mz_logo

Bayern
Dienstag, 23. Mai 2017 25° 3

Ausstellung

Das KZ im Herzen der Altstadt

Die Ausstellung „KZ überlebt“ zeigt Porträts von zwei Überlebenden, die einst im Regensburger Colosseum interniert waren.
Von Katharina Kellner, MZ

  • Zbigniew Kolakowski kam 2013 nach Regensburg und ließ sich von Stefan Hanke vor dem ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum fotografieren. Foto: Stefan Hanke
  • Tadeusz Sobolewicz war nach dem Zweiten Weltkrieg ein gefeierter Schauspieler. In andere Rollen zu schlüpfen half ihm, seine Erlebnisse zu verarbeiten, ebenso das Schreiben seines beeindruckenden Erinnerungsbuches „Aus der Hölle zurück“. Foto: Stefan Hanke

Regensburg.„Ausgemergelte Elendsgestalten in den Straßen der Stadt, das Geklapper der Holzpantinen hallte jeden Morgen in den Gassen.“ So beschreibt Hans Simon-Pelanda in einem Aufsatz den Zug der KZ-Häftlinge, der sich in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs täglich durch Regensburg schleppte: Am frühen Morgen zur lebensgefährlichen Arbeit als „Aufräumkommando“ durch die Altstadt, am Abend zurück nach Stadtamhof, wo sie im ehemaligen Gasthof Colosseum interniert waren. Jeder Regensburger konnte es sehen: „Am Ende des Zuges schleiften die etwas Kräftigeren die völlig Entkräfteten mit, Apathische und Bewusstlose, zum grausigen Abschluss die Handkarre mit den Sterbenden und Toten des Tages. Und immer noch herrisch die SS.“

Das Colosseum war von 19. März bis 23. April 1945 das letzte Außenlager des KZ Flossenbürg. Es gehörte zu dessen rund hundert Außenlagern, die sich von Dresden bis Plattling, von Saal an der Donau bis Westböhmen ausdehnten. In ihnen vermietete die SS ab 1942 Häftlinge als billige Arbeitskräfte an Firmen der Rüstungsindustrie oder an öffentliche Arbeitgeber. Im Colosseum am Fuß der Steinernen Brücke geschahen Verbrechen vor aller Augen. Doch mit der Erinnerung an das KZ in ihrem Herzen tat sich die Stadt bis vor kurzem schwer – obwohl es zwei Zeugen gab, die bis ins hohe Alter immer wieder nach Regensburg kamen, um ihre Geschichte zu erzählen: Zbigniew Kolakowski und Tadeusz Sobolewicz, zwei polnische Katholiken, beide 1925 geboren, beide überlebten neben dem Colosseum mehrere KZ und einen Todesmarsch.

Mit 17 Jahren in Auschwitz

Kolakowski erlebte als 19-Jähriger die brutale Niederschlagung des Warschauer Aufstandes durch die deutschen Besatzungstruppen, die ein massenhaftes Morden an der Bevölkerung begingen und die Stadt zerstörten. 1944 wurde er ins KZ Sachsenhausen deportiert, später nach Dresden, ein Außenlager des KZ Flossenbürg. Hier leistete er Zwangsarbeit für das Reichsbahnausbesserungswerk. Nach der Bombardierung Dresdens musste er in Flossenbürg neben dem Krematorium Leichen verbrennen. Stefan Hanke zitiert ihn in seinem Buch „KZ überlebt“: „In Flossenbürg war ich ein Automat – Leiche für Leiche. Aber bei einer Kinderleiche wurde ich wieder Mensch, ein kurzer Moment von Gefühl.“

Lesen Sie auch: Ein Fotograf, der die Seele porträtiert. Der Regensburger Stefan Hanke hat KZ-Überlebende fotografiert. Er zeigt sie als starke Persönlichkeiten, nicht als Opfer.

Am 19. März 1945 kam Kolakowski nach Regensburg, wo er mit anderen Häftlingen zwölf Stunden täglich Schäden an den Gleisanlagen und am Güterbahnhof beseitigte. Er arbeitete als Schweißer und bezeichnete dies später als vergleichsweise privilegierte Arbeit.

Tadeusz Sobolewicz wurde 1941 zusammen mit seinem Vater als Angehöriger einer Widerstandsgruppe gegen die deutschen Besatzer verhaftet. 17 Monate erlebte der Jugendliche das KZ Auschwitz: das gefürchtete Bauhof-Kommando, das Leichenkommando, den Typhus. 1943 wurde er in das KZ Buchenwald deportiert. In dessen Außenlager Leipzig-Thekla mussten die Häftlinge Bauteile für das Messerschmitt-Jagdflugzeug Me 109 fertigen. Im Außenlager Mülsen des KZ Flossenbürg zog sich Sobolewicz bei einer Häftlingsrevolte massive Verbrennungen zu und überlebte nur, weil ein polnischer Pfleger ihn rettete. Im März 1945 kam er nach Regensburg, wo er als Hilfskoch in der Häftlingsküche täglich eine Wasserbrühe aus Gemüseresten und „Tee“ aus Brennnesseln zubereiten musste.

Ein „blutrünstiger Verbrecher“

Im Colosseum waren laut Schätzungen etwa 400 Gefangene aus Ungarn, Polen, Russland, Belgien, Frankreich und Deutschland zusammen mit Kapos im großen Theatersaal interniert. Tadeusz Sobolewicz schreibt in seinem Erinnerungsbuch „Aus der Hölle zurück“ von 500, später von etwa 1000 Häftlingen. Die sanitäre Ausstattung war völlig ungenügend, ein Krankenlager war offensichtlich gar nicht vorgesehen, konnte man die Arbeitsunfähigen doch leicht nach Flossenbürg zurückbringen und das Kommando wieder auffüllen,“ wie Hans Simon-Pelanda in einem Beitrag zu der Reihe „Dachauer Hefte“ schreibt. Und es gab viel zu wenig Wasser und Lebensmittel für die schwer arbeitenden Gefangenen. Fünfzig SS-Männer unter Kommandoführer Ludwig Plagge, einem berüchtigten Trinker, bewachten die Häftlinge. Sobolewicz berichtet: „Der Kommandant unseres Aufräumkommandos war einer der blutrünstigsten Verbrecher des KZ Auschwitz. Er war unter anderem an der Vergasung mehrerer Tausend Sinti und Roma und der Juden aus Theresienstadt beteiligt gewesen. Über seine Mitwirkung bei vielen ,Sonderaktionen‘ wusste Zbysek Bescheid, der dort gearbeitet hatte.“ Unsere Mithäftlinge … berichteten uns abends nach der Arbeit, dass Plagge nach wie vor sehr aktiv war und überall auftauchte. In den Ruinen der zerstörten Häuser schnüffelte er nach Schnaps, und deshalb nahm er auch ziemlich oft Durchsuchungen vor.“

Sobolewicz beschreibt in seinem Buch, wie Plagge ihn mit den Worten „Du elendes Küchenschwein, du nimmst Dir zu viel raus“ fast bewusstlos prügelte, weil er einem Mithäftling Brot zugesteckt hatte.

Ein 90Jähriger mit Witz und Charme

In der Nacht zum 23. April 1945 räumte die SS eilig das Colosseum. Auf einem Todesmarsch ins Berchtesgadener Land wurde die Mehrheit der Häftlinge erschossen. Die Amerikaner befreiten Anfang Mai 1945 nur wenige Überlebende – auch Kolakowski und Sobolewicz. Im Colosseum selbst sind viele Häftlinge bei den Aufräumarbeiten gestorben – durch Blindgänger oder alliierte Bombenangriffe. Oder sie erlagen der Erschöpfung, Auszehrung oder den Misshandlungen der SS. Hans Simon-Pelanda gibt die Zahl der Todesopfer mit über zehn Prozent der Gefangenen an – sogar für ein Konzentrationslager ist das überdurchschnittlich hoch.

Es sollte noch 71 Jahre dauern, bis sich die Stadt Regensburg zu einem Gedenken durchringen konnte, das ausdrücklich den Colosseum-Häftlingen gewidmet war. Erst 2016 wurden beim Colosseum zwei Stelen aufgestellt, auf denen die Gräuel des ehemaligen KZ wissenschaftlich fundiert dargestellt sind. Eine früher verlegte Bodenplatte, deren Inschrift die vielen Toten des Lagers gänzlich verschwiegen hatte, war erst nach langem Streit im Stadtrat entfernt worden. Die Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg hat sich seit den 1980ern gegen große Widerstände für ein würdiges Gedenken eingesetzt. Sie hielt engen Kontakt zu Kolakowski und Sobolewicz. Beide sind kürzlich gestorben - Sobolewicz am 28. Oktober 2015, Kolakowski am 1. Februar 2016. Die Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg schrieb im Nachruf auf Kolakowski: „Wer erleben durfte, wie dieser ungebrochene 90-Jährige mit Charme und Witz für eine Verständigung zwischen den unterschiedlichsten Menschen warb und seine Hoffnung auf Frieden artikulierte, wird davon beeindruckt bleiben.“

Lesen Sie auch: Der Triumph des Überlebenden: Stefan Hanke zeigt in seiner Ausstellung „KZ überlebt“ im Kunst- und Gewerbeverein Porträts von Siegern, nicht von Opfern.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht