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Verkehr

Deutlich mehr Fahrradunfälle in Bayern

Bei Zusammenstößen mit Autos und Lastwagen ziehen Fahrradfahrer immer den Kürzen. Groß ist die Gefahr an Kreuzungen.
von Christine Strasser, MZ, und Marco Hadem, DPA

Die Zahl der Fahrradunfälle in Bayern ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Foto: dpa

München.Im Bayern gibt es immer mehr Fahrradunfälle. Seit 2013 verzeichnete das Innenministerium einen stetigen Anstieg, wie aus einer parlamentarischen Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hervorgeht. 2016 wurden 16 057 Unfälle mit Fahrrädern im Freistaat registriert, damit krachte es rechnerisch alle 33 Minuten. 2013 waren es noch 15 Prozent weniger (13 575), weshalb es nur alle knapp 39 Minuten zu einem Unfall mit Fahrradfahrern kam. Auch die Zahl der Verletzten war 2016 auf einem Höchststand: 14 687 Radfahrer erlitten bei den Unfällen Blessuren, 68 wurden getötet. Zum Vergleich: 2015 gab es gar 81 tote Radfahrer, 2013 waren es 62. Ein Großteil der Unfälle geht auf das Konto der Radfahrer selbst: Bei zwischen 61 Prozent (2013) und 65,4 Prozent (2016) – und damit bei fast Zweidrittel aller Unfälle – lag die Schuld bei den Fahrradfahrern selbst.

Großteil sind „Alleinunfälle“

Beim Blick auf die Statistik mahnen Experten des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) und des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) jedoch zur Vorsicht. Bernd Sulka, VCD-Landesvorsitzender in Bayern, erläutert, dass es sich bei den meisten Unfällen um „Alleinunfälle“ handelt, also Stürze, bei denen gar kein anderer Verkehrsteilnehmer beteiligt war. Logischerweise trage der Radfahrer bei solchen Unfällen auch selbst die Schuld. Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man Fahrradunfälle betrachtet, bei denen Autos oder Lastwagen beteiligt sind. Bei Unfällen von Radlern mit Autofahrern trifft laut bundesweiter Statistik nur bei einem Viertel der Unfälle die Hauptschuld den Fahrradfahrer. Bei Unfälle mit Lastwägen ist nur in 20Prozent der Fälle der Radfahrer Hauptverursacher. Armin Falkenhein, Landesvorsitzender des ADFC in Bayern, fordert deshalb den Einbau intelligenter Fahrzeugtechnik, die notfalls einen Stopp einleitet, verpflichtend für alle Lkws zu machen.

Dass die absoluten Unfallzahlen steigen, verwundert Verkehrsexperten indes nicht: In Bayern sind immer mehr Menschen und damit statistisch gesehen auch mehr Fahrräder unterwegs. Im Vergleich zu anderen Verkehrsteilnehmern weist die Unfallstatistik bei Fahrrädern jedoch keinen generellen Ausreißer nach oben aus. 2016 betrug der Anteil der Radunfälle an der Gesamtzahl der Unfälle 10,1 Prozent. Sollte dieser Anteil steigen, dann wäre das ein Alarmsignal für die Experten. Landesweit hat Bayern einen Radverkehrsanteil von 10,5 Prozent am Gesamtverkehrsaufkommen. In Städten liegt der Anteil der Radler oft höher (circa 20 Prozent).

Kreuzungen besonders gefährlich

Gefahrenpunkte sind vor allem Kreuzungen und Einmündungen. Vorfahrtsmissachtungen und Fehler beim Abbiegen sowie Wenden sind die Hauptunfallursachen. Meistens macht dieses Fehler der Auto- oder Lastwagenfahrer, wie Klaus Wörle vom ADFC in Regensburg betont. Er plädiert dafür, Kreuzungen und Einmündungen möglichst übersichtlich zu gestalten oder umzubauen. Wörle schildert, dass Radwege, die durch einen Bordstein und vielleicht sogar durch einen Grünstreifen abgesetzt sind, an solchen innerstädtischen Gefahrenstellen nicht die beste Lösung sind. Vielmehr sei zu beobachten, dass es bei gut geplanten Streifenlösungen auf der Fahrbahn zu weniger Unfällen kommen. Doch auch Wörles aber kommt prompt: Viele Radfahrer fühlen sich auf den abgegrenzten Radwegen sicherer – obwohl sie es laut Statistik nicht sind.

Das größte Risiko, das Radler selbst eingehen, ist Wörle zufolge das sogenannte „Geisterradeln“. Wer als Radfahrer entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung unterwegs sei, unterschätze oft, in welche Gefahr er sich begebe, mahnt er.

SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher fordert, dass „Fahrradstraßen und das Radfahren auf der Fahrbahn eine größere Rolle spielen, weil man dort besser sieht und gesehen wird.“ VCD-Mann Sulka und der Regensburger ADFC-Vertreter Wörle bemängeln beide, dass das komplette Verkehrsgeschehen auf die Bedürfnisse der Autofahrer ausgerichtet ist. Die Radfahrer in dass Geschehen auf der Straße zu integrieren, brächte mehr Sicherheit. Da sind sie sich einig.

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Für SPD-Fraktionschef Rinderspacher muss die Staatsregierung mit „verstärkten Maßnahmen zur Verkehrserziehung“ gegen die Entwicklung vorgehen. „Gerade Kinder und Jugendliche müssen eine ordentliche Fahrradausbildung und Verkehrssicherheitserziehung erhalten“, sagte er. Das Innenministerium verweist auf eine Reihe bereits bestehender Projekte wie Infokampagnen der Polizei, Verkehrserziehung in der Schule oder besondere Angebote für Flüchtlinge.

Ein vergleichsweise neuer Aspekt sind Elektrofahrräder. Dass ihre Zahl wächst, zeigt sich an der Unfallzahl mit den sogenannten E-Bikes: Diese sind von 208 im Jahr 2012 und 758 im Jahr 2016 um 264 Prozent innerhalb von vier Jahren gestiegen. Experten vermuten, dass viele E-Radler noch ungeübt im Umgang mit den Rädern und den höheren Geschwindigkeiten sind. ADFC-Landesvorsitzender Falkenhein regt an, bei Schulungen zur Verkehrssicherheit künftig ein besonderes Augenmerk auf ältere Radler zu legen.

Im Unterschied zum restlichen Freistaat ist die Zahl der Fahrradunfälle in Ostbayern im Übrigen nahezu gleich geblieben. Im Jahr 2012 gab es in Niederbayern laut Innenministerium knapp 900 Fahrradunfälle. 2016 waren es etwa 200 mehr, also 1100. In der Oberpfalz blieb die Zahl sogar fast gleich – bei etwa 900 (904 auf 922).

In Regensburg sind relativ viele Menschen mit dem Rad unterwegs. Auch die Zahl der Fahrraddiebstähle liegt verhältnismäßig hoch. Die Stadt will gegensteuern.

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