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Bayern
Samstag, 23. Juli 2016 30° 6

Flossenbürg

Das Signal heißt: mehr Menschlichkeit

In der Gedenkstätte des früheren KZ Flossenbürg ziehen junge Politiker Lehren – auch für die aktuelle Flüchtlingskrise.
Von Christine Schröpf, MZ

Gedenkstellen-Leiter Jörg Skriebeleit (r.) führte junge Politiker aus der Region durch das stilisierte Eingangstor des früheren KZ Flossenbürg. Viele KZ-Häftlinge, die diese Schwelle übertraten, waren der Vernichtung preisgegeben. Foto: Schönberger

Flossenbürg.100 000 Menschen waren im Konzentrationslager Flossenbürg und seinen Außenlagern inhaftiert. 30  000 überlebten nicht. Die stilisierten Torpfosten der Gedenkstätte Flossenbürg sind ein Symbol. Häftlinge, die diese Schwelle übertraten, wurden zur bloßen Nummer. Sie waren zur Vernichtung freigegeben. Am Samstag nehmen junge ostbayerische Politiker diesen Weg, um der Vergangenheit nachzuspüren und sich zu fragen, was das schreckliche Kapitel der deutschen Geschichte für die heutige Zeit bedeutet – für eine Zeit also, in der rechtsradikale Agitationen immer offener daherkommen. In Clausnitz umzingelte ein rechter Mob kürzlich einen Bus mit Flüchtlingen. In Bautzen applaudierten Bürger, als ein künftiges Flüchtlingsheim brannte. Beide Orte sind nur gut 200 oder 300 Kilometer von Flossenbürg entfernt. Der Leiter der Gedenkstätte, Jörg Skriebeleit, hat dazu eine klare Haltung. Doch Konzept seines Hauses ist es nicht, den Zeigefinger zu erheben. „Wir wollen nicht moralisieren, sondern bei den Besuchern eigene Denkprozesse anstoßen“, sagt er.

Konsens – von JU bis Piraten

Zwei Stunden begleitet Skriebeleit am Samstag die jungen Politiker über das Gelände. Es folgt eine Debatte über Erinnerungskultur. Gedenkstätte und Mittelbayerischer Zeitung hatten den Termin gemeinsam organisiert und ein breites Parteienspektrum eingeladen: Junge Union, Jusos, Grüne, Freie Wähler, Liberale, ÖDP, Piraten. Im früheren Arresthof des Lagers, in dem der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer am 9. April 1945 von den Nazis erhängt wurde, gibt es eine Schweigeminute. Bonhoeffers Schicksal ist eines von vielen, das an diesem Tag wieder präsent wird. Es ist das Ziel der Gedenkstätte, möglichst vielen Opfern ein Gesicht zu geben.

Gang durch die Ausstellungsräume, mit Bildern von Opfern an den Wänden. Es ist Konzept der Gedenkstätte, den Opfern der Massenvernichtung der Nazis ein Gesicht zu geben. Foto: Schönberger

Für einige der jungen Politiker ist es am Samstag der erste Besuch in Flossenbürg, andere waren schon oft hier. Benedikt Grimm, Kreisvorsitzender der Jungen Union in Neustadt an der Waldnaab, sieht die Gedenkstätte als Mahnung, auch für die aktuelle Asylpolitik seiner Partei. „Hier ist ein Ort, an dem man sich darauf besinnt, was menschliches Leid bedeutet.“ Beim Regensburger ÖDP-Stadtrat Benedikt Suttner, hinterlässt Spuren, dass kaum ein KZ-Häftling, aus Flossenbürg entkam. Zwar überwanden einige den Zaun, doch sie wurden rasch aufgegriffen, weil die SS Hinweise aus der Bevölkerung erhielt. „Die, die geflüchtet sind, waren ohne Chance.“ Das mache sehr traurig und nachdenklich. Eine Einschätzung, die Grünen-Politikerin Florence Kunert teilt. Schuld tragen nach ihren Worten immer auch die, die wegschauen. „Das trifft auch heute teilweise zu.“

Kritik an Neonazi-Parolen

Loi Vo, Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen in Regensburg, registriert im Deutschland des Jahres 2016 wieder deutliche Tendenzen, „Menschen nach ihrer Herkunft zu werten“. Die Gedenkstätte zeige nachdrücklich, „wozu das früher in letzter Konsequenz geführt hat“. Auch Matthias Penkala, Bezirksvorsitzender der Jungen Freien Wähler, kritisiert, dass „manches rechtes Gedankengut wieder salonfähig wird“. Er sieht weitere Parallelen zu den 1930er-Jahren. „Die Leute waren unzufrieden und haben einen Sündenbock gesucht.“

Sebastian Dippold von den Jusos verweist auf die aktive rechtsradikale Szene in der Oberpfalz. Nicht nur Neonazis seien für Lehren aus der Vergangenheit unempfänglich. Auch normale Bürger würden Nazi-Verbrechen bis heute verdrängen. „Es gibt Leute in der Region, die würden nie einen Fuß in die Gedenkstätte setzen.“ Ludwig Seeburger von den Regensburger Piraten stellt am Samstag die Frage, die beim Blick auf die Nazizeit immer wieder beschäftigt: „Wie kam es dazu, dass wir kollektiv die Menschlichkeit über Bord geworfen haben?“

Die Erinnerungsarbeit in der KZ Gedenkstätte Flossebürg ist mehrfach mit Auszeichnungen gewürdigt – 2011 mit dem Bayerischen Museumspreis, 2014 mit dem Ehrenpreis „Special Commendation“ des European Museum Forum, 2015 mit dem Museumspreis der Mittelbayerischen Zeitung. Das Team um Jörg Skriebeleit hält enge Kontrakte zu Überlebenden des Konzentrationslagers und ihren Angehörigen. Viele von ihnen waren im vergangenen Jahr zurück nach Flossenbürg gekomme, als bei einem großen. Festakt an die Befreiungs des Lagers vor 70 Jahren durch die US-Armee erinnert.wurde.

Wege in die Vergangenheit: Zwei Stunden lang waren die jungen Politiker auf dem Gelände der Gedenkstätte unterwegs. Foto: Gabi Schönberger

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