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Bayern
Montag, 11. Dezember 2017 3

Weihnachtsmarkt

Ayurveda statt „Last Christmas“

Unterwegs auf dem Winter-Tollwood. Der alternative Markt bietet skurrile Klänge, eine unkeusche Krippe – und Schoko-Fastfood aus Regensburg.
von Sebastian Heinrich, MZ

  • Suchtfaktor: Thomas Bieringer vor seinem Schoko-Döner-Spieß. Foto: Matthes
  • Beklemmend: Das „Café Bad Connection“. Foto: Heinrich
  • Melodiös: Karl Riedl mit einer seiner Drehleiern. Foto: Kronawitter

München.Für die Lambada können die Veranstalter nichts. Kaum ist die Rolltreppe an der U-Bahn-Station Theresienwiese auf halbem Weg nach oben, hören die Besucher die Noten des Achtzigerjahre-Songs. Wie gesagt, für die Lambada können die Organisatoren des „Winter-Tollwood“ nichts. Ein Straßengeiger spielt den Sommer-Sound. Aber der ganz unadventliche Empfang stimmt würdig ein auf das vorweihnachtliche Event, das möglichst weit weg sein will von den vielen Christkindlmarkt-Fressmeilen im restlichen Freistaat.

Seit 1991 gibt es das „Winter-Tollwood“, als Ableger des drei Jahre zuvor gegründeten alternativen Sommer-Festivals im Olympiapark. Die Grundsäulen sind seit 22 Jahren gleich: Bio-Gastronomie, ein Kulturzelt mit täglichen Auftritten – und ein „Markt der Ideen“, ein Weihnachtsmarkt mit freiem Eintritt.

Eisernes Mahnmal als Herzstück

Der zweite Tollwood-Eindruck trifft die Augen: Der Asphalt vor dem Eingang ist übersät von violetten und blauen Punkten – einer Lichtinstallation sei dank. Gut hundert Meter weiter, vorbei am schummrigen Licht eines Stands mit Kupferlichtern, wartet das metallene Herzstück des diesjährigen Festivals: Das „Café Bad Connection“, eine riesige, begehbare Gitterskulptur. Die Installation soll ein Mahnmal gegen industrielle Tierhaltung sein. Sie ist unterteilt in 18 Käfige. 80 Zentimeter mal 1,10 Meter ist jeder groß, zwei Menschen können sich mit Mühe hineinzwängen – und spüren am eigenen Menschenleib, was eine Legehenne ihr Leben lang erleidet. Wer will, lässt sich am Eingang Brot und Wasser reichen.

Nach dem Rundgang im „Café“ eröffnen sich deutlich verlockendere Ess-Optionen. Die Duftmarken von schlesischen Bratwürsten, Cevapcici und Bio-Köttbullar würzen die Luft auf dem Freigelände. Im Zelt der „Food-Plaza“ riecht es nach Curry, Ingwer und Erdnuss-Soße. In der „Futterkrippe“ rührt Atulya Enzmann in einer süßlich-pikant riechenden Karotten-Weißkohl-Pfanne.

„Ayurvedische Küche“ serviert Enzmann an ihrem Stand. Gerichte, die „die Elemente in uns befrieden“, wie sie sagt. Die Rohstoffe_ saisonal, nicht tierisch. Nur Essen, „das Energie hat“ – Konserven sind tabu. Indisch aber seien an ihrer Ayurveda-Küche nur der Name und die Gewürze, sagt die Augsburgerin Enzmann. Die Produkte kämen aus der Region.

Rund um den Ayurveda-Imbiss, originelle Tollwood-Ästhetik: Lounge-Musik hallt durch die „Futterkrippe“, am Eingang stehen übergroße Statuen der Heiligen Drei Könige, der schwarze Caspar trägt Rasta-Locken. Gegenüber Statuen der Geburtsszene: Das Christuskind saugt an Marias Brust, die ihr blauer Umhang ganz unkeusch unbedeckt lässt.

Raus aus der anheimelnden „Futterkrippe“, wenige Meter durch die kalte Abendluft, schon steht der Besucher im „Bazar“. Riesige Ventilatoren an der Decke verteilen die warme Luft – ein angenehmer Kontrast zu winterlich-überhitzten Kaufhäusern – über das riesige Zelt. An den Ständen viele klischeehaft-alternative Angebote: Zimtsohlen, tibetanische Klangschalen, Maler asiatischer Schriftzeichen. Hinter einem schwarzen Vorhang wartet ein Handleser auf Kundschaft.

Wenige Meter weiter steht Silke Gottschalk an ihrem Stand. Er ist verkleidet mit weißen Gipsplatten, an ihnen hängen verkratzte Holzstücke, die mit Stencil-Art-Motiven verziert sind. „Home is where the heart is“ steht auf einem. Er ist mit brauner Farbe dekoriert, ein Teil davon ist abgeschabt, ein Kleiderhaken ist auf dem Holz fixiert.

Gottschalk bietet echte Bruchstücke Berliner Geschichte an: Dielen aus Holzfußböden, die jahrzehntelang in Hauptstadt-Wohnungen ausgelegt waren. Auf Baustellen sammelt die Diplom-Designerin ihren Rohstoff. Der alte Bodenbelag würde auf dem Sondermüll landen – wenn Gottschalk ihn nicht seit 2004 durch Schablonen besprühte und so zu Kunstwerken verarbeitete: vom Kühlschrankmagneten bis zur Garderobe.

Dem Bazar schräg gegenüber liegt das zweite Marktzelt auf dem Tollwood-Gelände. „Mercato“ heißt es. Schon am Eingang sind die schnarrenden, langgezogenen Klänge von Karl Riedls Stand unüberhörbar. Immer wieder kurbelt der Münchner eine seiner Drehleiern an, entlockt ihr mit den Tasten am unteren Ende Melodien von klassisch bis skurril.

„Musik ist eine Form der Nahrung“

Riedl baut und verkauft alte Musikinstrumente. 780 bis 2690 Euro kosten die Drehleiern. Für kleinere Geldbeutel gibt es Plastik-Dudelsäcke für unter hundert Euro. Vor knapp 30 Jahren hat sich der Geigenbaumeister auf alte Instrumente spezialisiert. Weil die mittelalterlichen Geräte seit Jahren immer beliebter werden, kann er gut von diesem Handwerk leben – das ihn überdies seelisch befriedigt, wie er sagt. „Für mich“, schließt er, „ist Musik eine Form der Nahrung.“

Mit profanerem Futter versorgt draußen Thomas Bieringer die Besucher. „Schoko-Döner“ steht über dem Stand des Regensburgers, in dem ein Spieß mit schwarzen, weißen und braunen Schokoladenscheiben steht. Das süße Fastfood besteht aus einem heißen Biskuit-Fladen, in den vom Spieß gesägte Schoko-Raspel kommen, Schlagrahm und ein Topping. Vergangenes Jahr, als Bieringer mit dem Schoko-Döner debütierte, standen bisweilen 200 Leute vor seinem Stand. Neben der Bude betreibt Bieringer, vormals Flamenco-Gitarrist, eine Firma für Netzwerkprodukte im Regensburger Stadtteil Kumpfmühl. Wer den Döner einmal probiert habe, sagt er, sei „drogenabhängig“.

Hinter dem Schoko-Döner-Stand dröhnt aus den Lautsprechern der „Schweden-Bar“ jetzt „Poison“, die giftige Hymne von Schock-Rocker Alice Cooper. „Last Christmas“ war heute noch kein einziges Mal zu hören.

Zum „Schoko-Döner“ auf dem Tollwood finden sie eine Audio-Slideshow auf www.mittelbayerische.de.

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