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Forschung

Aus tiefen Wunden werden Narben


Von isolde Stöcker-Gietl, MZ

Allein mit der Angst und den Schuldgefühlen: Für Jugendliche mit PTBS gibt es eine neue Therapie.Foto: Fotolia

Es war beim Volksfest. Ein Bekannter, nennen wir ihn Markus, feierte mit Anna bis spät in die Nacht hinein. Es wurde getrunken, getanzt und geflirtet. Eigentlich alles ganz harmlos, auch wenn ihre Mutter die 15-Jährige gewarnt hatte. „Pass gut auf dich auf und geht nicht ohne deine Freundinnen zum Bus“, hatte sie Anna zum Abschied mitgegeben. Die hatte nur gelacht. Und ging statt mit ihren Freundinnen mit Markus. Der Weg führte direkt in die Katastrophe. Anna wurde von ihrem Bekannten vergewaltigt. Seitdem kann sie nicht mehr richtig schlafen, , leidet unter wiederkehrenden, sich aufdrängenden Bildern vom Ereignis, traut sich kaum noch aus dem Haus und fügt sich mit Messern und Scheren blutende Schnitte zu. Im Rahmen einer Studie an der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz in Ingolstadt soll Anna nun eine neue Therapie für Jugendliche durchlaufen, durch die sie lernen soll, besser mit dem Trauma zu leben.

Studie an der KU Ingolstadt

Anna heißt natürlich nicht Anna. Und ihr Fall ist auch nicht genau so passiert. Anna steht für eines von vier Mädchen und einen von elf Jungen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden. Etwa zehn Prozent der Kinder erleben körperliche Misshandlungen – die Dunkelziffer dieser Fälle liegt wohl noch viel höher. Ein Teil von ihnen entwickelt nach solchen Gewalterlebnissen eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Doch während es für Kinder und Erwachsene inzwischen gute Behandlungsmöglichkeiten dieser psychischen Erkrankung gibt, wurde für Jugendliche bisher noch kein geeignetes Verfahren gefunden.

Daran arbeitet nun Prof. Dr. Rita Rosner, Lehrstuhlinhaberin für Klinische und Biologische Psychologie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU). Die Uni ist neben Frankfurt und Berlin Teil eines Forschungskonsortiums, das eine neue Behandlungsform des PTBS an 14- bis 21-Jährigen erprobt. Das Bundesforschungsministerium beteiligt sich mit 1,4 Millionen Euro an der Studie. Die ersten Ergebnisse sind sehr vielversprechend, sagt die Wissenschaftlerin.

Die Jugendlichen, die zu Rosner und ihrem Team kommen, haben in ihrem jungen Leben viel durchgemacht. Sie wurden von Familienmitgliedern oder von Freunden missbraucht, sie wurden Augenzeuge einer Bluttat oder überlebten einen Unfall. Allen gemein ist, dass sie das Geschehen nicht aus eigener Kraft verarbeiten können. „Etwa zehn Prozent der Betroffenen entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung nach einem traumatischen Ereignis“, erläutert Rosner. Die Anzeichen dafür sind unterschiedlich. Während sich junge Frauen eher zurückziehen, Freunde und Hobbys vernachlässigen oder sich selbst Schmerzen zufügen, können bei jungen Männern auch Aggressionen und Gewalttaten Anzeichen für eine PTBS sein.

Weil aber Jugendliche durch die Pubertät sowieso schon eine schwierige Phase durchlaufen, sei eine psychotherapeutische Behandlung komplexer als im Kindes- oder im Erwachsenenalter. „Die Pubertät ist eine instabile Zeit, die Jugendlichen durchlaufen viele Veränderungen, auch im Gehirn. Diese Umstände müssen in der Traumatherapie berücksichtigt werden.“

90 Jugendliche werden an den drei Forschungszentren in Ingolstadt, Frankfurt und Berlin in den kommenden Monaten im Rahmen der Studie behandelt. Derzeit werden noch therapiewillige Jugendliche für das Forschungsprojekt gesucht. „Rund vier Monate“, sagt Rosner, dauert die Behandlung. Es sei eine kurze, aber auch sehr intensive Phase, die alle Beteiligten durchlaufen. Denn auch den Therapeuten wird dabei viel abverlangt. „Wir haben bei der Vorstudie bereits festgestellt, dass die Therapeuten viel mehr Supervision brauchen, als bei anderen Verfahren“, so Rosner.

Ablenken mit Musik und Chilischote

Die Teilnehmer der Studie werden nach festgelegten Kriterien ausgesucht. Zunächst wird festgestellt, ob es sich tatsächlich um eine psychische Erkrankung in Form einer PTBS handelt. Desweiteren dürfen die Jugendlichen akut nicht von Drogen oder Alkohol abhängig sein und müssen so weit psychisch stabil sein, dass sie die anspruchsvolle Therapie durchstehen können. „In der intensiven Phase gibt es mehrere Sitzungen pro Woche“, erläutert die Studienleiterin.

Die viermonatige Behandlung wird in mehreren Schritten durchgeführt. Zunächst durchlaufen die Jugendlichen eine sogenannte Motivationsphase, in der ausgelotet wird, ob die Teilnehmer zuverlässig an den Sitzungen teilnehmen und sich an Vereinbarungen halten. In dieser Zeit werden auch die Therapieziele definiert. In der sogenannten Emotionsregulationsphase lernen die Jugendlichen, wie sie mit intensiven Emotionen umgehen können. „Ein Mädchen, das sich schneidet, wenn Bilder der Gewalttat hochkommen, bekommt Werkzeuge an die Hand, wie es sich ohne Schmerzen auf andere Gedanken bringen kann.“ Das kann Lieblingsmusik sein, aber auch der Biss in eine Chilischote. „Die brennende Schärfe auf der Zunge lenkt ab“, sagt Rosner.

Erst, wenn die Jugendlichen in der Lage sind, mit diesem sogenannten Notfallkasten umzugehen, beginnt die eigentliche Aufarbeitung des Traumas. Aufarbeitung deshalb, weil es eine vollständige Heilung – in dem Sinne, dass man die gleiche Person wie vor dem traumatischen Ereignis ist – nicht gibt. „Es wird immer ein Teil des Lebens sein. Die Therapie hilft, besser mit dem Erlebten umzugehen und ein weitgehend normales Leben zu führen“, sagt Rosner. Für Jugendliche, die über viele Jahre hinweg missbraucht wurden, sei dies aber weitaus schwieriger zu erreichen. „Sie haben über einen langen Zeitraum das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie nichts wert sind, dass sie selbst schuld an den Taten sind – diese Gefühle umzukehren ist nicht leicht.“

Zwei Jahre wird die Studie laufen, parallel dazu gibt es in der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz auch eine Studie, die sich mit PTBS bei Kindern im Alter zwischen sieben und 14 Jahren befasst. Auch in dieser Studie sind noch Plätze frei.

Anna wird in ein paar Monaten die ersten Schritte zurück in ein normales Leben getan haben. Nach der Therapie soll sie in der Lage sein einen Schulabschluss zu machen, einen Beruf zu erlernen und später eine Familie zu gründen. Auch die erlebte Vergewaltigung wird weiter Teil ihres neuen Lebens sein. Doch ihr Leben bestimmen, das soll die Vergewaltigung nicht mehr.

Infos zur Studie in Ingolstadt:

An der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hat Anfang Juli eine zweijährige Studie für traumatisierte Jugendliche begonnen.

Noch werden Teilnehmer gesucht. Die Therapie richtet sich an 14- bis 21-Jährige, die nach Gewalterfahrungen in der Familie oder im Bekanntenkreis oder durch andere traumatische Ereignisse wie Unfälle eine posttramatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt haben.

Neben der KU Eichstätt-Ingolstadt beteiligen sich die Universitäten in Frankfurt und Berlin, das Max-Planck-Institut sowie die Universitäten Bielefeld und Hamburg an der Studie.

Getestet wird ein etwa viermonatiges Therapieverfahren, das die Symptome der PTBS deutlich verringern soll.

In einer Vorstudie wurde bereits festgestellt, dass neben den PTBS-Symptomen, zu denen das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen, Angst- und Unruhezustände. Schlaflosigkeit sowie andere Störungen wie Depressionen gehören, deutlich abnahmen.

Betroffene Jugendliche, die sich für die Studie interessieren, können mit der Hochschulambulanz in Ingolstadt Kontakt aufnehmen. Termine werden kurzfristig vergeben. Ansprechpartnerin ist Dipl.-Psych. Anna Vogel. Sie ist erreichbar unter anna.vogel@ku.de oder telefonisch unter 0841/937 19 56.

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