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Mittwoch, 31. August 2016 27° 1

Kommentar

Die „Meute“ im Visier

Ein Kommentar von Christine Schröpf, MZ

In Zeiten giftiger Lügenpresse-Vorwürfe über journalistische Grenzverletzungen oder auch nur mangelnde Fairness zu sprechen: Ist das klug? Liefert es Kritikern nicht nur ein Bündel neuer Argumente? Mitnichten. Es ist jetzt genauso wichtig wie in Zeiten, in denen der Gegenwind lauer weht. Es zeigt auf, dass Journalisten nicht nur andere, sondern auch sich selbst auf den Prüfstand stellen.

Zugegeben: Es geschieht in der Hektik des Arbeitsalltags nicht oft genug. Auch der zeitliche Abstand zu Vorfällen hilft, zu erkennen, wo kollektive Fehlleistungen passiert sind: Der Fall Wulff ist so ein Beispiel, bei dem der Vorwurf der Medien-Meute zumindest streckenweise gerechtfertigt ist. Auch der Fall Kachelmann mit im Rückblick absurd anmutenden Szenen zählt dazu. Vieles was berichtet wurde, hat skandalisiert, aber nicht unbedingt der Wahrheitsfindung gedient.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es steigert sich nicht jeder Journalist in Exzesse hinein, die Mehrheit der anders agierenden ruft aber auch nicht laut genug Stopp oder fordert einen Moment der Besinnung ein.

Aufrütteln müssen Berichte von Menschen, die Opfer von Katastrophen geworden sind oder dabei Angehörige verloren haben und dann als Zeugen oder Hauptbetroffene den Journalisten als erstes Auskunft geben sollen. Wie sehr sie das faktisch überfordern kann, auch wenn sie scheinbar gefasst wirken, wie sehr ihre Wahrnehmung zu diesem Zeitpunkt getrübt sein kann – das ist eine wichtige Lehre. Aber auch, dass es genauso falsch sein kann, um Opfer und Hinterbliebene eine Linie des Schweigens zu ziehen. Einige wollen darüber reden, wenn auch vielleicht nicht gleich, sofern es respektvoll geschieht.

Selbstkritik, Selbstreflexion: Dieser Aufgabe müssen sich Journalisten häufiger als bisher stellen. Immer öfter sind es aber nicht professionelle Journalisten, die Nachrichten und Meinungen verbreiten. In sozialen Netzwerken agiert eine wachsende Zahl von Bürgern in Eigenregie. Im besten Fall kann das Debatten beleben. Im schlechtesten Fall bewirkt es das Gegenteil. Bei den extremen Scharfmachern geht es nicht um Grenzüberschreitungen in Ausnahmesituationen: Sie agieren täglich völlig losgelöst von irgendwelchen Regeln, spalten, pöbeln und hetzen, verschließen sich selbst jedem Argument. Ein wachsendes Problem. Das im Blick zu behalten, soll nicht von den Schwachstellen der Journalisten ablenken. Aber es gehört zur Diskussion über die Qualität der Medien im Jahr 2016 unbedingt dazu.

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