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Bayern
Montag, 11. Dezember 2017 5

Marmorköpfe

Berliner Kunst dominiert die Walhalla

Die meisten Büsten stammen von Schadow, Tieck und Rauch. Münchner Bildhauer kamen erst ab 1838 stärker zum Zuge.
Von Ulrich Kelber, MZ

Es war wohl ein Akt des Aufbegehrens gegen Napoleon, dass Ludwig ausgerechnet in Berlin, wo der französische Feldherr 1806 mit seinen Truppen einmarschiert war, die ersten Aufträge für seinen „teutschen Ruhmestempel“, der Walhalla über Donaustauf, vergab. Foto: Armin Weigel/dpa

Regensburg.Das Schönste an der Walhalla ist die Landschaft, in die der Ruhmestempel eingebettet ist. Die meisten Besucher genießen ausgiebig den Blick in die Weite des Donautals, während der Rundgang durch den Innenraum häufig recht kurz ausfällt. Zwischen fünf und zehn Minuten blieben die Besucher, räumte vor etlichen Jahren der damalige Walhalla-Verwalter Robert Raith auf die Frage eines „Zeit“-Autors ein, der dann in seinem Text einen blumigen Vergleich zog: „Die Besucher schlendern an den Büsten vorbei wie an Käfigen mit seltenen Tieren.“

Zugegeben: Von den aufgereihten Marmorköpfen wird man auch schier erschlagen. Die Porträtbüsten stammen zwar meist von bedeutenden klassizistischen Bildhauern des 19. Jahrhunderts. Aber es macht Mühe, alle stilistischen Feinheiten zu erkennen. Mehr her als die Büsten macht die sonstige künstlerische Ausstattung des großen Saales: Die Karyatiden aus der Werkstatt des Münchner Bildhauers Ludwig Schwanthaler, die von Christian Daniel Rauch entworfenen Viktorien und dann die überlebensgroße Thronfigur des Walhalla-Stifters Ludwig I., die 1890 von Ferdinand von Miller gestaltet und vom „dankbaren Volk“ aufgestellt wurde.

Wie ein Comic ohne Sprechblasen

Mühe macht dem Betrachter der Relieffries. Er ist zwar wie ein Comic gestaltet, aber es fehlen halt zum Verständnis die „Sprechblasen“. Dabei sollen die Figuren erklären, wie es zu dem griechischen Tempel in der bayerischen Landschaft gekommen ist. Da ging man nämlich von der Vorstellung aus, dass Griechen, Römer und Germanen ihre gemeinsame Herkunft im Kaukasus gehabt hätten und sie deshalb durch ihre kulturelle Tradition eng verbunden seien. Das Relief zeigt nun Szenen vom Aufbruch der Germanen, ihren Zug über die Donau, schildert ihre Lebensweise, endet schließlich mit Darstellungen der Eroberung Roms und der Christianisierung durch Bonifaz.

Da sollte man bei der Walhalla vielleicht mal einen Museumspädagogen beschäftigen. Ein neues didaktisches Konzept hat jetzt jedenfalls Finanzminister Markus Söder bei der Jubiläumsfeier versprochen. Geplant ist auch eine „Walhalla-App“. Ein neuer amtlicher Führer mit einem Umfang von 200 Seiten ist bereits erschienen, der mit einem Preis von sechs Euro auch erschwinglich ist. Der bisherige Walhalla-Führer erinnerte noch stark an die viel verspottete Schrift von König Ludwig I. „Walhallas Genossen“.

Wie kam es dazu, dass die Erstellung der Walhalla-Büsten zu einer Domäne von Berliner Künstlern wurde? Die Kunsthistorikerin Simone Steger hat vor einigen Jahren in ihrer Dissertation an der Münchner Maximilian-Universität (sie ist im Internet abrufbar) die Entstehungsgeschichte der Büsten untersucht.

Ludwigs Vorgabe: Carrara-Marmor bester Qualität

Am 27. Oktober 1806 hielt Napoleon mit einem Triumphzug durchs Brandenburger Tor Einzug in das von französischen Truppen besetzte Berlin. Im Gefolge Napoleons befand sich auch – der recht widerwillige – bayerische Kronprinz Ludwig. Und es war wohl ein Akt des Aufbegehrens, dass Ludwig ausgerechnet in Berlin die ersten Aufträge für seinen „teutschen Ruhmestempel“ vergab.

Gottfried Schadow, seit 1788 Hofbildhauer in Berlin und einer der bedeutendsten Künstler des Klassizismus, profitierte besonders stark, denn bereits im Januar 1807 bestellte der Kronprinz bei ihm elf Büsten. Schadow, der eine große Werkstatt mit zahlreichen Schülern und Gehilfen unterhielt, war recht dankbar, denn in den Zeiten der Kriegswirren war die Auftragslage für Künstler schlecht. Von „Hülfe, die hier zur rechten Zeit eintraf“, sprach Schadow. Ludwig sei ein „Schutzpatron in diesen harten Tagen“ gewesen. Bei der Bezahlung war Ludwig allerdings knauserig. Als Kronprinz waren seine finanziellen Mittel noch beschränkt. 50 Louisdor bezahlte er für eine Büste (das dürfte nach heutiger Kaufkraft einem Wert zwischen 10 000 und 20 000 Euro entsprechen). Der Künstler musste davon aber den Stein – vorgeschrieben war Carrara-Marmor bester Qualität – und dessen Transport bezahlen.

Überliefert ist die Klage des aus der Nähe von Deggendorf stammenden Bildhauers Joseph Kirchmayer, der 1811 an der Büste des Humanisten Ulrich von Hutten arbeitete. Er rechnete vor, dass der Marmorblock schon elf Louisdor kosten würde, der Transport weitere fünf Louisdor.

Es kam später vor, dass einige Künstler Arbeitsüberlastung vorgaben, um die wenig lukrativen Aufträge Ludwigs abzulehnen. Der Stuttgarter Bildhauer Johann Heinrich Dannecker, von dem in der Walhalla die Büsten Schillers und Glucks stammen, versuchte, von Ludwig einen „Nachschlag“ zu bekommen. Das Ergebnis war, dass Ludwig weitere Bestellungen bei Dannecker stornieren ließ.

Von Schadow befinden sich 14 Büsten in der Walhalla (zwei weitere stammen von seinem Sohn Ridolfo Schadow). Nicht immer scheint Ludwig mit Schadow zufrieden gewesen sein. Es war zwar durchaus üblich, dass der Bildhauer nur das Ton- oder Gipsmodell des Porträtkopfes modellierte, während die Arbeit am Marmorblock von den Werkstatt-Gehilfen und Schülern ausgeführt wurde. Erst die letzten Feinarbeiten wurden wieder vom Künstler selbst übernommen. Und da war Schadow nach Auffassung des Kronprinzen wohl manchmal etwas nachlässig.

Inspiriert von Rom: Tieck und Rauch

Zu Ludwigs Favoriten wurden zwei Schadow-Schüler: Christian Friedrich Tieck und Christian Daniel Rauch. In der Walhalla ist Tieck mit 23 Büsten, Rauch mit acht (weitere Werke von ihnen landeten in der „Ruhmeshalle“ oder in der Pinakothek). Tieck lebte sogar mehrere Jahre in Carrara, um direkt vor Ort am Stein zu arbeiten. Erst 1819 kehrte er nach Berlin zurück, wo mit der Bauplastik für das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt eine neue Aufgabe auf ihn zukam. Auch Rauch konnte sich bald über größere Aufträge freuen, schuf in ganz Deutschland zahlreiche Denkmäler, darunter auch das Max-Joseph-Denkmal in München vor dem Nationaltheater.

An Tieck und Rauch dürfte Ludwig besonders gefallen haben, dass sich beide Bildhauer längere Zeit in Rom aufgehalten hatten, in der Stadt, der er sich besonders verbunden fühlte, wo er gerne in der deutschen Künstlerkolonie verkehrte, wo er 1827 mit der „Villa Malta“ eine Sommerresidenz erworben hatte und wo er seiner geliebten Marchesa Florenzi nahe sein konnte. Bei seinen Rom-Besuchen gab sich Ludwig gerne generös und verteilte Aufträge an viele jüngere Künstler, meist Schüler des berühmten Bertel Thorvaldsen. Von Eduard Schmidt von der Launitz stammt die Porträtbüste von Justus Möser. Der Wiener Bildhauer Johann Nepomuk Schaller, der von 1812 bis 1823 in Rom lebte, übernahm die Porträts von zwei Österreichern – von Feldmarschall Schwarzenberg und von Graf Trautmannsdorf. Der in Memmingen gebürtige Johannes Leeb hielt sich dank eines Stipendiums für mehrere Jahre in Rom auf, bis er sich 1826 in München niederließ. Von ihm befinden sich in der Walhalla die Büste des Freiherrn vom Stein und die des niederländischen Arztes und Naturforschers Hermann Boerhaave. Der in Maastricht geborene Mathieu Kessels (er starb 1836 in Rom) durfte das Bildnis seines niederländischen Landsmannes, des Seehelden Maarten Tromp, schaffen. Der Berliner Wilhelm Matthiä, der 1828 ins Thorvaldsen-Atelier kam, verewigte den Buchdruck-Erfinder Johannes Gutenberg in Marmor. Erst als Thorvaldsen 1838 nach Dänemark zurückgekehrt war, schlug die Stunde der Münchner Künstler, vor allem Ludwig Schwanthaler, ebenfalls ein ehemaliger Schüler Thorvaldsens, ist hier zu nennen. Vor allem Ludwig Schwanthaler ist dabei zu nennen – auch er war ein ehemaliger Thorvaldsen-Schüler. Von seiner Hand stammen die Büsten von Kaiser Karl V., Kaiser Friedrich Barbarossa sowie von Wolfgang Amadeus Mozart(eine erste Mozart-Büste von Heinrich Keller war verworfen worden). Ähnlich war es bei dem Astronomen Johannes Kepler. Da gab es schon seit 1808 die Büste des Bildhauers Philipp Jakob Scheffauer, die später König Ludwig nicht mehr gefiel. So kam bei der Neuanfertigung Peter Schöpf zum Zuge, ein Freund Schwanthalers und ebenfalls ein Künstler mit Rom-Erfahrung.

Welche Büsten sind nun künstlerisch besonders bedeutsam? In Dehios „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler“ werden die Kant-Büste und der Wieland von Schadow, der Schiller von Dannecker sowie Goethe und Herder von Tieck als herausragend hervorgehoben. Es lohnt sich also doch, genau hinzuschauen!

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