mz_logo

Bayern
Montag, 22. Januar 2018 10

Porträt

Die punkige Therapeutin mit Herz

Zwischen JVA, Teenies und Punkmusik: Manuela Stiglbauer ist Sozialpädagogin und Therapeutin für Glücksspielsucht.
Von Kerstin Hafner

Die kracherte Punkerin hat das Herz am rechten Fleck. Foto: Stiglbauer

Regensburg.„Ich wollte von Beginn an lieber präventiv arbeiten. Das ist immer besser, als wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“ Manuela Stiglbauer (39), geborene Viechtacherin, arbeitet seit 2009 als Jugendsozialarbeiterin am Berufsschulzentrum (BSZ) Regensburger Land. Für die Einrichtung samt Kollegium ist die toughe Diplom-Sozialpädagogin mit der pechschwarzen Mähne und den bunten Tätowierungen voll des Lobes: „Das respektvolle Klima an dieser Schule ist wirklich ein Segen.“ Für Schüler, die aus schwierigen Verhältnissen stammen, sei das BSZ meist wie eine große Familie, die ihnen Halt gebe. „Problematisch wird es oft, wenn sie den Abschluss geschafft haben und plötzlich auf sich allein gestellt sind.“

Schon im Vorfeld hat die Sozialarbeiterin viel zu tun. Die jungen Menschen schütten ihr Herz aus und erzählen von ihren (Zukunfts-)Ängsten und Sorgen. Manche Jugendliche erfahren von klein auf kaum Unterstützung durch die Eltern, fühlen sich einsam, leiden unter Depressionen und mangelndem Selbstwertgefühl. „Solche Schüler haben oft mit Prüfungsangst zu kämpfen, sind aber auch immer in Gefahr, Opfer von Mobbing zu werden oder haben schon jahrelange Erfahrungen damit“, erzählt sie. Die Sozialarbeiterin betreibt in den BSZ-Klassen daher regelmäßig Mobbing-Aufklärung, hält Selbstsicherheitstrainings und Anti-Gewalt-Kurse. Soziale Einrichtungen oder Schulen können Stiglbauer auch freiberuflich buchen, zum Beispiel für Deeskalationstrainings mit schwieriger Klientel, Resilienz-Seminare, Teambuilding und Anti-Aggressions-Trainings. Ziel ist immer die Steigerung der sozialen Kompetenz aller Teilnehmer.

Die Sozialpädagogin engagiert sich auch gegen Wohnungsnot

Im BSZ herrscht ein angenehmes Klima. Foto: Stiglbauer

Depressionen bekommen gerade vor Weihnachten Aufwind. „Von allen Medienkanälen, Werbeflächen und Schaufenstern wird man mit einer heilen Familienidylle zugeballert. Wenn man die selbst nie kennengelernt hat, weil zum Beispiel der Vater gewalttätig war und die Mutter das Elend nur mit Alkohol ertragen hat, dann ist das starker Tobak.“ So manches Mal ist Stiglbauer auch Helferin in höchster Not. „Ans BSZ kommen je nach Ausbildungszweig Schüler von weit her. Manche sehen die Ausbildung als Chance, ihr Leben zu stabilisieren. Einige kommen ohne familiäre Unterstützung mit praktisch nichts nach Regensburg und brauchen ein Dach über dem Kopf. Wir alle wissen, wie rar bezahlbarer Wohnraum in der Stadt ist. Da bereichern sich viele Leute, die WG-Zimmer zu Preisen von 500 Euro und mehr anbieten.“ Die aktuelle Wohnsituation bringt die sonst so ausgeglichen wirkende Sozialarbeiterin auf die Palme. „Gerade wenn es sich nicht mehr um Jugendliche handelt und das Jugendamt als Anlaufstelle wegfällt, bleibt mir kurzfristig oft nur die Wahl, die jungen Leute über Nacht in der Bahnhofsmission oder in der Obdachlosenunterkunft unterzubringen.“ Sie seufzt. „Das passiert etwa zwanzigmal pro Jahr. Waren Sie schon mal in der Taunusstraße? Das ist beileibe keine geeignete Umgebung für ein 19-jähriges Mädchen, das zur Ausbildung nach Regensburg kommt und hoffnungsvoll in eine bessere Zukunft starten will. Da muss sich unbedingt was ändern in der Stadt!“

„Gerade wenn es sich nicht mehr um Jugendliche handelt und das Jugendamt als Anlaufstelle wegfällt, bleibt mir kurzfristig oft nur die Wahl, die jungen Leute über Nacht in der Bahnhofsmission oder in der Obdachlosenunterkunft unterzubringen.“

Stiglbauer ist seit 2014 neben Katharina Janzen und Reinhard Kellner auch im ehrenamtlichen Vorstand des Dachverbands der Regensburger Sozialen Initiativen (SI), die sich seit Herbst 2017 in der AG Wohnungsnot engagieren und sich für bezahlbaren Wohnraum starkmachen. Neben der Zusatzausbildung zum Anti-Aggressionstrainer machte die Sozialpädagogin 2010 eine Weiterbildung zum Thema Glücksspielsucht/-therapie. „Damals hat das noch kein Mensch ernst genommen, aber ich hatte so ein Bauchgefühl, dass dieses Thema noch brisant wird. Gerade junge Leute haben oft kaum noch Hobbys, verbringen viel zu viel Zeit im Internet. Jeder Minderjährige kann sich mit ein bisschen Geschick auf einer Zockerseite anmelden, die Kontrollmechanismen greifen nicht. Auch für Erwachsene ist die Hemmschwelle geringer: Heutzutage sieht dich niemand mehr um 11 Uhr vormittags, wenn andere Leute arbeiten, in ein Spielcasino gehen. Du nimmst dein Smartphone und verzockst Geld, das du im schlimmsten Fall gar nicht hast.“ An der Schule arbeitet sie auch mit Eltern und Lehrern, sensibilisiert sie für auffälliges Verhalten. „Ich möchte eine niederschwellige und unkomplizierte Anlaufstelle sein. Die Eltern können gerne schon beim ersten Verdacht zu mir kommen, nicht erst, wenn 20 000 Euro verzockt sind.“

Die Besuche in der JVA Straubing zeigen die Brisanz der Spielsucht

Seit vier Jahren fährt sie – freiberuflich – freitagnachmittags oder am Wochenende in die JVA Straubing, um dort schwerste Fälle von Glücksspielsucht zu therapieren. Das hat mit Prävention nichts mehr zu tun. „Straubing ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Zu diesen Sitzungen kommen Menschen, die in die Beschaffungskriminalität abgedriftet sind, sogar gemordet haben, um an Geld zu kommen. Schon daran erkennt man die Brisanz dieser Sucht.“ Was der Sozialarbeiterin bei dieser Klientel hilft, ist ihr Auftreten. Authentizität ist in ihrem Beruf Gold wert. Sie kommt ehrlich rüber, weil sie ihren Job mit Herzblut macht. „Ich bin kein Kuschelpädagoge, ich arbeite gerne konfrontativ und mag Fälle, die mich richtig fordern – und ich zerbrech’ mir da auch gerne den Kopf drüber. Das ist für mich kein Stress. Jede Krise sehe ich auch als Chance. Und ich rede – sofern es die Situation zulässt – nicht gerne lange um den heißen Brei herum. Ich bin eher bayerisch-krachert als weichgespült. Deswegen wollte ich auch nie mit kleinen Kindern arbeiten, an die man ganz behutsam herangehen muss.“

„Ich rede nicht gerne lange um den heißen Brei herum. Ich bin eher bayerisch-krachert als weichgespült.“

Manuela Stiglbauer posiert mit ihrer bayerischen Punkband Amygdala. Foto: B. Hermann

Ein Professor an der FH habe ihr mal gesagt, mit ihrem Dialekt werde sie es nicht leicht haben im Job. „Ich hatte nie Probleme damit. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, dass es gut ankommt, wenn man redet, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Gerade bei den Häftlingen in der JVA oder bei ausländischen Schülern, die Hochdeutsch oft als zu hart empfinden. Als Therapeut ist man wie eine Pillenpackung: Nur wenn die Chemie stimmt, kann man was bewirken. In der JVA gibt es fünf Probetermine. Bis jetzt hat mich noch kein Häftling als Therapeutin abgelehnt.“ Ein Wärter ist dabei nicht mit im Raum, früher gab es auch keine Überwachungskamera. Hatte sie nie Angst? „Nein“, sagt sie bestimmt.

Trotz anfänglicher Bedenken schöpft Stiglbauer Kraft aus Yoga

Ihre Kraft schöpft Stiglbauer aus einem sehr stabilen Elternhaus, aus der Musik und neuerdings auch aus Kundalini-Yoga. Mittlerweile macht sie das sogar mit Schülern. „Früher dachte ich immer, Yoga wär’ mir zu esoterisch, dann hab’ ich das Kundalini für mich entdeckt, das hat einen anderen Zugang.“ Manchmal bekommt sie von den Schülern kleine Geschenke oder Selbstgebackenes. „Man kriegt in diesem Beruf so viel zurück“, erzählt sie strahlend. An Weihnachten hat die Viechtacherin ihre Eltern besucht. „Sie sind immer hinter mir gestanden. Ihre Tür war offen, egal was für einen Schmarrn ich angestellt hatte. Dafür danke ich ihnen sehr. Manchmal machen sie sich Sorgen um mich, wegen der Sache mit der JVA.“ Besser ergeht es ihnen mit der Band ihrer Tochter: Sie spielt Bass in der bayerischen Punkband Amygdala. Aus ihrer Feder stammen oft die sozialkritischen Texte der Songs, die aber immer ein positives Gefühl beim Hörer hinterlassen sollen. „Was mich am meisten freut, ist, dass drei Mitglieder der fünfköpfigen Band ehemalige BSZ-Schüler sind.“

Zum Ausgleich macht die Sozialpädagogin gerne Kundalini-Yoga. Foto: W. Hofbauer

Wie findet diese Frau eigentlich Zeit für die SI, obwohl sie neuerdings auch noch ein Haustier hat? „Mir ist eine Katze zugelaufen. Die mag ich so gern, dass ich lieber Allergietabletten nehme, als sie herzugeben“, grinst sie. „Für die SI-Aktionen bleibt genug Spielraum am Wochenende. Ich habe keine Kinder und bin in der JVA nur stundenweise. Was Zeitmanagement betrifft, war ich schon immer gut strukturiert.“ Zudem erleichtert ihr die Schule künftig die Arbeit: „Ich darf im Rahmen des Landkreis-Familienkonzepts montags Homeoffice machen. So kann ich mich besser um meine derzeit kranken Eltern kümmern. Das war mein Geschenk 2017.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Weitere Meldungen aus dem Panorama-Ressort finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht