

Auch der helle Grabstein einer Frau fesselt die Aufmerksamkeit der Soziologen. Obenauf ist ein Schiff mit drei Schornsteinen herausgearbeitet. „Ein Kreuzfahrtschiff“, schlussfolgert Benkel. Er zückt wieder den Fotoapparat. Unter dem Schiff ist eine blaue Plexiglasplatte eingelassen. Meitzler betrachtet das Bild der Verstorbenen ganz genau. Es zeigt eine ältere Frau. Unternahm sie gerne Kreuzfahrtreisen? Andererseits ist ein Schiff auch ein christliches Symbol... „Jedenfalls ist das sehr originell“, urteilt Benkel. „Das hat ja kein Steinmetz so auf Lager. So einen Stein muss jemand eigens in Auftrag geben.“

Der Elefant ist die neue Taube

„Es gibt auf dem Friedhof nichts, das es nicht gibt“, versichern die Soziologen. In Regensburg entdecken sie einen Grabsteine, in den eine Burg eingemeißelt ist, auf einem anderen ist die Figur eines Fahrradfahrers aus Eisen angebracht. Vor einem Grab steht ein Gartenzwerg, ein anderes ist mit einer Taube verziert, an einemweiteren haftet das Bild einer Katze. Tiere treten Benkel zufolge immer wieder auf – als Statuen, auf Fotos und eingraviert. Die häufigsten Tiere: Katzen – und Elefanten. „Elefanten sind die neuen Tauben“, erzählt Benkel und dass er selbst davon überrascht gewesen sei, wie oft er die Dickhäuter auf Friedhöfen gesehen habe. „Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Fußball“, sagt Meitzler. Kaum ausgesprochen, schon fällt der Blick auf ein neues Abteil und auf einem Grabstein ist tatsächlich ein Fußball eingraviert. „Das ist oft so“, schmunzelt Meitzler. „Kaum spricht man von etwas, schon taucht es auf.“

Die Inschrift, die Benkel später als „Fund des Tages“ bezeichnen wird, finden die Soziologen auf einem älteren, am Rande gelegenen Teil des Friedhofs. Sie ist halb von Tannenzweigen und sprießenden Frühjahrsblumen verdeckt. „Von seinem Leben und seinen Mitmenschen schwer enttäuscht“, gibt Alfred der Nachwelt mit. Benkel und Meitzler sagen, dass Gräber mehr und mehr von der religiös geprägten Jenseitsaussicht abrücken und den Lebensrückblick in den Vordergrund stellen. Benkels These: „Die Gräber sind eine Art letzte Visitenkarte.“

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