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Bayern
Montag, 11. Dezember 2017 7

MZ-Serie

Blausäure in der Mayonnaise

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: Der Thomy-Erpresser schlug in ganz Deutschland zu. Auch in Regensburg bedrohte er zwei Supermärkte.
von Christine Strasser, MZ

  • Ein Passant schaut durch die Glasscheibe eines geschlossenen „Condi“-Supermarktes in Regensburg. 1997 war dort eine vergiftete Mayonnaisepackung gefunden worden. Fotos: dpa (2)/Stöcker-Gietl
  • Brieftauben sollten Diamanten zu dem Erpresser bringen.
  • Ermittler nahmen verdächtige Mayonnaisetuben in Augenschein.

Regensburg.Es sind die Fehler in den Briefen, die einen Erpresser entlarven. Das trifft zumindest bei einem der spektakulärsten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte zu. Aus Sätzen wie „selbe zeitung wie letzte mal“ schloss die Gutachterin des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden wegen der fehlenden Endungen, dass bei dem Thomy-Erpresser ein pfälzischer oder hessischer Dialekt mitschwingt. Rechtschreibfehler wie „fier“ statt vier und „vert“ statt Wert, wiesen darauf hin, dass der Schreiber in einer romanischen Sprache beheimatet ist. Die Expertin tippte auf einen Rumänen oder Franzosen, der in einer hessischen, alemannischen oder pfälzischen Gegend lebt. Außerdem war sie sich relativ sicher, dass der Autor selten schreibt und zwischen 30 und 50 Jahre alt ist.

Vergiftete Produkte im Regal

Am 26. September 1998 verhaftete die Polizei einen 42-Jährigen aus Rumänien, der in Hessen lebte. Vor Gericht legte der Mann ein umfassendes Geständnis ab und wurde am Ende wegen versuchter räuberischer Erpressung und gemeingefährlicher Vergiftung zu elf Jahren Haft verurteilt. Er hatte den Lebensmittelhersteller Thomy und seine Kunden in Angst und Schrecken versetzt. In dutzenden Supermärkten wurde nach vergifteten Produkten gesucht. Auch Regensburg war betroffen. Im Condi-Markt in der Waldorffstraße wurde im April 1997 vergiftete Mayonnaise entdeckt. Die Regale wurden ausgeräumt, der Markt tagelang geschlossen. Die Polizei sammelte die Waren von besorgten Kunden ein. Mehr als 100 Müllsäcke voll mit den zurückgegebenen Einkäufen kamen laut einem Zeitungsbericht von damals zusammen. Ein eigens eingerichtetes Bürgertelefon stand „keine Sekunde“ still.

Angefangen hatte die Erpressung am 26. August 1996. In der Zentrale des Nestlé-Tochterunternehmens in Frankfurt am Main ging ein Schreiben ein. Darin wurde auf vergiftete Thomy-Produkte hingewiesen und mit weiteren Anschlägen gedroht. Präzise beschrieb der Verfasser sechs Artikel in genau bezeichneten Supermärkten in Frankfurt, Nürnberg, Stuttgart, Kassel, Hannover und Dortmund. Bei einer chemischen Analyse der Produkte wurde Blausäure gefunden.

Auch die Arbeit im Referat Sprechererkennung, Tonträgerauswertung und Autorenerkennung des BKA begann mit dem ersten Brief. Fast jeder Erpresser-- oder Drohbrief, jedes Bekennerschreiben, anders gesagt nahezu jedes deutschsprachige Schriftstück, das bei einem schwerwiegenden Verbrechen, bei dem die Polizei eingeschaltet wurde, eine Rolle spielt, landet auf dem Schreibtisch der Experten. Dort werden die Texte auf Wort-, Satz- und Textebene unter Berücksichtigung aller sprachlichen Levels (Interpunktion, Orthografie, Grammatik, Lexik, Struktur) mit ihren Fehlern und Stilmerkmalen erfasst, wie Sandra Clemens, die Pressesprecherin des Bundeskriminalamtes, erläutert.

Am 7. April 1997 meldete sich der Thomy-Erpresser mit einem weiteren Schreiben. Darin nannte er drei Lebensmittelmärkte in Bremen, Saarbrücken und Regensburg. In Saarbrücken und im Regensburger Condi-Markt fanden sich mit Blausäure versetzte Produkte. In Regensburg war es eine Tube Mayonnaise. Die 200-Gramm-Packung lag im Regal neben anderen Thomy-Produkten versteckt. Der Nachbarschaftsladen führte allerdings üblicherweise nur 100-Gramm-Tuben in seinem Sortiment.

Brieftaube führte zum Erpresser

Am 11. August 1997 folgte der nächste Drohbrief. Wieder stand ein Supermarkt in Regensburg auf der Liste. Diesmal eine Tengelmann-Filiale in der Dr.-Martin-Luther-Straße. Bei diesem Schreiben handelte es sich allerdings um blinden Alarm. In keinem der genannten Märkte wurden vergiftete Produkte gefunden. Im Dezember 1997 brachte der Erpresser jedoch Adventskalender mit vergifteter Schokolade in Umlauf. Im Juni 1998 vergrub er einen mit einer tödlichen Dosis Blausäure vergifteten Milchshake auf einem Kinderspielplatz in Köln.

Der Erpresser verlangte Rohdiamanten im Wert von 25 Millionen Mark, die ihm von Brieftauben überbracht werden sollten. Eine der Brieftauben führte die Polizei im September 1998 letztlich auf die Spur des Thomy-Erpressers. Denn statt die Tiere mit Diamanten auszustatten, liesen sie die Beamten frei und folgten ihnen. Ein Vogel landete immer wieder auf dem Gelände eines Schrebergartens. Verräterisch Der Besitzer wurde in seiner Wohnung im hessischen Eschborn festgenommen. Mit ihren Einschätzungen zum Täter lag die Expertin des BKA verblüffend richtig. Der Mann war Deutsch-Rumäne.

Jedes Jahr werden zwischen 20 und 40 Vorgänge im Arbeitsbereich Autorenerkennung bearbeitet. Während der Thomy-Erpresser seine Briefe per Post verschickte, beobachten die Experten heute allerdings einen anderen Trend. Das Versenden per E-Mail oder per Kontaktformular von Homepages sei üblich, sagt BKA-Sprecherin Clemens. Auch Geldforderungen, Drohungen und Anleitungen zur Übergabe des Geldes unterliegen aktuellen Entwicklungen. So gibt es Clemens zufolge Erpresserbriefe, in denen anstelle von realen Währungen die virtuelle Währung Bitcoin gefordert wird.

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