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Bayern
Sonntag, 10. Dezember 2017 11

MZ-Serie

Die Täter bekommen ein Gesicht

Verbrecherjagd mit dem LKA: Waldy Benner ist Phantombildzeichnerin. An ihrem Computer setzt sie Zeugen-Aussagen zusammen.
von Katia Meyer-Tien, MZ

Kurze Haare oder lange? Locken? Blond, braun, schwarz? Allein 943 Frisuren hat Waldy Benner bei der Erstellung eines Phantombildes am Computer zur Auswahl. Foto: kmt

München.Wenn man es genau nimmt, ist Waldy Benner statt einer Phantombildzeichnerin eigentlich viel eher eine Phantombildpuzzlezusammensetzerin. Außerdem noch Seelsorgerin, beste Freundin, Kaffeeköchin. Und Grafikerin. Das ist ganz schön viel auf einmal, doch die schmale 44-Jährige macht absolut nicht den Eindruck, als sei es ihr zu viel.

Benner hat ein geräumiges Büro im Bayerischen Landeskriminalamt, große Topfpflanzen stehen im Raum, ein Radio spielt. „Ich habe den Auftrag, es hier so gemütlich wie möglich zu machen“, sagt sie, denn schließlich sind die Menschen, die zu ihr kommen, häufig sehr verstört. Und sie müssen sich sehr konzentrieren. Das geht am Besten, wenn sie nicht allzu nervös sind. Gilt es doch, allein aus dem Gedächtnis das Bild eines Menschen zu rekonstruieren, den sie ein paar Minuten, vielleicht auch nur Sekunden gesehen haben.

Wer mal eben versucht, sich an das Gesicht der Kassiererin beim letzten Supermarktbesuch zu erinnern, kann erahnen, wie schwer das ist. Selbst die Gesichter lieber Verwandter, die wir täglich sehen, lassen sich nur schwer im Detail erinnern.

Adrenalin und Angst

Alles ist anders, wenn man Opfer eines Verbrechens wird, sagt Benner. Adrenalin und Angst brennen das Gesicht eines Täters in die Erinnerung des Opfers. Trotzdem ist die Überwindung groß, sagt Benner, viele fürchten, dass ihre Erinnerung zu unvollständig ist, um eine Phantombild zu erstellen. „Einfach ausprobieren“, rät sie. Und bietet ihren Gästen erst einmal einen Kaffee an, plaudert über Alltägliches, bevor sie ihren Computer einschaltet. Und 38 Startgesichter erscheinen. 38Gesichtsformen, mal Mondgesicht, mal hager. „Wenn man erst mal anfängt, dann kommt immer mehr“, sagt Benner. Wobei es auf die Gesichtsform und die Frisur gar nicht so sehr ankommt, wichtiger sind Nase, Augen und Mund, doch selbst da muss die Erinnerung nicht perfekt sein: „Uns geht es um eine Typisierung, nicht um eine Portrait, wir wollen den Eindruck vom Täter einfangen“.

Gelernte Mediengestalterin

Bewusst setze das Bayerische LKA, anders als andere, nicht auf photorealistische Rekonstruktionen, sondern auf Phantombildzeichnungen: Die Aufmerksamkeit der Betrachter in Zeitung und Fernsehen ist so höher, auch die Abstraktionsebene. Überhaupt kommt das Phantombild nur selten und nur in schweren Kriminalfällen zum Einsatz, pro Jahr zeichnet Benner nur etwa 27 Bilder, ansonsten entwirft sie Grafiken und Plakate für das LKA: Das Phantombild soll kein alltäglicher Anblick sein, den man leicht übersieht.

Benner ist eigentlich Mediengestalterin, kommt aus Regensburg, machte ihre Ausbildung in Neutraubling und arbeitete in einer Werbeagentur. „Aber Polizei fand ich schon immer spannend“, sagt sie, und als dann Ende der 1990er die Jobs in der Werbebranche rar wurden, bewarb sie sich beim LKA. Sie landete zunächst in der Daktyloskopie, Fingerabdrücke, damals noch mit Lupe und Zählnadel. Auch schön, aber die Sache mit den Phantombildern, sagt sie, hat sie immer interessiert, und als dann die Stelle frei wurde, da war sie da.

2009 war das, damals wurden Phantombilder schon am Computer erstellt. Wenn auch das Programm noch nicht ganz so perfekt war wie das, was Benner heute verwendet, so war das doch schon ein Riesenfortschritt im Vergleich zu den Handzeichnungen, die ihr Vorgänger in den ersten Jahrzehnten seiner LKA-Arbeit anfertigte. Denn dabei muss der Zeuge erzählen, genau beschreiben, wie Augen, Nase, Mund und Gesicht ausgesehen haben. Und wollte der Zeichner etwas korrigieren, musste er radieren, neu zeichnen, wieder radieren. Drei bis vier Stunden dauerte das, am Ende waren vom vielen Radieren häufig Löcher im Papier. Deswegen gab es bald Steckkästen, mit denen die vorgezeichneten Gesichtsteile zusammengesetzt werden konnten, dann kam der Computer. Heute hat Benner 936 Augenpaare, 943 Frisuren und 315 Nasen zur Auswahl, dazu Münder, Augenbrauen und Bärte. Zum Großteil sind es die von ihrem Vorgänger gezeichneten Bildteile, aus denen die Zeugen heute wählen können.

Benner zieht aus den Vorlagen ein paar Augen in eines der Vorlagengesichter, eine Nase, dann einen Mund. „Wahnsinn, was ein Mund ausmacht, nicht?“, sagt sie, und schiebt den Mund ein wenig nach oben, dann wieder nach unten, jedesmal: ein ganz anderer Mensch.

Natürlich kommt es auch vor, sagt Benner, dass bei den Vorlagen kein passendes Teil dabei ist. Oder dass der Zeuge sagt: „Die Augen stimmen schon, waren aber verkniffener“. Dann holt Benner ihr Zeichentablett, das an den Rechner angeschlossen ist, und bessert per Hand nach. Per Hand fügt sie auch Schatten hinzu oder lässt das Gesicht altern: „Aus Schatten werden Falten, aus Falten werden Furchen, und dann zieht es alles nach unten“, ist ihre Faustregel fürs Altern, während aus dem Milchbubi auf ihrem Monitor langsam ein stattlicher Mann wird.

Schwieriger Prozess

Für die Zeugen, die ja meist Opfer sind, ist es ein schwieriger Prozess, wenn Schritt für Schritt vor ihnen die Person wieder erscheint, die ihnen Schreckliches angetan hat. Oft erinnern sie sich dann Dinge, die sie vorher vergessen, verdrängt hatten. Die goldene Armbanduhr des Täters, die Zahnlücke, das Muttermal. Neben Benner ist daher immer auch ein Ermittler dabei, wenn ein Phantombild entsteht.

Manchmal aber wird die Erinnerung auch zu viel, die Hände beginnen zu zittern, die Tränen kommen. Dann macht Benner eine Pause, bringt noch mal Kaffee, tröstet, lenkt ab. „Mein Zeuge soll sich wohlfühlen bei mir“, sagt sie, die es bisher immer geschafft hat, die Zeugen wieder zur Ruhe zu bringen. Abgebrochen hat noch nie jemand. Und das ist gut so: Denn sehr oft gibt die Veröffentlichung eines Phantombildes den entscheidenden Impuls, neue Zeugen melden sich, geben neue Hinweise. So dass am Ende tatsächlich der Täter gefasst werden kann.

Das Bayerische Landeskriminalamt

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