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Bayern
Freitag, 15. Dezember 2017 6

MZ-Serie

Betrieb verschwindet in Erdkrater

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: Im November 1981 reißt es Teile der VAW Stulln in die Tiefe. Wie durch ein Wunder gab es keine Verletzten.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Einen Durchmesser von 50 Meter hatte der Krater, in dem im November 1981 Teile der Vereinigten Aluminiumwerke Stulln versanken.Fotos: Luftbild der Pressebildagentur Peter Hartmann; Jürgen Arbogast (3)

Stulln.Es ist die erste Meldung, die der Bayerische Rundfunk am 15. November 1981 in den 9-Uhr-Nachrichten verliest: Fünf Gebäude des Flussspatbetriebes der Vereinigten Aluminium-Werke (VAW) in Stulln (Lkr. Schwandorf) sind in der Nacht zum Volkstrauertag in einem 30 Meter tiefen Erdkrater versunken. Es ist ein Wunder, dass es nur einen Millionenschaden gibt und keine Verletzten. Hätte sich das Erdloch an einem normalen Arbeitstag aufgetan – dann wäre es zu einer weitaus schlimmeren Katastrophe gekommen. „Eher kann man verunglückte Höhlenforscher in Berchtesgaden retten, als man damals Menschen hätte retten können, die im Krater versunken wären“, ist der erste Bürgermeister der Gemeinde, Hans Prechtl, heute überzeugt.

„Wie in einem Science Fiction Film“

In jener Samstagnacht waren gegen 23 Uhr noch zehn Mitarbeiter im Bereich der sogenannten Säureherstellung im Dienst. Zwei von ihnen befanden sich in der Fabrikationshalle, als dort der Boden immer heftiger zu beben anfing. Wenig später bemerkten die Männer Risse in den Wänden. Sie reagierten geistesgegenwärtig und schaltete sofort sämtliche elektronischen Anlagen zur Säureherstellung ab, bevor sie selbst ins Freie flüchteten. Was dann in den kommenden eineinhalb Stunden auf dem Gelände passierte, brannte sich bis heute in das Gedächtnis der Menschen in Stulln ein.

Ein riesiger Krater tat sich auf. Sein Durchmesser: 50 Meter. Darin versanken innerhalb kürzester Zeit die fluorchemischen Produktionsanlagen, die in unmittelbarer Nähe stehenden drei Stahlsilos befüllt mit Aluminiumfluorid und Aluminiumhydroxid sowie das Konzentratlager, die Trocknungs- Mahl- und Klassieranlage und die Flussäureanlage. Ein 72 Meter hoher Kamin stürzte durch die Erschütterungen ebenfalls um. Außerdem verschluckte der Krater Gleise, Zufahrtsstraßen und sogar einen vollbeladenen Eisenbahnwaggon. „Wie in einem Science Fiction-Film“, sagte einer der erschütterten VAW-Mitarbeiter der MZ damals an der Unglücksstelle.

Diplom-Ingenenieur Hagen Lehnerdt war der Mann, der den versammelten Journalisten an jenem Novembertag 1981 bei einer improvisierten Pressekonferenz das Ausmaß der Schäden erläutern musste. Er war damals der verantwortliche Direktor für das Stullner VAW-Werk und wurde von den Arbeitern als Erster über die sich abspielende Katastrophe informiert. Damals sagte er noch am Unglücksort wie erleichtert er darüber sei, dass keine Beschäftigten verletzt wurden. Doch gleichzeitig musste er auch den Mitarbeitern die bittere Pille verabreichen, dass durch das Unglück ihre Arbeitsplätze in Gefahr sein könnten.

Trinkwasser nicht mehr aus der VAW

Der heute 84-Jährige lebt noch immer nahe dem einstigen Unglücksort, wo heute das Unternehmen Fluorchemie Stulln, das 1994 aus der VAW hervorging, Fluorid aus Flussspat herstellt. In seinem Haus hat er Filme und Fotoalben aufbewahrt, die an das Unglück erinnern. Sie dokumentieren das immense Ausmaß der Schäden ebenso wie das unfassbare Glück, das die Arbeiter hatten. Denn Flusssäure ist kein ungefährlicher Stoff. Er wird bei der Aluminiumherstellung eingesetzt und ist das am häufigste verwendete Ätzmittel in der Halbleiterproduktion. Aber auch bei der Herstellung von Teflon-Pfannen oder Zahnpasta kommt der Stoff zum Einsatz.

Die Gefährlichkeit der hochkonzentrierten Stoffe war es auch, die den Katastropheneinsatz in Stulln besonders machte. Feuerwehren aus dem gesamten Landkreis wurden alarmiert. Polizei und auch der damalige Landrat Hans Schuierer waren vor Ort, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Der Wasserförderzug des Landkreises Schwandorf wurde herbeigerufen, da Flusssäure, wenn sie an die Luft gelangt, verdampft und eine gefähliche Gaswolke bildet, die durch das Besprühen mit Wasser aufgelöst werden kann.

Bereits am Morgen nach dem Unglück stellten die Fachleute fest, dass die sogenannte Grube „Erna“ mit Wasser vollgelaufen war. Damit war klar, dass nacht tagelangen Regenfällen ein Einbruch in das Grubengebäude mitursächlich für die Bildung des Erdkraters war.

Das Magazin „Der Spiegel“ kam wenige Tage nach dem Unglück mit der Nachricht auf den Markt, dass möglicheweise Raketentreibstoffzusätze während und nach dem 2. Weltkrieg in der Grube „Erna“ gelagert wurden und diese möglicherweise eine chemische Reaktion ausgelöst haben könnten. „Für diese Mutmaßungen haben sich rückblickend keinerlei Anhaltspunkt ergeben“, sagt Bürgermeister Prechtl.

Die Gemeinde Stulln, die damals das Trinkwasser aus den Brunnen der VAW bezog, wird heute mit dem Wasser aus den Tiefbrunnen des Marktes Schwarzenfeld versorgt. Damit sei eine der Hauptforderungen des Gesundheitsamtes einige Jahre nach dem Unglück umgesetzt worden, so Bürgermeister Hans Prechtl.

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