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Bayern
Dienstag, 28. Juni 2016 23° 1

Nockherberg

Der Krieg in Seehofers Oberstübchen

Der Regierungschef träumt in der Asylpolitik von Unsterblichkeit. Damit liefert er viel Stoff für den Nockherberg.
Von Christine Schröpf, MZ

  • Konterparts im Leben und auf der Bühne: Horst Seehofer, gespielt von Christoph Zrenner (l.), bekommt vom Markus-Söder-Double Stephan Zinner eine Lupe an die Nase gedrückt..Foto: dpa
  • Aus der „Gutmenschen-Schublade“: Antonia von Romatowski als Kanzlerin Angela Merkel und Wowo Habdank als Grünen-Politiker Anton Hofreiter Foto: dpa
  • Lasziv: Angela Ascher als Ilse Aigner, die aus dem braven Dirndl schlüpft und einen großen Auftritt hinlegt. Foto: dpa
  • Ein Auftritt mit Tiefenwirkung: Luise Kinseher als „Mama Bavaria“ Foto: dpa

München.Ein Schauspieler allein reicht dieses Jahr auf dem Nockherberg nicht aus, um die Gefühls- und Gedankenwelt von Ministerpräsident Horst Seehofer in Zeiten der Flüchtlingskrise durchzuexerzieren. „Drei Plus X“ lautet deshalb die Formel von Regisseur Marcus H. Rosenmüller beim kabarettistischen Singspiel mit Politiker-Doubles beim Starkbier-Anstich der Paulaner-Brauerei: Da ist erstens das leibhaftige Original (Christoph Zrenner), zweitens Seehofers vernunftbegabtes Über-Ich, das ihm auch Blödsinn einflüstert (Paul Kaiser), drittens sein „Gefühls- und Sentimentverwalter“ (Maxi Schafroth), der Verdrängtes aus Schubladen und Akten zieht – nicht zu vergessen ein Seehofer aus Papp-Mache, der kopfüber an der Wand baumelt und ferngesteuert in eine Schreibmaschine hackt. Und weil genug nie genug ist, ist das ganze Bühnenbild auf Seehofer gebürstet, es symbolisiert überlebensgroß sein Gehirn. „Brain – Sturm“, heißt das Stück: Im Erdgeschoss findet der Alltag statt, es gibt noch zwei Oberstübchen und den Keller mit Seehofers legendärer Spielzeugeisenbahn, auf der an diesem Tag natürlich auch alles kreuz und quer geht. Giraffen sind neben Kühen postiert. Alpenchalets schmiegen sich an Fachwerkhäuser. Dazwischen ragt die weiß-blaue Fahne auf.

Angstgetränkte Ratlosigkeit

Rosenmüller inszeniert Seehofer am Mittwochabend als Prototyp eines Politikers, den es für ihn nicht nur in Bayern gibt. Ein Mensch zwischen „angstgetränkter Ratlosigkeit“ und „hektischem Aktionismus“. Ein oberflächlicher Spaß ist das Singspiel 2016 nicht. Das ist der politischen Wirklichkeit geschuldet. In Deutschland brennen dieser Tage ganz real Flüchtlingsheime, Asylbewerber werden vom Mob eingeschüchtert, die rechtspopulistische AfD erreicht in Umfragen teils zweistellige Werte, Europa steht vor einer Zerreißprobe. Die dunklen Strömungen zeichnen sich am Nockherberg ab, in diversen Anklängen an die 1930er-Jahre. Singende Revue-Girls stecken in Badeanzügen aus dieser Zeit. Seehofers kurzbehostes Über-Ich trägt Sockenhalter und Ärmelschoner. Aus der Ablage für verdrängte Gefühle schlüpft ein braunes Huhn, das etwas von „Wir sind das Volk“ faselt.

Die vergleichsweisen Nicklichkeiten der bayerischen Landespolitik haben bei Rosenmüller dieses Mal wenig Platz – allenfalls der Streit um die Seehofer-Nachfolge im Jahr 2018 bricht sich ab und an Bahn. Markus-Söder-Double Stephan Zinner bringt ihn aufs Tapet. Der Regisseur konfrontiert den CSU-Kraftmeier dieses Jahr mit seinem unliebsamsten Konkurrenten: Freiherr von und zu Guttenberg (Stefan Murr) hüpft wieder aus der Kiste. Auch Innenminister Joachim Herrmann (Michael Vogtmann) darf dieses Mal mit ran. Und die etwas in Vergessenheit geratene CSU-Kronprinzessin Ilse Aigner (Angela Ascher) bäumt sich für einen Song kurz auf, streift das kleinkarierte Dirndl ab, legt im pink-türkisen Glitzer-Mini ein Solo hin.

Reaktionen

  • Ovationen

    Für das Nockherberg-Singspiel spendete das Publikum stehenden Applaus – das gab’s in dieser Form schon seit Jahren nicht mehr. Ministerpräsident Horst Seehofer zeigte sich begeistert, obwohl er ordentlich hatte einstecken müssen. „Das Singspiel war Weltklasse“, sagte er. Marcus H. Rosenmüller sei es gelungen, „in einer aufgewühlten Zeit das Ernsthafte zum Tragen zu bringen und trotzdem dem Nockherberg gerecht zu werden“. Über die Fastenpredigt der „Mama“ Bavaria verlor er dagegen nur zwei Worte. „Passt schon.“

  • Kritikpunkt

    Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) wurde deutlicher. Ihr behage nicht, wie in der Fastenpredigt Politikerinnen wie Wirtschaftsministerin Ilse Aigner oder Sozialministerin Emilia Müller gering geschätzt worden seien. „Das ist mir zu verletzend.“ Müller war als „blindes Huhn“ in der Asylpolitik bezeichnet worden, der Staatskanzleichef Marcel Huber aus Mitleid zeige, „wo das Korn hängt“. Aigner wurde die Wandlung von der weiß-blauen Rose der CSU zu Seehofers „Kellerprimel“ bescheinigt.

  • Zwiegespalten

    Rückendeckung erhielt Stamm in dieser Frage vom bayerischen Grünen-Chef Eike Hallitzky. Ilse Aigner sei von „Mama Bavaria“ als „Nicht-Existenz“ beschrieben worden, sagte er. „Das war schade. Der Rest war aber brilliant.“

  • Frage der Wertschätzung

    Karin Seehofer, die Frau des bayerischen Ministerpräsidenten, hätte sich grundsätzlich ebenfalls ein wenig mehr Wertschätzung für Politiker gewünscht, die sich in angesichts der großen Probleme in der Asylpolitik um bestmögliche Lösungen bemühten. „Schauspielerisch und musikalisch war es toll“, sagte sie aber.

  • Mitgefühl mit Söder

    Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger fand die Fastenpredigt sehr gelungen, auch weil er selbst gut weggekommen sei. Mitgefühl hegte er mit Finanzminister Markus Söder. „Er hat mir wieder leid getan. Er hat sehr viel auf die Mütze bekommen. Aber er hält es auch aus.“

  • Grenzwertiges

    Finanzminister Markus Söder sieht keinen Grund für Mitgefühl. „Ich krieg eher Ärger mit der Staatskanzlei, weil ich so oft vorgekommen bin“, scherzte er. Einzig eine Bemerkung Kinsehers war aus seiner Sicht fehl am Platz: Sie hatte ihm wegen umstrittener Twitterbotschaften „moralische Legasthenie“ bescheinigt. „Ich hätte das Wort Legasthenie nicht verwendet“, sagte Söder. „Man macht keine Witze mit Krankheiten.“

  • Doppelt gut

    Dem Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter gefielen Fastenpredigt und Singspiel. „Ich hatte nach beiden Programmteilen ein breites Grinsen im Gesicht“, sagte er. „Es haben aber sicher nicht alle lustig gefunden. Am Nachbartisch, wo die Regierung saß, haben sich nicht alle auf die Schenkel geklopft.“

  • Gelassenheit

    Innenminister Joachim Herrmann war beim Singspiel 2016 mit einem eigenen Double am Start – als möglicher Aspirant für eine Seehofer-Nachfolge 2018. Er sieht die ganze Sache locker. „Ich habe es nicht gebraucht, aber ich habe es mit Interesse beobachtet.“ Das Singspiel habe viele interessante Pointen geliefert. „Sich in das Gehirn von Horst Seehofer hineinzuarbeiten, ist auf jeden Fall eine große Herausforderung.“

  • Respekt

    Der Regensburger Verleger Peter Kittel, der jedes Jahr in Regensburg selbst eine politische „Maiandacht“ auf die Bühne bringt, zollte Marcus H. Rosenmüller großen Respekt. „Allererste Sahne“, sagt er. „Dramaturgisch dicht.“ Das Urteil über „Mama Bavaria“ Luise Kinseher fällt anders aus. „Ich war, wie erwartet, enttäuscht. Es ist schwierig, wenn man Kabarett dazu benutzt, um moralinsaure Botschaften an den Mann zu bringen.“ Er glaube, dass Kinsehers dieses Jahr das letzte Mal auf dem Nockherberg aufgetreten ist.

  • Loblied

    Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause war vom Singspiel beeindruckt. „Eine groteske Überspitzung mit einem humanistischen Gehalt.“

  • Anerkennung

    Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach beim Singspiel von „großer Kunst“, speziell die Szene mit Ilse Aigner gefiel ihm. „13 mal Ilse Aigner auf der Bühne finde ich superattraktiv.“ (is)

Das alles beherrschende Thema bleibt die Asylpolitik. „Fremdes will hinein ins Bayernland“, unkt Seehofer und belehrt Kanzlerin Angela Merkel (Antonia von Romatowski) über die Unterschiede zwischen ihrer Willkommenskultur und bayerischer Gastfreundschaft. Mit Letzterem sei im Grunde nur eine Person gemeint, sagt Seehofer. Sein Bayern ändere sich im Übrigen nur vier Mal im Jahr. „Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Alles andere macht mich nervös.“

Kein Asyl für Gabriel

Nicht einmal SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel bekommt in Seehofers Freistaat Asyl. „Wir haben den Rest von Deutschland gerade wieder als sicheres Drittland anerkannt“, lautet die knappe Antwort des fiktiven Ministerpräsidenten. Söder fischt im Trüben. „Rechts von mir da darf es keinen geben.“ Sicherheitsminister Herrmann bürstelt den Münchner OB Dieter Reiter ab, der ein von Syrern gebasteltes Flüchtlingsheim neben Seehofers Modelleisenbahn platzieren will. „Nein.“ Leicht entflammbare Gegenstände seien in Kellern verboten.

Als Bollwerk für Flüchtlinge würde Herrmann am liebsten Bayern von Alpen umschließen. USA-Auswanderer Guttenberg schwebt kurz vorüber, diagnostiziert das „typische Klein-Small-Small-Klein-Thinking“ der Deutschen, das schon mit Herrmanns Verschämtheit wegen der Selbstschussanlage im eigenen Keller beginne. „Die Amerikaner würden sagen: Why just one?“ Sprich: Warum nur eine davon?

Die Kanzlerin aus der „Gutmenschen-Schublade“ endet in Rosenmüllers Versuchsanordnung in der Zwangsjacke, verschnürt von Seehofer persönlich, nachdem sie ihn ein neuerliches „Wir schaffen das, wir packen das“ ins Ohr geätzt hat. Sätze, für die Geschichtsbücher, die den Bühnen-Seehofer aber auch irgendwie neidisch werden lassen – wegen des eigenen Wunsches nach politischer Unsterblichkeit. Rastlos geistert er über die Bühne, wägt verschiedene Möglichkeiten ab. Etwa: „Hier stehe ich, ich kann noch ganz anders.“

Die Nockherberg-Protagonisten

Harter Singspiel-Stoff für die prominenten Gäste am Nockherberg. Fast das komplette bayerische Kabinett ist im Publikum versammelt – immer im Blickfeld der Kameras, die jede Gefühlsregung festhalten. Paulaner-Chef Andreas Steinfatt hatte für seine Gäste zumindest draußen vor dem Festsaal den roten Teppich ausrollen lassen, der von Journalisten flankiert war. Das kernige Derblecken der Ehrengäste ist eine Gratwanderung. „Im Grunde wollen sie derbleckt werden. Es muss nur immer oberhalb der Gürtellinie sein“, hatte Steinfatt im Vorfeld gesagt.

„Das große weltpolitische Ereignis. Wie damals Franz Josef Strauß samt Kabinett in seiner Cessna. Die CSU im freien Fall.“

„Mama Bavaria“ über Seehofers Reise zu Putin

Kabarettistin Luise Kinseher dehnt die Schmerzgrenze vor allem im Fall Seehofer lieber aus. Ihr Eindruck: „Er will gerne hart drangenommen werden.“ In ihrer traditionellen Rolle als „Mama Bavaria“ hatte sie den Politikern aus Bayern und dem Bund als Warm-up vor dem Singspiel die Leviten gelesen. Stark gebeutelt: die CSU. Seehofers Obergrenze von 200 000 Asylbewerbern pro Jahr gibt ihr Rätsel auf. Wieso exakt 200 000? „Hättest Du gesagt 227 328, dann hätte ich gesagt: Das ist der Horst. Das hat er sich aber gut überlegt. Das klingt nach einem Plan.“ Merkels Konzept sei einleuchtender. „Lineare Stabilitätstheorie. Chaoslehre. Unbestimmte Größe X.“

Stoibers russischer Antanztrick

Genüsslich spottete die Bavaria über die Russland-Reise, die Seehofer kürzlich mit dem früheren Ministerpräsidenten Edmund Stoiber unternommen hatte. „Das große weltpolitische Ereignis. Wie damals Franz Josef Strauß samt Kabinett in seiner Cessna. Die CSU im freien Fall.“ Bei Stoibers inniger Umarmung für den russischen Präsidentin Wladmir Putin habe sie zuerst gedacht: „Der macht den Antanztrick.“ Seehofer sei in Russland zum Medienhelden avanciert, Mütter würden nun ihre Kinder nach ihm benennen. „Da sieht man, was man als Fremder in der Fremde alles erreichen kann, mit ein bisserl Integrationswillen. Also eigentlich war’s Unterwerfung. Aber auf Augenhöhe.“

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