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Bayern
Montag, 20. November 2017 7

Geschichte

Ein lebendiges Museum

Anfang des 19. Jahrhunderts ist Deutschland ein Flickenteppich von Kleinstaaten. Ein Verein erinnert an die bayerische Armee.
Von Kerstin Hafner

Die Vereinsmitglieder sind gewiss keine Kriegsverherrlicher. Ihnen geht es um gelebte Geschichte und historische Korrektheit. Foto: Chevauleger

Schierling.Pulverdampf und Kanonendonner gehören zum Alltag, der Krieg laugt damals das Land aus. Bayern schlägt sich damals auf die Seite Frankreichs, dafür bekommt es von Napoleon Franken und wird zum Königreich erhoben. Kurfürst Maximilian I. Joseph wird bayerischer König, im Gegenzug muss er dem Korsen Truppen stellen – gegen die Alpenrepublik.

Gehen wir noch mehr ins Detail: Im April 1809 liefern sich Österreich und Frankreich zwischen Landshut, Abensberg und Regensburg eine Reihe historisch bedeutsamer Gefechte. Bayerische Regimenter nehmen an der Entscheidungsschlacht bei Eggmühl teil, bei der Napoleon die Österreicher zum Rückzug zwingt. Während die hohen Herren an den Kartentischen Strategien austüfteln, müssen die kleinen Leute in den Krieg ziehen. Die meisten treibt weniger die Überzeugung zum Dienst an der Waffe, sondern die Aussicht auf geregelte Mahlzeiten. Doch weit gefehlt. Auch im Dienst gab es kaum etwas zu beißen.

Erinnerung an die bayerische Armee aufrechterhalten

„Wenn man sich die Originaluniformen der damaligen Bayerischen Regimenter so anschaut, möchte man weinen! Es sticht sofort ins Auge, wie klein und schmächtig die Männer gewesen sein müssen. Damals sind mehr Leute verhungert, erfroren oder durch Krankheiten dahingerafft worden als im Kampf gefallen. Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal“, berichtet Christian Wiethaler. Er ist Schriftführer des Schierlinger Vereins „Königlich Bayerisches 2. Chevauleger Regiment Taxis e.V. und Infanterie-Regimenter“. Der Zweck des Vereins besteht darin, die Erinnerung an die bayerische Armee aufrechtzuerhalten – so steht es in der Satzung.

Das Essen wird so originalgetreu wie möglich nachgekocht. Foto: Chevauleger

Wiethaler ist selbst ein gestandenes Mannsbild und zeigt nach über 200 Jahren tiefes Mitleid mit den „gemeinen Soldaten“ von damals, die offenbar schon seit Kindertagen mit Mangelernährung leben mussten. Wiethaler hat sich seine Infanterie-Uniform maßschneidern lassen, wie praktisch alle aktiven Vereinsmitglieder, die beim über die Landkreisgrenzen hinaus bekannten, regelmäßig veranstalteten Eggmühl-Tag vor großem Publikum besagte Entscheidungsschlacht nachstellen.

„Beim 200-jährigen Jubiläum 2009 hatten wir über 1000 Darsteller aus 14 Nationen und 20 000 Zuschauer.“

Thomas Grambole, Vorstand

Zu den Schierlinger Chevaulegers (französ.: leichte Reiterei) gesellen sich vereinsintern diverse Infanterie-Regimenter. Darüberhinaus werden Re-enactment-Gruppen aus aller Herren Länder eingeladen. „Beim 200-jährigen Jubiläum 2009 hatten wir über 1000 Darsteller aus 14 Nationen und 20000 Zuschauer“, berichtet 1. Vorstand Thomas Grambole, der auf eine Tatsache explizit verweist: „Wir sind absolut keine Kriegsverherrlicher! Uns geht es um gelebte Geschichte und historische Korrektheit. Wir bieten am Eggmühl-Tag immer auch Führungen, Vorträge und Musik aus dem 19. Jahrhundert. Im Schloss können die Besucher Ausstellungsstücke besichtigen.“ Für derart große Veranstaltungen braucht der Verein ein Jahr Vorbereitungszeit, deswegen fielen die Eggmühl-Tage danach deutlich kleiner aus. „Wir nehmen international an Umzügen und Veranstaltungen teil und legen Wert auf authentische Darstellung. Heuer im Juni beispielsweise fahren wir zur Bergiselschlacht nach Innsbruck im Gedenken an den Freiheitskampf Tirols gegen Bayern und Napoleon.“

Helme werden nachgebaut, die Waffen stammen aus Sammlerbörsen. Foto: Chevauleger

Bei allen Gefechts-Inszenierungen kennt jeder seine Aufgabe, die Befehlskette läuft nach historischen Dienstregularien. „Da redet kein Offizier mit dem Fußvolk“, feixt Wiethaler, der einen einfachen Soldaten mimt. „Stimmt. Meine Befehle gebe ich einem Unteroffizier“, lacht Grambole, ein berittener Chevauleger beim Gespräch mit der Sonntagszeitung in Gramboles Werkstatt. Der 1. Vorstand ist Sattler von Beruf und kümmert sich um die Ausstattung der Kavalleriepferde und alle Lederarbeiten, auch für die Infanteristen.

Kein linker oder rechter Schuh, die Stiefel waren gleich geschnitten

Während originalgetreue Helme und Tornister selbst angefertigt werden, lässt der Verein die Uniformen schneidern. Was im Eifer des Gefechts kaputt geht, wird geflickt. Für die Waffenrepliken gibt es Börsen. „Im Winter treffen wir uns regelmäßig bei mir in der Werkstatt zu Arbeitseinsätzen, bauen oder reparieren Ausrüstungsteile und tauschen Informationen aus“, verrät Grambole. „Jeder von uns ist historisch interessiert und lässt die Gruppe daran teilhaben, was er seit dem letzten Treffen gehört oder gelesen hat. Meistens kochen wir draußen auf einer Feuerstelle und essen dann gemeinsam. Da geht’s auch lustig zu, aber wir sind keine Saufkompanie.“

Der Verein sucht immer Gleichgesinnte, zum Reinschnuppern ist Leihausrüstung vorhanden. Foto: Chevauleger

Der Verein sucht übrigens immer Gleichgesinnte, zum Reinschnuppern ist Leihausrüstung vorhanden. Offenbar kann man es mit der historischen Korrektheit aber auch übertreiben. „Ich bin schon mal gerügt worden, weil meine Uniform zu perfekt aussah“, verrät Wiethaler. „Nach ein paar Kriegsjahren waren die Soldaten ja eigentlich mehr eine bunte Truppe denn ein einheitlich gekleidetes Regiment. Uniformen wurden mit allen Lumpen geflickt, die man auftreiben konnte, daran prangte ein Sammelsurium verschiedenster Knöpfe – und wer einen Stiefel durchgelaufen hatte, bediente sich bei einem Gefallenen, selbst wenn es ein Franzose oder Österreicher war.“ Der gemeine Soldat hatte in seinem Tornister aus Kalbsfell übrigens nur einen Reservestiefel dabei. „Damals gab es keine linken und rechten Schuhe, die Stiefel waren alle gleich geschnitten.“ Und die Füße vermutlich jeden Tag wund.

„Wir tragen Originalstoffe, schwitzen und frieren wie die Soldaten damals – je nach Wetterlage.“

Christian Wiethaler, Schriftführer

Die Schlacht bei Eggmühl fand am 22. April 1809 statt und war Teil des Regensburg-Feldzugs. Wird sie heute nachgestellt, muss der Verein sich um die Anmietung des Geländes, um Wasser, Brennholz und Stroh kümmern, das Feldlager ausstecken, die Paddocks für die Pferde einzäunen, Genehmigungen einholen und die Bundesstraße, die als Tribüne für Zuschauer dient, sperren lassen. „Nach drei Tagen Zeltlager dürfen manche von uns daheim nicht mehr ins Haus, werden von ihren Frauen dazu verdonnert, die nach Pulverdampf und Schweiß stinkenden Klamotten draußen vor der Tür auszuziehen“, lacht Wiethaler. „Wir tragen Originalstoffe, schwitzen und frieren wie die Soldaten damals – je nach Wetterlage. Das sind eben keine Sportklamotten. Aber nach einer Dusche ist man ein neuer Mensch.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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