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Bayern
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Glaubensserie

Das Kreuz mit den zwei Kirchen

Maximiliane Jakobiak ist katholisch, ihr Mann Dieter protestantisch. Im Mai feiern sie Goldene Hochzeit, doch die Konfessionen prägen ihr Leben.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Vor 50 Jahren haben Maximiliane und Dieter Jakobiak in Sankt Anton in Regensburg geheiratet. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Ein Meer von Orchideen breitet sich auf dem Fensterbrett aus. Weiße und lilafarbene Blüten in Hülle und Fülle. Auf dem Tisch steht frisch gebackener Hefekuchen. Maximiliane Jakobiak bringt Kaffee aus der Küche. Sie weiß, wie ihr Mann Dieter ihn gern trinkt. Im Mai sind die beiden 50 Jahre verheiratet, eine halbe Ewigkeit. Er ist protestantisch, seine Frau katholisch. „Natürlich gab es auch mal Streit zwischen uns, aber nie über Glaubensfragen“, sagt Dieter Jakobiak und fügt hinzu: „Schade, dass die Amtskirche das nicht zustande bringt.“

Katholisches Ritual dominiert

Das Paar, das in der Konradsiedlung lebt, ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine gemischtkonfessionelle Ehe funktionieren kann, allen Unterschieden zum Trotz. „Der Glaube hat einen wichtigen Anteil daran, dass wir schon so lange verheiratet sind“, ist Dieter Jakobiak überzeugt, „dann kann man leichter verzeihen“. Auch Kompromisse gehören von Anfang an dazu. „Mein Mann wollte eigentlich eine evangelische Frau“, frotzelt die 70-Jährige. „Ich hab‘ es probiert, aber es hat nicht so gefunkt“, scherzt ihr Mann zurück.

Die beiden lernen sich beim Fest einer gemeinsamen Freundin kennen und werden schnell ein Paar. Mit dem Entschluss, kirchlich zu heiraten, ist für Dieter klar, dass er sich dem katholischen Ritual unterordnen muss. Für Katholiken ist die Ehe ein Sakrament, erst die kirchliche Trauung verleiht der standesamtlich geschlossenen Verbindung ihre Gültigkeit. Die evangelische Kirche ist weniger streng, dort gibt es bei der Heirat „nur“ eine Segnung. „Ich habe nicht unter Protest katholisch geheiratet, auch wenn ich Protestant bin“, sagt der 73-Jährige mit einem Augenzwinkern. Wehgetan habe es ihm aber schon, wirft seine Frau ein. Schließlich musste er sich als Protestant vor 50 Jahren sogar schriftlich verpflichten, seine Kinder im katholischen Glauben zu erziehen. „Das war schwierig“, räumt er ein. Bei der kirchlichen Trauung am 8. Mai 1964 in St. Anton in Regensburg verzichtet seine Frau auf die Kommunion. „Das wollte ich ihm ersparen, wenn er schon katholisch heiraten muss“, sagt sie mit einem kurzen Seitenblick. Ein Opfer sei das für sie gewesen. Bis heute dürfen Protestanten offiziell nicht an der katholischen Kommunion teilnehmen. Die evangelische Kirche ist beim Abendmahl großzügiger.

Gute Vorsätze

Die frisch Vermählten nehmen sich vor, im Wochenwechsel den katholischen und den evangelischen Gottesdienst zu besuchen. Doch der Vorsatz hält nicht lange. „Bei den Protestanten war es mir zu nüchtern, das hat mir nicht gefallen“, erzählt Maximiliane. Entschuldigend fügt sie hinzu: „Der Wille war da.“ Ihr Mann akzeptiert die Entscheidung, er möchte nicht, dass sie „mit Widerwillen“ mitkommt. Fast vierzig Jahre lang gehen die zwei jeden Sonntag getrennte Weg. Erst seit zehn Jahren begleitet sich das Paar gegenseitig. An evangelischen Feiertagen kommt sie mit ihm, er schließt sich ihr jedes zweite Wochenende an - auch aus praktischen Gründen: „Die katholische Messe fängt schon um acht Uhr an, das passt besser für uns.“ Denn zu Mittag wird bei Jakobiaks gekocht. Da trifft es sich gut, dass die katholische Messe schon nach einer Dreiviertelstunde erledigt ist und ausreichend Zeit fürs Kochen bleibt. „Ein Kirchenbesuch in der evangelischen Gemeinde dauert fast doppelt so lang“, berichtet Dieter. Vor und nach dem Gottesdienst werde gern miteinander geredet. Der Pastor begrüße die Gemeinde am Eingang auch mit Handschlag. Der Umgang untereinander sei persönlicher und offener, das gefalle auch seiner Frau. „Ich fühle mich dort in der Gemeinschaft sehr gut aufgenommen“, sagt sie. Man treffe auch andere gemischtkonfessionelle Paare.

Aber ihr Mann weiß auch die katholische Messe zu schätzen. „Ich bin da reingewachsen“, sagt er. Früher habe er den Katholizismus in seiner Üppigkeit oft als verschwenderisch empfunden, inzwischen genießt er die Feierlichkeit, zum Beispiel beim Stille-Nacht-Singen an Weihnachten. Als Protestant legt er aber besonderen Wert auf die Predigt, er „will etwas mit heim nehmen“. Für Katholiken sei seiner Meinung nach die Wandlung der wichtigste Teil der Messe. Dieter Jakobiak ist nach Einschätzung seiner Frau „bibelfester“ als sie selbst. Einmal im Monat nimmt er an einem Bibelkreis teil, es bereitet ihm sichtlich Freude, sich intensiv mit theologischen Textstellen zu befassen. Auch im Kirchenvorstand war er lange aktiv. Gerne trägt er im evangelischen Gottesdienst die Lesung vor, die er dann zuvor zu Hause gründlich vorbereitet. Maximiliane nimmt an dem Bibelstudium ihres Mannes „in der zweiten Reihe Anteil“, wie sie sagt. Ihr Zugang zum Glauben entspricht ihrer praktischer Natur. So favorisiert sie unter den christlichen Festen ganz klar Weihnachten, weil es so „stimmungsvoll“ ist. Ihr Mann argumentiert dagegen theologisch und hält Ostern wegen der Auferstehung Christi für wichtiger.

Wunsch nach Einigkeit

Wenn das Paar im Mai Goldene Hochzeit feiert, wird es zu diesem Anlass gemeinsam einen Gottesdienst besuchen. „Wir suchen uns eine Messe mit schöner Musik heraus“, ist sich Maximiliane sicher. Am Wochenende danach ist ein festliches Essen mit der ganzen Familie geplant. Tochter Ruth und Sohn Thomas, 1967 und 1973 geboren, sind katholisch getauft, ebenso wie ihre Ehepartner und die sechs Enkelkinder im Alter von drei bis 23 Jahren. Der Sohn ist zum Leidwesen seiner Eltern nicht kirchlich verheiratet. „Das tut uns schon weh“, sagt seine Mutter. Der Glaube spiele bei ihren Kindern und Enkeln keine zentrale Rolle, bedauert sie.

Damit ist die Familie Jakobiak keine Ausnahme. Der Rückhalt für die Amtskirchen in Deutschland wird kleiner. „Die katholische Kirche könnte viel mehr aus sich machen, wenn sie sich öffnen würde“, ist Dieter Jakobiak überzeugt. Als weltumspannende Institution habe sie einen enormen Einfluss. „Die protestantische Kirche tritt nicht so geschlossen auf“, findet er. Seine Frau hat für die Zukunft der evangelischen und der katholischen Kirche nur einen Wunsch: „Beide sollten sich zusammenschließen, eine große gemeinsame Kirche wäre toll.“ Schließlich gebe es genug religiöse Auseinandersetzungen in der Welt. Dass so ein Miteinander auch klappen kann, beweisen die Jakobiaks schon seit einem halben Jahrhundert.

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