mz_logo

Bayern
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Zweiter Weltkrieg

Der Ritter aus Regensburg

1943 verschonte ein deutscher Jagdflieger einen amerikanischen Bomber: Franz Stigler wird in den USA dafür bis heute verehrt.
Von Martin Eich

Und jetzt nach England: John D. Shaws Gemälde zeigt, wie Stigler die B-17 im engen Verbandsflug über den Flakgürtel an der deutschen Nordseeküste leitet. Foto: Valor Studios

Regensburg.Wer das Museum der 8. U.S. Air Force in Pooler, Georgia, sieht, ahnt nicht, dass hier der außergewöhnlichsten Episode des Luftkriegs gedacht wird. Unscheinbar duckt sich der niedrige, weiße Flachbau unter dünne Bäume, die angrenzende Interstate 95 ummantelt ihn mit einer Lärmkulisse. Nur gelegentlich übertönen Passagiermaschinen, die auf dem nahen Flugplatz von Savannah landen und starten, das ewige Brummen. In dem einem Hangar nachempfundenen Gebäude wartet kühle Sachlichkeit aus Stahl und Aluminium auf die Besucher. Exponate dokumentieren die Einsätze der im Zweiten Weltkrieg ausschließlich in Europa eingesetzten Luftflotte. Ein prominent platziertes Gemälde scheint aus der Zeit gefallen und ist doch die Hauptattraktion: Eine deutsche Messerschmitt Bf 109 und eine amerikanische B-17 fliegen in enger Formation, darunter Porträts zweier junger Piloten in Uniform. Ein drittes Foto zeigt sie gealtert beim Fischen, ihre Unterschriften vervollständigen die Komposition.

Die Geschichte, an die in Pooler erinnert wird, beginnt am 21. August 1915 in Regensburg mit der Geburt des zweiten Sohnes von Franz und Anna Stigler. Wie sein Vater wird er Franz getauft, und wie er, der im Ersten Weltkrieg einen Aufklärer steuerte, fängt er in den 1920er-Jahren in Amberg mit dem Segelfliegen an. Sein erster Flug ist zugleich sein erster Absturz: Der Gleiter des damals Zwölfjährigen ist falsch getrimmt, eine Bruchlandung die Folge. Seine Liebe zur Fliegerei mindert das nicht; sie wird schließlich obsiegen. Eigentlich wollte er seiner religiösen Mutter wegen Priester werden, um dann doch Luftfahrttechnik in Würzburg zu studieren und nach wenigen Semestern auf eine Flugschule zu wechseln. Die expandierende Lufthansa, Hätschelkind des NS-Regimes und ständig auf der Suche nach Piloten, verpflichtet ihn sofort. Er erkundet neue Strecken und bildet fliegerischen Nachwuchs aus.

Ungefragt zur Luftwaffe kommandiert

Zivile und militärische Luftfahrt sind im Dritten Reich eng verzahnt, und so wird er noch vor Ausbruch des Krieges ungefragt zur Luftwaffe kommandiert. Wieder unterrichtet er angehende Piloten – darunter auch seinen älteren Bruder August, dem er kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen selbst die Schwingen an die Uniform heftet. Nur ein Jahr danach ist der Gymnasiallehrer tot: Über England explodiert seine Junkers. Stigler will Rache und lässt sich zu einem Einsatzverband versetzen. Er fliegt über Nordafrika und Sizilien, wird zur Reichsverteidigung versetzt und reiht Abschuss an Abschuss, bis am 20. Dezember 1943 nur noch einer zum Ritterkreuz fehlt.

Franz Stigler als Oberleutnant im Herbst 1944. Wenige Wochen später meldet er sich freiwillig zum Jagdverband 44, in dem er bis Ende des Krieges dient.<br id="d3138396e392"/>Foto: Franz Stigler Collection

An Mittag dieses nasskalten Montags steht er auf dem Flugplatz Jever neben seiner gerade betankten und aufmunitionierten Bf 109. Seit mehreren Stunden kämpft er gegen amerikanische Flugzeuge, er ist müde, aber seine Sinne sind geschärft. Er hört den riesigen Bomber, bevor er ihn sieht: Auf direktem Kurs hält eine B-17 langsam und niedrig auf ihn zu, überfliegt den Platz und verschwindet in Richtung Nordsee. Er wirft seine Zigarette fort und springt in die Maschine. Schnell verriegeln Mechaniker die Motorabdeckung und Stigler beginnt die Verfolgung.

Den amerikanischen Bomber schnell eingeholt

Er braucht nicht lange, um den Bomber einzuholen. Dessen 21-jähriger Pilot Charles „Charlie“ Brown, Sohn armer Farmer aus West Virginia, bemerkt zunächst nichts davon; er hat genug damit zu tun, die Maschine mit dem Spitznamen „Ye Olde Pub“ in der Luft zu halten. Seine erste Mission als Kommandant ist ein Fiasko: Schon beim Anflug auf das Focke-Wulf-Werk bei Bremen ist ihr Verband in Flakfeuer geraten und nach dem Ausklinken der Bomben von Jagdflugzeugen angegriffen worden. „Ye Olde Pub“ hat es besonders schwer getroffen: Bordkanonen und Maschinengewehre haben sie zum Wrack gemacht, mehrere Crewmitglieder verletzt und den Heckschützen getötet.

Immer näher kommt Stigler und immer mehr wundert er sich, dass nicht auf ihn geschossen wird. Schließlich sieht er durch das Reflexvisier den Toten im zerschmetterten Heckstand; sein Blut ist über den Läufen des Doppel-MG zu rotem Eis gefroren. Langsam setzt er sich neben die B-17. Durch die großen Löcher im Rumpf erkennt er, wie Besatzungsmitglieder verwundete Kameraden verbinden. Die Versuche, den vor Angst erstarrten Brown, der ihn endlich entdeckt hat, durch Handzeichen zur Landung oder zum Flug in das neutrale Schweden zu bringen, sind vergebens. Stigler greift an den Rosenkranz in seiner Fliegerjacke und beschließt: Ich werde diese Maschine nicht abschießen. Jahrzehnte später sagt er: „Es wäre, als ob man einen Mann am Fallschirm getötet hätte.“

Ein Geheimnis gut genutzt

Aber Gefahr droht dem Bomber auch aus anderer Richtung: Beide Piloten wissen von dem lückenlosen Flakgürtel entlang der Küste, für den die „Ye Olde Pub“ ein leichtes Ziel ist. Stigler versteht jedoch ein Geheimnis zu nutzen: Die Luftwaffe hat einige abgestürzte und notgelandete Feindmaschinen repariert und nutzt sie für Sondermissionen und Testflüge. Keine deutsche Batterie, hofft er, wird deshalb auf eine B-17 im Verbandsflug mit einer Bf 109 schießen. Vorsichtig und zur Überraschung der Amerikaner manövriert er näher heran, bis die beiden Flugzeuge eine akkurate Formation bilden.

Stigler spielt Vabanque – und gewinnt: Die Geschütze unter ihnen schweigen. Er bleibt über der Nordsee noch einige Minuten an der Seite der B-17, tauscht dann einen letzten Blick mit Brown und bringt salutierend seine Messerschmitt auf Heimatkurs. Der Rückweg des Bombers ist weiter, aber Brown gelingt in England eine Notlandung. Alle, außer dem Heckschützen, überleben die Mission, und keiner aus der Crew sollte nochmals verwundet werden.

Exklusive Bruderschaft des Schweigens

Über das, was sie am 20. Dezember 1943 erlebt haben, dürfen sie nicht sprechen. Vorgesetzte fürchten um den Kampfgeist, wenn die ritterliche Geste des Deutschen publik wird. Stigler hingegen hat eigene Gründe: Eine Anklage wegen Hochverrats und Feigheit vor dem Feind wäre ihm sicher. So sind der deutsche und der amerikanische Pilot Verbündete in eigener Sache, vereint in einer exklusiven Bruderschaft des Schweigens.

Stigler fliegt weiter, insgesamt wird er auf 487 Einsätze kommen. Er erzielt zusätzliche Abschüsse, beansprucht sie aber nicht mehr und lässt sie jungen Piloten gutschreiben, die ihm unterstellt sind: Das Ritterkreuz ist ihm unwichtig geworden. Am Ende des Krieges steuert er den Düsenjäger Me 262 und dient unter dem Kommando von Generalleutnant Adolf Galland im Jagdverband 44, einer in der Militärgeschichte einzigartigen Einheit. Nach Waffenstillstand und kurzer amerikanischer Gefangenschaft wandert er nach Kanada aus. Im Ruhestand kauft er sich eine Messerschmitt Bf 108, ein seiner alten Bf 109 technisch verwandter Typ, und lässt sich bei Flugschauen auf dem amerikanischen Kontinent von Veteranen in ihren Maschinen jagen.

Ein Brief wird zum Zeittunnel

An den 20. Dezember 1943 und die „Ye Olde Pub“ denkt er nicht mehr, bis 1985 ein Brief von Boeing zum Zeittunnel wird. Der Flugzeughersteller, durch die Showflüge auf ihn aufmerksam geworden, lädt ihn nach Everett zu einem Festakt anlässlich des 50. Jahrestages des Erstflugs einer B-17 ein. Mit dem Schreiben kommen die Erinnerungen an jene Maschine zurück, die er 42 Jahre zuvor hatte entkommen lassen. Er will wissen, was aus der Besatzung geworden ist. Erstmals berichtet er seiner Frau von der B-17. Sie rät ihm: „Du solltest zu der Feier gehen und herumfragen. Es könnte deine letzte Chance sein.“ Zurück kommt er mit einer Einladung der „American Fighter Aces“, künftig an ihren Veranstaltungen teilzunehmen, aber ohne jeden Hinweis auf die „Ye Olde Pub“.

Jagdverband 44

  • Den ausnahmslos aus Freiwilligen

    gebildeten Jagdverband 44 darf der in Ungnade gefallene Generalleutnant Adolf Galland nur aufstellen, weil die NS-Führung missliebige Offiziere in einer Einheit zusammenfassen will. „Ein verlorener Haufen von Ausgestoßenen und Verurteilten“ nennt es Johannes Steinhoff, der ebenfalls dazugehörte, später.

  • Galland und seine Piloten

    müssen alles, was sie zum Fliegen benötigen, selbst beschaffen: Munition, Treibstoff und sogar ihre Maschinen. Trotzdem stehen sie bis zum Kriegsende im Einsatz. Viele ihrer Mitglieder besetzen später höchste Führungspositionen in NATO und Bundesluftwaffe. Franz Stigler gehört nicht dazu: Steinhoffs Vorschlag, ebenfalls in die Bundeswehr einzutreten, lehnt er ab.

Im selben Jahr beginnt auch Brown, der bei der Air Force geblieben war, nach ihm zu suchen. Anfang der siebziger Jahre kamen mit der Pensionierung überwunden geglaubte Albträume zurück, in denen er am 20. Dezember 1943 in einer trudelnden und brennenden B-17 abstürzt. Vier Jahre wühlt er sich erfolglos durch Archive. Schließlich bittet er die Redaktion des „Jägerblatts“, das vom Verband deutscher Jagdflieger herausgegeben wird, um Hilfe – und erhält eine Abfuhr. Hartnäckig wendet er sich an ausgerechnet an Galland, der nichts von den Ereignissen am 20. Dezember 1943 weiß, aber mit der Autorität des einstigen Generals der Jagdflieger erreicht, dass in der Zeitschrift ein Suchbrief Browns erscheint.

„Mein Gott, du bist es wirklich.“

Charles Brown zu Franz Stigler

Stigler bezieht das Blatt und reagiert sofort. Am 18. Januar 1990 schreibt er dem Amerikaner. Fünf Tage später ruft Brown ihn aus Florida, wo er inzwischen lebt, an. Detailliert lässt er sich die Beschädigungen der „Ye Olde Pub“ schildern, um sicher zu sein, keinem Hochstapler aufzusitzen. Als Stigler erwähnt, dass sie nicht nur über Land, sondern auch über See flogen, sagt Brown weinend: „Mein Gott, du bist es wirklich.“

Wenig später treffen sie sich in Seattle. Ein Kamerad Browns filmt das Gespräch; die Aufnahme wird es umgehend in die Hauptnachrichten des amerikanischen und kanadischen Fernsehens schaffen. Nach dieser Begegnung, sagt Brown später, seien seine Albträume verschwunden: Nie wieder trudelt er im Schlaf, gefangen in einer brennenden B-17, zu Boden. Wieder zu Hause, fragt seine Frau, warum Stigler ihn verschonte. Seine Antwort: „Ich war zu dumm, mich zu ergeben. Und Franz zu sehr Gentleman, um uns zu töten.“

Von da an leben Stigler und Brown ihre Schicksalsgemeinschaft, reisen durch Nordamerika und folgen gemeinsam Einladungen von Veteranenverbänden, Luftfahrtmuseen, Studenten und Soldaten. Die 379th Bomb Group, Browns alte Einheit, ernennt Stigler zum Ehrenmitglied. Im März 2008 stirbt er, nach 52 Jahren Ehe, in den Armen seiner Frau.

In der Heimat erinnert nichts an Stigler

In seiner Heimat erinnert nichts an ihn. Weder Regensburg noch Amberg gedenken eines Offiziers, der das eigene Leben gefährdete, um das hilfloser Feinde zu retten. Als 2014 die deutsche Ausgabe seiner in den USA zum Bestseller gewordenen Geschichte erscheint („Eine höhere Pflicht“, Riva-Verlag), bleiben Rezensionen aus. Dabei ist Stigler in den Vereinigten Staaten beinahe so bekannt wie Atlantikbezwinger Charles Lindbergh oder Flugpionierin Amelia Earhart. Auch in Europa wird er gewürdigt: Die schwedische Metal-Band „Sabaton“ widmete Stigler ihren Song „No Bullets Fly“, italienische, polnische, britische und französische Zeitungen berichteten und Youtube-Videos über ihn werden bis heute millionenfach aufgerufen.

Brown überlebt seinen früheren Gegner und späteren Freund, der ihm 65 weitere Lebensjahre geschenkt hat, nur um acht Monate. Als er im November 2008 verstirbt, finden Angehörige in seinem Nachlass ein Buch über den Jagdverband 44. Es enthält eine Widmung in zittriger Handschrift: „1940 habe ich meinen einzigen Bruder verloren. Am 20. Dezember 1943, vier Tage vor Weihnachten, hatte ich die Möglichkeit, eine B-17 vor der Vernichtung zu bewahren; das Flugzeug war schwer beschädigt – es war ein Wunder, dass es noch flog. Der Pilot Charlie Brown ist mir so wertvoll wie mein Bruder. Danke, Charlie. Dein Bruder Franz.“

Weitere Nachrichten aus Bayern gibt es hier

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

  • RH
    Roswitha Herzig
    04.01.2018 07:34

    Danke für diese mir unbekannte Geschichte! Günther Herzig

    Missbrauch melden
  • TR
    Thomas Rothdauscher
    01.01.2018 11:53

    Ein ergreifender und ermutigender Bericht.Der Glaube an das Gute im Menschen auch unter Kriegsbedingungen wird möglich.Wären alle so gewesen gäbe es keinen Krieg und Diktatoren.

    Missbrauch melden
  • JG
    Jutta Göller
    01.01.2018 10:23

    Wunderbarer Bericht! Hab Tränen in den Augen... Danke, Jutta Göller.

    Missbrauch melden

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht