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Sonntag, 29. Mai 2016 28° 8

Kommentar

Das Schweigen brechen

Ein Kommentar von Christine Straßer, MZ

Es bräuchte mindestens 20 verschiedene Wörter für das Wort „Schweigen“. Wer einmal einen Vortrag von Pater Klaus Mertes gehört hat, kennt diesen Satz. Mit seinen Untersuchungen am Canisius-Kolleg fing alles an. Vor sechs Jahren wurde Deutschland vom Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche überrollt. Mertes hat gelernt, dass es viele Varianten des Nicht-Sagens gibt – bei Tätern und Mitwissern genauso wie bei Opfern. Er zählt das hörende Schweigen auf, das schützende Schweigen, die Schweigepflicht des Arztes oder des Seelsorgers. Es gibt aber auch andere Arten von Schweigen. Das steinerne Schweigen, das verordnete, ängstliche Schweigen, das Schweigen der Verleugnung, das Totschweigen, das Schweigen, hinter dem sich nackte Aggression verbirgt.

Kindesmissbrauch ist das Unerträglichstes, das passieren kann. Ein unsagbares Verbrechen. Missbrauchsopfer sprechen das Unsagbare aus. Ihr Sprechen überwindet Sprachlosigkeit. Deshalb ist die öffentliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bedeutsam. Sie gibt Sprache. Heute können Jugendliche sexuellen Missbrauch benennen, leichter aussprechen. Zu ihrem Schutz ist das wichtig.

Die katholische Kirche hat viel in Präventionsarbeit investiert. Beispielsweise gab es für alle hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiter, Priester und Diakone Pflicht-Fortbildungen. In Regensburg steht jedoch noch ein langer Aufarbeitungsprozess an. Das ist die Erkenntnis aus den Enthüllungen zum Ausmaß der Misshandlungen und des Missbrauchs bei den Domspatzen. Dass Regensburg wieder für Schlagzeilen sorgt, hat mit den Reaktionen auf den Skandal seit 2010 zu tun. Unter dem damaligen Bischof Gerhard Ludwig Müller wurde die Aufklärung verschleppt. Es war viel die Rede von Medienkampagnen und Einzeltätern, kaum von systematischen Ursachen.

Der heutige Bischof Rudolf Voderholzer räumte vor einer Woche Versäumnisse ein. Er lobte die Arbeit des unabhängigen Aufklärers Ulrich Weber. Doch bis heute gibt es Stimmen aus dem Bistum, die eine Aufarbeitung als überflüssig bezeichnen. Von Nestbeschmutzern ist die Rede. Anrufer bitten die Redaktion um Telefonnummern von Opfern. Sie sagen, sie möchten diejenigen fragen, ob sie nicht besonders renitente Schüler gewesen seien und eine Züchtigung daher verdient hätten. Es gibt auch Anrufer, die sich als ehemalige Domspatzen zu erkennen geben und bitterböse Worte über die Opfer verlieren. Es wird Unverständnis geäußert darüber, dass sich Opfer erst jetzt melden. Sie sollten doRuhe geben. Schließlich sei alles längst strafrechtlich verjährt.

Für die Opfer müssen derlei Aussagen unerträglich sein. Man kann sich die inneren Qualen, die sie durchgemacht haben, bevor sie nach außen traten, nur ausmalen. Verständlich, dass zahlreiche Opfer nicht genügend Vertrauen hatten, sich direkt an das Bistum zu wenden.

Mitunter wird eingeworfen, dass Ohrfeigen in jener Zeit üblich gewesen seien. Die einen hätten das besser verkraftet, die anderen schlechter. Es ist richtig, dass die Prügelstrafe an Schulen erst 1980 abgeschafft wurde. Doch auch in Zeiten der Prügelstrafe gab es keine Pflicht, zu prügeln. Die Freiheit, sich gegen Prügel zu entscheiden, gab es für Lehrer jedoch sehr wohl. Abgesehen davon geht es auch gar nicht um Ohrfeigen, sondern um regelrechte Prügelattacken, denen Schüler bei den Domspatzen ausgesetzt waren. In Webers Bericht heißt es: „Selbst wenn man den Einsatz von Körperstrafen im zeitlichen Kontext der damals herrschenden, legalen Erziehungsmethoden sieht – Körperstrafen als Vergeltung für oder Verhinderung von Ungehorsam– zeigt sich eine grobe Unverhältnismäßigkeit, da ‚Ungehorsam‘ in den untersuchten Fällen gar nicht bis kaum vorhanden war.“

Noch eine Anmerkung zum sexuellen Missbrauch: Was es mit Meldungen aus neuerer Zeit auf sich hat, ist weiter offen. Weber listet drei Meldungen wegen sexuellen Missbrauchs aus den 90er Jahren und den 2000ern auf. Und: „Zwei Einzelmeldungen nach dieser Zeit bedürfen noch weiterer Untersuchungen“, schreibt er.

Auf dem Katholikentag sprach Pater Mertes vom Einüben des Zuhörens. Wenn Missbrauchsopfer über Verbrechen berichten, fällt Zuhören schwer. Auch weil die Verbrechen von Menschen begangen wurden, die bekannt waren, die gemocht und geschätzt wurden. Wer das Schweigen bricht, geht das Risiko ein, dass offen ist, was herauskommt. Viel Unangenehmes kommt zum Vorschein. Womöglich kirchliche Personalverantwortliche, die um Dinge gewusst haben und Täter einfach versetzt haben. Menschen, die Symptome nicht richtig gedeutet haben. Das kann aber kein Grund sein, um im Schweigen zu verharren.

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