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Mittwoch, 20. September 2017 17° 3

Natur

Die Zukunft der Jagd ist weiblich

Zahl der Jägerinnen steigt rasant. Star-Physiotherapeutin Urs Eder ist eine von ihnen. Sie beschreibt, was sie fasziniert.
Von Heinz Gläser, MZ

Liebt das Jagderlebnis in der freien Natur: Urs Eder Foto: Brüssel

Regensburg.Es ist ein lauer Sommerabend, ringsum ist es bis auf das Summen der lästigen Mücken und vereinzelte Vogellaute fast mucksmäuschenstill. Die Waldlichtung versinkt im Halbdunkel, die Konturen verschwimmen. Im Gebüsch unweit des Hochsitzes hört man Laub rascheln oder das Knacken eines Astes. Ein Rehbock? Ein Wildschwein? Es ist der Moment, der Ursula Eder stets aufs Neue elektrisiert. „Du merkst: Da kommt was! In dem Augenblick bleibt dir vor Spannung fast die Luft weg.“ Auf gut bayrisch, wie zur Verdeutlichung, fügt die 52-Jährige hinzu: „Da traust’ dich vor Aufregung gar nicht mehr schnaufen.“

Ursula Eder, die alle Welt nur Urs nennt, ist dann in ihrem Element – der Jagd. Diese Leidenschaft teilt die Chef-Physiotherapeutin deutscher Olympia-Mannschaften mit immer mehr Frauen. Rund 380 000 Menschen haben hierzulande einen Jagdschein. Tendenz steigend. Vor 20 Jahren waren es noch 340 000. Überproportional, ja rasant wächst der Anteil der Frauen. Er beläuft sich aktuell auf sieben Prozent, vor zwei Jahrzehnten lag er unter einem Prozent. Im Kreis Regensburg liegt die Quote laut Landratsamt sogar schon bei 10,9 Prozent. In der Jägerausbildung sind bundesweit derzeit 20 Prozent Frauen. Überspitzt formuliert: Die Zukunft der Jagd ist weiblich.

Lesen Sie hier, was der Deutsche Jagdverband zur rasant wachsenden Zahl der Jägerinnen sagt

Die passionierte Jägerin Urs Eder entspricht so gar nicht den Stereotypen eines Hubertusjüngers. Noch vor 20 Jahren war abschätzig von „Flintenweibern“ die Rede. Die sportliche 52-Jährige aus Donaustauf (Kreis Regensburg) weiß, dass ihr Hobby Erstaunen und bisweilen Widerspruch provoziert. Sie begegnet der Skepsis gelassen und souverän. Wer Urs Eder auf der Pirsch begleitet, der kommt ohnehin aus dem Staunen nicht heraus, mit wie viel Hingabe und Enthusiasmus sie Jägerin ist. Wenn sie über ihre Lieblingsbeschäftigung spricht, unterstreicht sie jedes Wort gestenreich.

„Bin mit mir im Reinen“

„Natürlich passiert’s, dass ich auf die Jagd angesprochen werde. So unter dem Motto: ‚Von Ihnen hätte ich das wirklich nicht gedacht!‘ Aber ich bin mit mir im Reinen“, sagt Urs Eder. Mit der Frage, ob Frauen überhaupt jagen sollten, hält sie sich nicht lange auf: „Warum sollten sie das nicht tun?“

Die Star-Physiotherapeuten Urs und Klaus Eder mit Hund „Xeni“

Urs Eder zählt lieber Argumente auf. „Du läufst mit ganz anderen Augen durch die Natur, genießt die Ruhe an der frischen Luft, manchmal auch die Einsamkeit. Du nimmst viele Details wahr, für die du früher einfach keinen Blick hattest.“ Zum Naturerlebnis kommt der Aspekt der Hege und Pflege. Eder spricht vom „Einklang mit der Natur“, sie bricht eine Lanze fürs Waidwerk. „Umsichtige Jäger achten auf den Zustand des Waldes und die Verbissschäden. Sie schießen nicht auf Teufel komm’ raus, sondern mit Bedacht und Hirn. Wir nehmen nur Wildbestand raus, der wieder nachkommt.“ Eder unterfüttert ihre Worte mit einer Zahl: „Man sagt, der Staat müsste 2,5 Milliarden Euro pro Jahr für Berufsjäger ausgeben, um den Wildbestand zu regulieren. Wenn wir Hobbyjäger streiken würden, gäb’s bald keinen Wald mehr.“

Tradition, Brauchtumspflege, das Gemeinschaftserlebnis bei Treibjagden und – ja – auch „Ehrfrucht vor der Schöpfung“, all diese Aspekte findet sie in der Jagd wieder. Dabei wurde Urs Eder diese Passion nicht in die Wiege gelegt. Als Kind begleitet sie ihre Oma in Mitterteich in der Nordoberpfalz schon mal zur Jagd, aber ohne großen Antrieb. Dieser wächst erst in Gesprächen mit begeisterten Jägern.

Vier Langwaffen, ein Revolver

Die Erzählungen von zwei Lehrkräften im „Eden Reha“, das ihr Ehemann, der Star-Physiotherapeut Klaus Eder in Donaustauf betreibt, wecken ihr Interesse und fesseln sie. „Ihr werdet sehen: ‚Ich mach das!‘, hab ich gesagt. Aber natürlich nimmt dich keiner ernst“, blickt sie schmunzelnd zurück. Im Jahr 2010 absolviert Urs Eder im Saarland einen dreiwöchigen Crashkurs und macht den Jagdschein.

Die entsprechende Ausrüstung erfordert eine Investition im mittleren vierstelligen Bereich. In Urs Eders Waffenschrank stehen gut verschlossen vier Langwaffen – zwei Büchsen, zwei Flinten – und ein Revolver, der beim eventuell notwendigen Fangschuss zum Einsatz kommt. Ihr Revier, das sie mit zwei gleichgesinnten Freunden gepachtet hat, liegt im östlichen Landkreis und umfasst 110 Hektar. Nicht von der Seite seines Frauchens weicht Urs Eders Liebling und „absoluter Sonnenschein“ – Jagdhund „Xeni“, ein zwei Jahre alter Parson Jack Russell Terrier, den sie selbst ausgebildet hat.

Geweihe von Antilopen an der Wand zeugen von zwei Jagdausflügen Urs Eders nach Namibia. Doch sie sei nicht auf Trophäen und Medaillen aus, beteuert sie. „Einen solchen Kick brauchen eher die Männer“, hat sie beobachtet. Und auch mit der Großwildjagd in exotischen Ländern hat sie nichts im Sinn: „Das bin ich nicht. Aber wer das unbedingt braucht, der soll das mit sich ausmachen.“

Bei Eders daheim sowie im Verwandten- und Freundeskreis wird die gesamte Jagdbeute verzehrt. Urs Eder tischt gerne zu Feiertagen Wildbret auf: „Mehr regional, mehr bio ja geht nicht!“ Trotz allem: Verspürt sie nicht doch einen Anflug von schlechtem Gewissen? „Die Tiere, die wir im Wald als Jägerin oder Jäger erlegen, hatten bestimmt ein schöneres Leben als das Hähnchen, dessen Fleisch ich tiefgekühlt für 2,99 im Discounter kaufe“, kontert Eder. Auf gut bayrisch: „Das sind doch die Viecher, die einem wirklich leidtun können!

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