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Bayern
Dienstag, 21. November 2017 5

Porträt

Ein Kämpfer und sein zweites Leben

Er überlebte mehrere KZ, wurde Vater und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Bis heute verfolgt der Holocaust Israel Offman.
Von Katharina Kellner, MZ

Israel Offman 2011 in der Straubinger Synagoge, deren Inneneinrichtung in der Reichspogromnacht 1938 zerstört wurde. Die SS hatte schon Benzinkanister aufgestellt, um die Synagoge niederzubrennen. Der Protest des Feuerwehrkommandanten rettete die Synagoge in letzter Minute. Foto: Stefan Hanke

Straubing.Als Israel Offman und seine Frau Ingeborg 1961 ihr drittes Kind bekamen, wollten sie das Mädchen „Faya“ nennen. Das war der Name von Israel Offmans älterer Schwester gewesen, die von den Nazis im deutschen nationalsozialistischen Vernichtungslager Treblinka im besetzen Polen(*) ermordet worden war. Doch der niederbayerische Standesbeamte weigerte sich, den Namen Faya zu beurkunden – zu „fremdartig“ klinge dieser und im Deutschen könne man ihn nicht aussprechen. Weil die andere ebenfalls durch die Nazis ermordete Schwester Israel Offmans Naomi geheißen hatte, erhielt das Mädchen diesen Namen – unter der Bedingung, dass der Zweitname dem Standesbeamten zusagen musste. So kamen die Offmans statt mit Faya mit Naomi Daniela nach Hause – die Geschichte belegt, wie die deutsche Bürokratie den Holocaust-Überlebenden schikanierte. Darüber hinaus verweigerte sie dem einstigen NS-Zwangsarbeiter, der nun Unternehmer und Steuerzahler war, 40 Jahre lang den deutschen Pass. Erst 1986 sollte er ihn bekommen.

„Ich habe zwei Geburtstage“

Naomi war es, die diese Geschichten später aufschrieb. In ihrem Buch „Naomi – eine Jüdin aus Straubing erzählt“ berichtet Offmans zweite Tochter nicht nur vom Grauen, das ihr Vater im KZ erlebte. Sie schildert auch die Ausgrenzung und den recht unverhüllten Antisemitismus, den ihre Familie wegen ihrer Religion im Nachkriegsdeutschland erfuhr. Die Kinder mussten sich in der Schule sagen lassen, die Juden hätten Jesus gekreuzigt. Naomi Haber, die in den USA lebt, ihr Vater und ihre Geschwister werden bis heute von ihren Traumata verfolgt.

Und doch ist die Lebensgeschichte von Israel Offman voller positiver Energie und Lebensfreude: Nach 1945 baute er eine neue Existenz auf und beschloss, sie nicht von Hass vergiften zu lassen. „Mein Vater war immer ein Vorbild dafür, das Leben beim Schopf zu packen und es in vollen Zügen zu genießen“, schreibt seine Tochter.

Für Mengele musste er übersetzen

Dabei hatten die Nazis ihm, der bei Kriegsende noch keine 20 Jahre alt war, seine gesamte Jugend geraubt. Offman war 1925 als jüngstes von sieben Kindern im polnischen Tschenstochau zur Welt gekommen. Seine Kindheit endete mit einem Schlag: 1941 wurde er mit 14 Jahren mit seiner Familie ins Ghetto gezwungen – eineinhalb Jahre später wurden alle etwa 45 000 Ghettobewohner in Konzentrationslager deportiert. Israel Offman wurde beim Abtransport von seinen Eltern getrennt. Er sollte sie nie wieder sehen. Mit seinem älteren Bruder Issac kam er in das Lager Blizyn in Polen, im Sommer 1944 nach Auschwitz-Birkenau. Hier wurde Israel Offman, so erzählte er es dem Regensburger Fotografen Stefan Hanke, wegen seiner guten Deutschkenntnisse als Dolmetscher eingesetzt. Mitunter übersetzte er auch für den sadistischen KZ-Arzt Josef Mengele. Im KZ Sachsenhausen bei Berlin musste er Zwangsarbeit im Großziegelwerk leisten. Später wurden die Brüder nach Leonberg bei Stuttgart deportiert, wo sie in einer unterirdischen Fabrik Teile für die Messerschmitt-Jagdflugzeuge ME 262 produzieren mussten. In Leonberg verhungerte Issac. Nach einigen Wochen im KZ Dachau, wurde Israel Offman im Februar 1945 bei eisigen Temperaturen im offenen Viehwaggon nach Plattling deportiert. Die Zwangsarbeiter mussten auf dem niederbayerischen Flugplatz Ganacker eine Rollbahn bauen. Sie schliefen in Erdlöchern – zahllose Häftlinge starben durch Hunger, Kälte, Auszehrung und alliierte Bombenangriffe.

„Israel sah Berge von Leichen und auch Fälle von Kannibalismus“, schreibt Stefan Hanke in seinem Buch „KZ überlebt“. US-Soldaten fanden den bis auf 29 Kilogramm abgemagerten Offman. Der Zeitung „Jüdische Allgemeine“ sagte er 2010: „Ich habe zwei Geburtstage. Vor 65 Jahren lag ich bei den Leichen, weil ich nicht mehr atmete. Als mir ein Pater die letzte Ölung geben wollte, habe ich die Augen aufgeschlagen und gesagt: ,Nicht taufen, ich bin Jude.‘ Das war am 28. April 1945.“

Im Krankenhaus in Straubing kämpfte sich Offman in ein zweites Leben – und drei Jahre später für die Unabhängigkeit Israels. 1950 kehrte er nach Straubing zurück – und begegnete dort seiner zukünftigen Frau Inge, die im Café Mariandl bediente. Die Beziehung zwischen dem Juden und der Katholikin war bald Stadtgespräch. Israel und Inge setzten sich über die bösen Zungen hinweg und heirateten 1955. Inges Konversion zum Judentum war ein langer Weg – schließlich wurde sie 1958 in die jüdische Gemeinde aufgenommen.

Er eröffnete zwei Nachtclubs

Auch beruflich packte Israel Offman seine Zukunft an. Inge und er kauften 1958 das Straubinger Ring-Café und verwandelten es in den Nachtclub „Espresso“ – den ersten Tanzclub in Niederbayern mit Live-Rockmusik. Offman bewies gutes Gespür für Bands und den Musikgeschmack seiner deutschen und amerikanischen Gäste. Wie seine Tochter schreibt, verpflichtete er in den 1960ern Bands wie The Kinks, Black Sabbath und die Scorpions.

Weil das Espresso gut lief, eröffnete er einen zweiten Nachtclub, das Colosseum in Regensburg. Erst später erfuhr er, dass in diesem Gebäude in den letzten Kriegswochen Häftlinge des KZ Flossenbürg interniert worden waren.

Israel Offmans zweite Lebensaufgabe wurde die Synagoge in Straubing. 1988 war er treibende Kraft bei ihrer Sanierung und sammelte unermüdlich Spenden. Als Gemeindevorsitzender erhielt er viele Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz. Offman saß auch im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland und engagierte sich für den Dialog zwischen den Religionen.

Heute ist Israel Offman 91 Jahre alt und krank. Seine Tochter Anna Zisler, die Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinde, pflegt ihn. Am Telefon erzählt sie, dass die Erinnerungen an die NS-Zeit ihn quälen. Offman selbst sagte 2010: „Ich denke immer daran, Tag und Nacht. Mit dem Alter wird es immer schlimmer, denn da kommt das Langzeitgedächtnis. Dass ich mit Schlaftabletten ins Bett gehe, ist seit 20 Jahren Normalität für mich.“

[* Transparenzhinweis: Wir hatten zu Beginn des Textes zunächst vom „polnischen Vernichtungslager Treblinka“ geschrieben. Wir haben diese Formulierung korrigiert.]

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