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Der Mann fürs Grobe an Seehofers Seite

CSU-General Scheuer polarisiert. Gegner nennen ihn Brandstifter. Er selbst sieht sich als Erklärer und hat neue Ambitionen.
Von Christine Schröpf, MZ

Polarisiert: CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. Fotos: dpa

München.Andreas Scheuer ist der Mann fürs Grobe in der CSU. Wo Parteichef und Ministerpräsident Horst Seehofer lieber staatstragend bleibt, steigt sein Generalsekretär in den Ring. Der Chef lasse ihm „viel Beinfreiheit“, sagt Scheuer. Ein Spielraum, den er zu nutzen weiß. Bei Seehofers bösem Kompagnon gehört die politische Eskalation zum Aufgabenpaket. „Das Tagesgeschäft lautet: klare Worte, klarer Kurs, klare Kante.“ Kriminelle Ausländer will Scheuer bei eindeutiger Beweislage ohne Prozess abschieben. Als Österreich die von der CSU vehement propagierte Obergrenze für Flüchtlinge beschloss, jubelte er via Kurznachrichtendienst Twitter: „Die Österreicher machen’s. Also müssen wir es auch machen.“ Zum Flüchtlingsstrom floss ihm ein „Kiefersfelden soll kein Vorort von Lampedusa werden!“ über die Lippen.

Dauergast in der „Heute-Show“

Scheuer polarisiert. „Be-scheuert“, nennen ihn Kritiker – in der Tradition böser Wortspiele mit den Namen von CSU-Generalsekretären. Vorgänger Alexander Dobrindt wurde als „Doofrind“ parodiert, für den heutigen CSU-Kronprinzen und Finanzminister Markus Söder etablierte sich „södern“ – ein Kunstwort, das auch ein immenses Talent zur Selbstdarstellung umschreibt.

Verteilte Rollen: CSU-Chef Horst Seehofer bleibt im Zweifelsfall staatstragend, Generalsekretär Andreas Scheuer feuert politische Breitseiten ab. Fotos: dpa

Scheuer zieht gefühlt besonders viel Spott auf sich. In der ZDF-Heute-Show wird er so häufig persifliert, dass er kürzlich im ZDF-Rundfunkrat spaßeshalber von den Machern der Satireshow ein Dankeschön einforderte, mindestens eine Grußkarte zu Weihnachten oder Neujahr. „Generalsekretäre, vor allem der CSU, sind eigentlich freie Mitarbeiter. Ohne sie gäbe es keine Heute-Show.“

Kerngeschäft des Ideenlieferanten für die Heute-Show sind allerdings Strategien für künftige Wahlerfolge der CSU und Attacken auf den politischen Gegner. Bei der bayerischen Opposition diagnostiziert er Siechtum, speziell bei den Sozialdemokraten, die es aktuell in der Gunst der Wähler auf 16 Prozent bringen. „Sie haben die Umfrageergebnisse, die ihrer Qualität entsprechen“, sagt er.

Wachsam reagiert Scheuer auf steigende Umfragewerte der AfD – in Bayern kletterte die Partei zuletzt auf acht Prozent, bundesweit sind es zwölf Prozent. Das kratzt am Diktum der CSU, rechts von ihr dürfe sich keine demokratisch legitimierte Kraft etablieren. Scheuer schaltet auf verschärften Angriff: „Eine absolute Chaostruppe. Die Personen sind indiskutabel. Wenn man die Äußerungen von Frauke Petry und Beatrix von Storch zu Waffen und Schießbefehl an der Grenze hört, kann man nur den Kopf schütteln. Beschämend.“

Der Spuk sei vorüber, sobald die Flüchtlingskrise gemeistert sei, meint der Generalsekretär. Die CSU hat im Januar bei ihrer Klausur in Kreuth einen 12-Punkte-Plan zur Asylpolitik vorgelegt. Manko der CSU ist allerdings, dass Kanzlerin Angela Merkel bei dem Konzept nicht mitzieht. Sie hält nichts von Grenzsicherungen und Obergrenzen, setzt weiter auf eine europäische Lösung.

Vor allem mit Positionen zur Asylpolitik lenkt Scheuer die Pfeile der Opposition auf sich. Der bayerische Grünen-Chef Eike Hallitzky macht den Generalsekretär für die „Radikalisierung und Verrohung der politischen Landschaft“ verantwortlich. Scheuer suggeriere, Bürgerkriegsflüchtlinge und Asylbewerber seien eine Bedrohung für die deutsche Identität und Leitkultur. Es sei „Scheuers Werk“, dass Seehofer im ZDF-Politbarometer bei AfD-Anhängern besser abschneide, als bei Unionswählern.

Ein Vorwurf, den der CSU-Generalsekretär scharf zurückweist. „Diesen Quatsch, der immer wieder behauptet wird, dass die CSU am rechten Rand fischt: den kann ich nicht mehr hören.“ Ein Brandbeschleuniger für Radikale sei vielmehr, wer die Sorgen der Bürger in der Flüchtlingskrise nicht ernst nehme.

Scheuer gebärdet sich im Alltag als harter Hund. Im Fasching stilisiert er sich anders. Bei der Franken-Fastnacht in Veitshöchheim schlüpfte er jetzt ins Kostüm der Comicfigur Robin – der jugendlich-unbedarfte Assistent von Bruce Wayne alias Batman ist der Geschichte nach dafür da, teils verstörende Aktionen seines Helden zu erklären. Eine gewisse Analogie zum Duo Seehofer-Scheuer.

Die Aufgabe: „Batman“ erklären

„Robin hat als rechte Hand die Aufgabe, Batman zu unterstützen“, sagt Scheuer. Das Adjektiv verstörend lässt er nicht stehen. Es folgt ein typischer Satz mit eingebauter Hintertür. „Der Politikstil und die Kommunikation des Parteichefs ist definitiv nicht befremdlich, sondern bei ihm weiß man, woran man ist. Ein bisschen geheimnisvoll gehört auch dazu.“

Auszuteilen und anzugreifen fällt Scheuer nicht schwer. Er kenne das aus dem Basketball, schon mit elf, zwölf Jahren sei er auf dem Court gestanden. „Auf dem Spielfeld pflege ich den harten Fight mit bedingungslosem Einsatz für das Team. Wir spielen ja nicht Hallenhalma, das ist eher ein harter und dynamischer Sport.“ Doch nach dem Abpfiff müsse man auch mit Rivalen normal zusammensitzen.

Nur im Fasching kurz auf Kuschelkurs: Andreas Scheuer mit SPD-Frau Natascha Kohnen. Foto: dpa

In Veitshöchheim praktizierte Scheuer das beim kurzen Schulterschluss für die Fotografen mit der bayerischen SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen, die im Rasta-Kostüm steckte. Die SPD-Frau spöttelte über Robin. „Naja, wenigstens einmal im Fasching auf der guten Seite.“ Sie warnt Scheuer vor Batmans Gegenspieler „Two Face“ – Söder passt für sie auf diese Figur – und rät zum Lockerbleiben. „Komm zur Entspannung nach Jamaika, aber dein Verhältnis zu Reggae und Hanf ist ja ein bisschen verkrampft.“

Eine Kandidatur mit Risiko

Scheuer hat dieser Tage längst nicht mehr den Fasching im Kopf. Er plant den politischen Aschermittwoch der CSU, „die größte Bürgerversammlung der Welt“. Gefühlte 10 000 Besucher würden sich auch dieses Jahr wieder versammeln, flunkert er – wohl wissend, dass die feuerpolizeilichen Auflagen das gar nicht hergeben. Hauptredner ist Seehofer – dieses Jahr ohne den früheren CSU-Chef Edmund Stoiber als Anheizer. Das Schlusswort bleibt Scheuer, wie immer eine Replik auf Aschermittwochsredner, die zeitgleich an anderen Orten Bayerns am Start sind. CSU-Späher verfolgen, was dort gesagt wird. „Wir sind sehr wachsam, was über die CSU gepoltert wird.“

Als Bewerbungsrede für neue politische Aufgaben will Scheuer das nicht verstanden wissen. Der CSU-Generalsekretär kandidiert beim niederbayerischen CSU-Parteitag am 19. Februar für den Posten des Bezirkschefs – der Europapolitiker Manfred Weber muss den Posten satzungsgemäß räumen, weil er im November zu Seehofers Stellvertreter in der Gesamtpartei aufgerückt ist.

„Ich trete an, um mitzuhelfen, den Erfolgskurs meiner Heimat Niederbayern fortzusetzen“, sagt Scheuer, schon ganz im parteiinternen Wahlkampfmodus. Tatsächlich wird in Teilen der CSU geargwöhnt, er wolle sich das einflussreiche Amt des Bezirksfürsten als Machtbasis für die Zeit nach Seehofer sichern.

General in der CSU-Zentrale

  • Karriere

    Andreas Scheuer ist seit 2013 Generalsekretär der CSU. 2002 war der 41-Jährige aus Passau erstmals in den Bundestag gewählt worden. Er legte einen zügigen Aufstieg hin. Von 2009 bis 2013 war er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium.

  • Kernaufgaben

    Als Generalsekretär gehört nicht allein die Profilierung der CSU zu seinen Aufgaben. Scheuer verweist auf Strukturänderungen in der Partei seit 2014, das neue Konzept für die Parteizeitung Bayernkurier und den Umzug in eine neue Parteizentrale Ende 2015.

  • Arbeitsstil

    Parteichef Horst Seehofer lässt seinem Generalsekretär Spielraum. Im Zweifelsfall gibt es eine „schnelle und intensive Abstimmung auf Zuruf“, sagt Scheuer.

  • Ambitionen

    Beim niederbayerischen CSU-Parteitag am 19. Februar kandidiert Scheuer für das Amt des Bezirkschefs. Er hat allerdings mit dem bayerischen Kultusstaatssekretär Bernd Sibler und dem Straubinger OB Markus Pannermayr zwei Gegenkandidaten.

Er ist aber nicht der Einzige, der ins Rennen geht, was ein sicheres Indiz ist, dass einige ihn gerne verhindern würden. Der bayerische Kultusstaatssekretär Bernd Sibler tritt an, ebenso der Straubinger OB Markus Pannermayr. Wie es ausgeht? „Die Delegierten werden entscheiden. Punkt“, meint Scheuer.

Ein Parteifreund, der nicht genannt werden will, sieht Scheuer und Sibler schon jetzt angeschlagen. „Wenn einer stark genug ist, gibt es keinen Gegenkandidaten. Wenn man als Generalsekretär oder Kabinettsmitglied verliert, ist es ein Totalschaden.“

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