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Pionierin

Die Ordensfrau, die Frauen stärkte

Der Armen Schulschwester“ Theresia Gerhardinger wurde 1998 als erster Frau seit Eröffnung der Walhalla eine Büste gewidmet.
Von Katharina Kellner, MZ

  • Eine Schwester des Ordens „Arme Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“ fotografiert am 3. September 1998 in der Walhalla bei Regensburg die Büste der Ordensschwester Maria Theresia von Jesu Gerhardinger aus der Hand des Künstlers Professor Wilhelm Uhlig. Die Büste ist auf reinem weißem Marmor und wurde vom bayerischen Kultusminister Hans Zehentmair enthüllt. Foto: dpa
  • Die frauenbewegte Künstlerin Renate Christin (mit Büste) freute sich 1998 über die beschlossene Aufnahme einer Büste Gerhardingers in die Walhalla. Einige Wochen vor der Aufstellung brachte sie eine selbstgefertigte Tonbüste der Ordensfrau in die „Halle der Erwartung“. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Zu Beginn ihres Berufslebens stieg die Regensburger Künstlerin Renate Christin der Walhalla aufs Dach. Sie arbeitete damals als Technikerin für die „Elektroberatung Bayern“. Später stieg in die Katakomben der Walhalla hinab: Mit einer frauenpolitischen Kunstaktion wies sie 1994 mit drei Künstlerkolleginnen auf das extreme Missverhältnis der Geschlechter unter den in der Walhalla geehrten Persönlichkeiten hin: Unter den 130 Büsten und 65 Gedenktafeln in der Ruhmeshalle sind nur zwölf Frauen.Der kellerartige Raum wurde für ein Wochenende lang zum „Temple à l’égalité“, zum Tempel der Gleichheit. Darin projezierten die Künstlerinnen Astrid Schröder, Maria Seidenschwann, Maria Maier und Renate Christin die Namen von Frauen an die Wände, die trotz wichtiger Leistungen vergessen worden sind.

1998 trommelte Christin dann noch einmal für die Sache Walhalla-Frauen: Einige Wochen vor der Aufnahme der Büste von Theresia Gerhardinger, der Gründerin der „Kongregation der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“, fertigte sie eine 54 Zentimeter hohe Gerhardinger-Büste aus Ton. Dann warb die zupackende Künstlerin für ihre Aktion beim bayerischen Kultusministerium, beim Donaustaufer Bürgermeister und den Ordensfrauen der „Armen Schulschwestern“. Sie mietete ein Schiff, das sie und die ganze Festgesellschaft samt Blaskapelle am 4. Juli 1998 von Regensburg nach Donaustauf brachte.

Wie aus Karolina Theresia wurde

Dort stellte sie ihre Büste in einer feierlichen Zeremonie in die „Halle der Erwartung“. Die hatte Baumeister Leo von Klenze als „Vorhimmel“ konzipiert – für diejenigen Büsten, deren Aufnahme in die Ruhmeshalle schon fest beschlossen war. Für frauenpolitisch hellhörige Menschen wie Renate Christin war die für Herbst 1998 geplante Würdigung Gerhardingers eine Genugtuung. In ihrer Festrede nannte Christin den Grund: „Denn während die Zahl der Büsten in regelmäßigen Abständen von fünf bis sieben Jahren auf die stattliche Anzahl von 122 anschwoll und die der Gedenktafeln auf 64, blieb die Präsenz der würdigen Frauen von Anfang an gleich.“

Heute sagt Christin über Gerhardinger: „Sie war die erste Schulschwester und hat viel für die Emanzipation getan. Ohne Bildung geht es nicht. Es war eine große Tat, die Schulen für Frauen zu öffnen.“ So sah es auch der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair bei der Aufstellung der Gerhardinger-Büste am 3. September 1998 (diesmal in Marmor): „Ihr Werk hat entscheidend gerade zur Verbesserung der Lebens- und Bildungssituation von Frauen und Mädchen beigetragen. Ja, man könnte Schwester Maria Theresia als eine wichtige Vorkämpferin für Frauenrechte und Menschenwürde in unserem Raum bezeichnen.“

Erfahren Sie in unserer Bildergalerie Wissenswertes über die Walhalla:

Die Gründerin des Lehrordens der Armen Schulschwestern war am 20. Juni 1797 in Regensburg-Stadtamhof geboren worden. Sie war „das einzige Kind eines angesehenen und wohlhabenden Schiffsmeisters und dessen Frau, die in einem eigenen Haus „Am Gries“ wohnten“, schreibt die Regensburger Historikerin Marita A. Panzer, die in ihrem Buch „Bavarias Töchter. Frauenporträts aus fünf Jahrhunderten“ auch Gerhardingers Vita erzählt.

Panzer führt die Umstände an, die Karolina Gerhardinger früh zum Lehrerinnenberuf brachten: „Als junges Mädchen erlebte Karolina die napoleonische Belagerung Regensburgs und die Säkularisierung der Klöster in Bayern.“ An ihrer Schule, der Mädchenschule der Notre-Dame-Schwestern in Stadtamhof, wurden die Ordensschwestern durch weltliche Lehrerinnen ersetzt. Der damalige Regensburger Dompfarrer und spätere Bischof Michael Wittmann förderte Gerhardinger, die sich nun selbst zur Lehrerin ausbilden ließ. Wittmann verfolgte das langfristige Ziel, einen Klosterorden für die schulische Ausbildung von Mädchen einzurichten. Gerhardinger arbeitete schon mit zwölf Jahren als Hilfslehrerin und unterrichtete von 1816 bis 1833 als Lehrerin an der königlichen Mädchenschule in Stadtamhof. Sie trat in die Ordensgemeinschaft der Armen Schulschwestern ein. Als sie ihr Gelübde ablegte, nahm sie den Ordensnamen Maria Theresia von Jesu an. 1835 wurde sie Oberin des neu gegründeten Instituts Mutter Theresia, dessen Mutterhaus in Neunburg vorm Wald eröffnet wurde. Als „mustergültig“ beschreibt das Ökumenische Heiligenlexikon die von ihr konzipierten Lehrpläne – sie „umfassten modernen Anschauungsunterricht, hauswirtschaftliche und kaufmännische Fächer, Fremdsprachen, musische Bildung und Turnen“. Gerhardinger nahm sich vor allem Mädchen aus armen Familien an.

Im Ochsenkarren durch Amerika

In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte der bayerische König Ludwig I. das staatliche Mädchenschulwesen wieder in die Hände der Frauenklöster gelegt, obwohl Minister Montgelas es hatte verweltlichen wollen. Ludwig I. war offenbar so beeindruckt von Gerhardingers Schriften, dass „er veranlasste, dass im ehemaligen Klarissenkloster am Anger zu München 1841 „ein für das Lehrbedürfnis der gesamten weiblichen Schuljugend bestimmtes Mutterhaus der Armen Schulschwestern“ gegründet wurde. Bis heute werden deren bayerische Einrichtungen von dort aus geleitet. Panzer zitiert den König mit den Worten: „Diese Frau weiß, was sie will, und was sie will, ist groß gedacht.“

Eine Schwester des Ordens „Arme Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“ fotografiert am 3. September 1998 in der Walhalla bei Regensburg die Büste der Ordensschwester Maria Theresia von Jesu Gerhardinger aus der Hand des Künstlers Professor Wilhelm Uhlig. Die Büste ist auf reinem weißem Marmor und wurde vom bayerischen Kultusminister Hans Zehentmair enthüllt. Foto: dpa

Mit einem anderen Mann, dem Münchner Erzbischof Graf von Reisach, geriet Theresia Gerhardinger aneinander. Dieser war der Meinung, „die monarchische Regierungsweise in den Händen einer Frau“, die „nach eigenem Gutdünken Oberinnen aufstellen und ihre Untergebenen versetzen könne, was sich für das weibliche Geschlecht nicht zieme, so wenig wie im Land herumzureisen und zu visitieren“. Gerhardinger wurde zwischenzeitlich „des Amtes enthoben, man drohte ihr mit der höchsten Kirchenstrafe und löste neu gegründete Häuser vom Mutterhaus los“. Doch 1865 bestätigte Papst Pius IX. die Satzung der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau, Theresia wurde zur Generaloberin auf Lebenszeit ernannt, was bis dahin Männern vorbehalten gewesen war. Bis zu ihrem Tod am 9. Mai 1879 übte sie das Amt aus. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits 166 Niederlassungen in ganz Europa und 125 in Nordamerika. 1847 hatte sie sogar selbst eine Amerika-Reise angetreten. Dort legte sie, teilweise im Ochsenkarren, rund 2600 Meilen zurück. Es gibt in der Walhalla manchen Mann, der es im Leben bequemer hatte.

Alle Teile aus unserer Serie zur Geschichte der Walhalla finden Sie hier.

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