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Dienstag, 22. August 2017 26° 1

Flüchtlinge

Die „Sea-Eye“ auf Schlingerkurs

Die Seenotretter aus Regensburg stecken im Dilemma: Rom drängt auf einen Kontrakt – aber zwei Punkte sind unerfüllbar.
Von Marianne Sperb, MZ

Michael Buschheuer, Initiator der Flüchtlingshilfe „Sea-Eye“, hat sich durchgerungen, den Kontrakt mit Rom zu unterzeichnen – mit zwei Klauseln. Foto: dpa

Regensburg. „Wir sind hin- und hergerissen.“ Michael Buschheuer quält sich mit dem „Code of Contact“. In dem Papier will Italiens Innenministerium die Bedingungen regeln, unter denen private Seenotretter im Mittelmeer Hilfe leisten. Der Kontrakt legt einige Hürden für Freiwilligen-Teams so hoch, dass sie kaum zu überspringen sind. Ohne Abkommen aber drohen behördliche Interventionen. Die Initiative „Sea-Eye“ könnte kentern.

Zwei Konfliktpunkte nennt der Regensburger Unternehmer, der 2016 seine Flüchtlingshilfe gestartet hat: „Sea-Eye“ und „Seefuchs“ sollen Technik-Standards nachweisen, die für die 26-Meter-Schiffe unerfüllbar sind. „Wir fahren umgebaute Kutter, keine Passagierschiffe“, erläutert er. „Aus einer Katze kann man keinen Hund machen.“ Und aus einem Van keinen Reisebus. Buschheuer verweist auf rund 12 000 Menschen, die die Initiative bisher aus dem Meer gerettet hat. Damit seien Einsatzfähigkeit und Sicherheit der Schiffe hinlänglich belegt.

Mit zwei Klauseln genehmigt

Zweiter Stolperstein ist die eventuelle Rückführung von Geretteten nach Libyen, die der „Code of Contact“ vorsieht. Menschenrechtler dokumentierten in Migranten-Lagern des Bürgerkriegs-Lands wiederholt Folter, Versklavung und sexuelle Übergriffe. Mitglieder der libyschen Küstenwache stehen in Verdacht, mit Verbrecherbanden zu kooperieren und selbst kriminell tätig zu sein. „Sea-Eye“ etwa meldete im September 2016, dass die Küstenwache das Schnellboot „Speedy“ gekapert und die Crew festgesetzt habe.

Lesen Sie auch den Kommentar von Marianne Sperb: „Durchschaubar“

Michael Buschheuer hat sich Anfang der Woche durchgerungen, den Kontrakt mit Rom zu bestätigen – mit einer Anmerkung zu den Technik-Standards und dem Zusatz: Man werde nach internationalem Recht handeln, Migranten nicht schaden und sie auch nicht nach Libyen überführen, so lange die UN das Land als nicht sicher für Flüchtlinge einstuft.

Die Vorwürfe schmerzen

Die NGOs nehmen unterschiedliche Haltungen zum Kontrakt ein. „Ärzte ohne Grenzen“ etwa verweigerte das Ja wegen der Auflage, auch bewaffnete Polizisten an Bord zu nehmen. Andere Organisationen wie „Save the Children“ bekräftigten das Abkommen. Einig sind sich die freiwilligen Retter laut Buschheuer in einem Punkt: „Grundsätzlich will jeder Italien entgegenkommen.“ Das Land trage eine Hauptlast der Migranten, trotzdem habe es sich nicht verweigert.

Die Retter in Bildern

  • Die Ausstellung:

    Der Fotograf Daniel Kempf-Seifried zeigt ab Donnerstag (3. August, 19 Uhr) bis 22. Oktober im Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg unter dem Titel „Mission 3“ Fotos von Seenotrettungsaktionen vor der libyschen Küste. Er dokumentiert eindrucksvoll den Einsatz vom Team des Regensburger Schiffs „Sea-Eye“.

  • Die Aktion: Daniel Kempf-Seifried war 14 Tage mit der „Sea-Eye“ vor der libyschen Küste zur Erstversorgung von Schiffbrüchigen unterwegs. Im 86-stündigen Dauereinsatz gelang es, 1388 Menschen das Leben zu retten. Für einige Menschen kam aber jede Hilfe zu spät. Am Ende geriet die Crew der Sea-Eye selbst in Seenot und musste selbst einen Mayday Call absetzen.

  • Der Fotograf:

    Daniel Kempf-Seifried (1978 in Sigmaringen geboren) befasste sich bereits während seines Studiums der Geodäsie intensiv mit der Fotografie. Aus einer Leidenschaft wurde nach Abschluss des Studiums sein Beruf. Die Arbeiten umfassen vorrangig Dokus und Porträts mit sozialem, humanitärem und kontroversem Schwerpunkt.

  • Die Veröffentlichungen:

    Kempf-Seifried ist Fotograf für die Mauritius-Images Bildagentur und Mitglied der Fearless-Photographers Vereinigung. Er veröffentlichte seine Fotografien unter anderem bei ARD Wien sowie im Magazin Natur.

Mit einem Großteil des Kontrakts geht „Sea-Eye“ sowieso konform. Zu den Prinzipien gehört es etwa bereits, keine Fluchthilfe zu leisten, auch nicht indirekt mit Schleusern zu kooperieren oder die Finanzen offen zu legen. Nur in akuter Not werden Menschen an Bord genommen. Vor diesem Hintergrund empfand Buschheuer zuletzt Vorwürfe aus Italien, aber auch von Bundesinnenminister Thomas de Maizière so: „Wie eine Ohrfeige.“

„Sea-Eye-Retter kommen in Bedrängnis“: Lesen Sie hier

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