mz_logo

Bayern
Montag, 23. Oktober 2017 4

Ausstellung

Die vielen, vielen Gesichter Israels

Die Ausstellung „Family Affair“ in der Gedenkstätte Flossenbürg zeigt das Gemeinsame von Menschen in einem zerrissenen Land.
Von Christine Schröpf, MZ

Reli und Avner Avrahami – Fotografin und Autor der Werke in der Gedenkstätte Flossenbürg – mit ihren Kindern. Foto: Pressefoto

Flossenbürg. In Israel hat das Reporterpaar Reli und Avner Avrahami Kultstatus. Auch jetzt noch, nachdem ihr Projekt „Family Affair“ längst beendet ist. Zehn Jahre – von 2002 bis 2012 – hatten die beiden für die Wochenendbeilagen der Tageszeitungen Haaretz und Maariv Porträts von Familien aus ihrem Land geliefert. Immer nach dem gleichen Muster: Sie fotografierte, wenn sich Eltern und Kinder nach eigenem Belieben in Wohnzimmern zum Gruppenbild postierten – einzige Vorgabe war, dass sie sich dabei auf den gemeinsamen Moment konzentrierten. Er hörte zu, schrieb die Lebensgeschichten und Lebensweisheiten auf, fragte am Ende auch nach dem momentanen Glücksfaktor. Aus am Ende Hunderten von Porträts fügte sich ein Mosaik der israelischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert zusammen. Auch der frühere israelische Parlamentspräsident Avraham Burg zählt zu den vielen Fans der Serie, begann die Zeitungslektüre immer mit diesen Geschichten, wie er am Sonntag in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg erzählt. Dort sind jetzt 72 der Arbeiten des Reporterpaares ausgestellt, teils drapiert zwischen Wohnzimmermobiliar – mal im kleinen Format, mal zwei mal zwei Meter groß. Burg, der sonst keinen Fuß auf den Boden eines früheren Konzentrationslagers setzt, war nichtsdestotrotz als Redner angereist. Eine Verbeugung vor den Avrahamis, deren Arbeit über Israel hinaus Wirkung entfalte. „Auch wenn ich nicht gerne hier bin, bin ich trotzdem froh, dass ich hier bin“, sagt er.

Gesichter Israels im 21. Jahrhundert

Die Avrahamis sensibilisierten für das Anderssein der Anderen. Sie machten es schwierig, Furcht oder gegenseitigen Hass zu entwickeln. Sie zeigten, dass jedes Leben den gleichen Wert habe – ein Konsens, der in der Zeit des Nationalsozialismus verloren gegangen sei. „Mit den richtigen Augen betrachtet, ist es eine lebensrettende Ausstellung“, betont Burg.

Die 72 Porträts entfalten am Sonntag auf die Gäste der Vernissage die gleiche Sogwirkung. Viele Augen bleiben an Herbert hängen, geboren 1924 in Berlin, Überlebender des Holocaust. Mit seiner Frau Rina hat er sich an einem Küchentisch postiert, auf der weinroten Tischdecke ein überdimensionierter Blumenstock – darüber, an der Wand, ein Foto von Auschwitz. Eine Szenerie, die Avner Avrahami bis heute nicht loslässt. Er habe Herbert nicht gefragt, warum er jeden Tag auf Auschwitz blicke. Es habe sich durch dessen Lebensgeschichte selbst erklärt.

Der Leiter der Gedenkstelle Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, zur Ausstellung „Family Affair“:

"Family Affair" - Israelische Porträts

Der Holocaust ist nur eine von vielen Facetten der Arbeiten des Reporterpaars. Sie porträtierten auch eine Mädchenclique in ihrem Wohnheim, Beduinen in ihrem Zelt, ein schwules Paar, das sich seinen Kinderwunsch erfüllt hat, Soldaten in einer Dienstpause. Der Familienbegriff umfasste am Ende alle Menschen, die unter einem Dach leben. Für die Ausstellung in Flossenbürg waren zwei Aufnahmen mit Oberpfälzer Bezügen hinzugefügt worden. Das eine Bild zeigt das Ehepaar Fried aus Tirschenreuth – der 91 Jahre alte Ehemann hat Konzentrationslager und Todesmarsch überlebt. Zudem zu sehen: Eli Malka (59), Café-Besitzer aus Weiden, Sohn marokkanischer Eltern, geboren in Israel, später ausgewandert. Viele Geschichten erzählen von Sehnsüchten der Porträtierten: Malka hat bis heute den Geruch des „ruhigen Strandes“ in Haifa beim Sonnenaufgang in der Nase. Fried treibt noch immer der Wunsch nach Wahrheit. Das Wichtigste sei für ihn die „Heiligkeit des Wortes“. Der frühere Knesset-Präsident Burg spricht von Botschaften, die die Avrahamis ohne erhobenen Zeigefinger vermittelten. „In jedem Porträtierten steckt auch etwas von mir“, sagt er.

Skepsis im Vorfeld

Die Ausstellung ist erstmals in Deutschland zu sehen. Dr. Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums im österreichischem Hohenems, hatte die Werke nach Europa geholt, koordiniert auch alle weiteren Einsatzorte.

Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstelle Flossenbürg, hatte Interesse angemeldet, stieß aber im eigenen Umfeld deswegen erst auf Kritik, teils von Kollegen in anderen Gedenkstätten, teils aus der Politik. Es könnte als israelische Propagandaausstellung betrachtet werden, hieß es. Andere fanden ein Foto-Mosaik zu Israel in einem früheren Konzentrationslager fehl am Platz. Skribeleit ließ sich nicht beirren. „Unsere Vergangenheit hört nicht 1945 auf“, sagt er. Das sei der Kern der Erinnerungskultur in Flossenbürg.

Die Gedenkstätte Flossenbürg war 2015 von der Mittelbayerischen Zeitung als Museum des Jahres ausgezeichnet worden.

Weitere Nachrichten aus Bayern lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht