mz_logo

Bayern
Mittwoch, 20. September 2017 16° 4

Zeitzeuge

Ein lebensfroher Überlebender

Shlomo Graber überlebte drei KZ und einen Todesmarsch. Heute beeindruckt er Jugendliche mit einem Plädoyer für Menschlichkeit.
Von Katharina Kellner, MZ

  • Seinn unbedingter Wille zu Überleben hat Shlomo Graber im KZ Unfassbares überstehen lassen. Heute berichtet er Schülerrn davon. Foto: Kellner
  • Shlomo Graber auf dem Cover seines neuen Buches „Der Junge, der nicht hassen wollte“.

Rosenheim.Es ist ganz schön was los in der Schulaula des Rosenheimer Ignatz-Günter-Gymnasiums. 450 Schüler drängen sich an diesem heißen Sommertag zwischen den Stuhlreihen, schnattern und lachen. Ganz vorne sitzt Shlomo Graber. Sein weißes Haar leuchtet einem von Weitem entgegen, mit wachen freundlichen Augen blickt er über die Köpfe der Schüler. „Ich genieße es, der Jugend zu erzählen“, wird er später sagen.

Der 91-Jährige bekommt regelmäßig Anfragen für öffentliche Auftritte. Längst nicht alle kann er annehmen, doch der Einladung dreier Rosenheimer Gymnasien, den Schülern der jeweiligen 9. Klassen von seiner Zeit in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern zu berichten, kam er nach. Graber weiß um die authentische Wirkung lebender Zeitzeugen, von denen nicht mehr viele öffentlich auftreten. Seit einem Vierteljahrhundert hält er Vorträge. Aufgeschrieben hat er sein Schicksal in seiner 2015 erschienenen Autobiographie „Denn Liebe ist stärker als Hass“.

„Ihr seid keine Menschen mehr“

Shlomo Graber gehörte zu den wenigen Überlebenden seiner Familie. Seine Mutter (rechts sitzend, mit dem Bruder) wurde ermordet. Foto: Riverfield Verlag

Soeben ist ein ein Auszug aus der Autobiographie erschienen, zugeschnitten auf jugendliche Leser: „Der Junge, der nicht hassen wollte“. Die Sprache ist einfach gehalten, manchmal blitzt fast kindliche Erzählfreude durch. Graber schreibt nicht nur übber das KZ, sondern auch über seine behütete Kindheit. Seinen Lesern erspart er manches grausame Detail des Lageralltags. Seine Erzählung unterscheidet sich darin von der jener Überlebender, die nach Kriegsende vor Gericht die Details der Massenmorde bezeugten. Heute hat sich der Fokus verschoben, das Wissen um die Shoa wird im Geschichtsunterricht vermittelt. Graber geht es in erster Linie um die Schlüsse, die die Jugendlichen aus seiner Erzählung ziehen. Er hat eine klare Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Sie ist das Vermächtnis seiner Mutter, das sie ihm an der Selektionsrampe von Auschwitz mitgab. Es waren ihre letzten Worte an ihn: „Sei stark und lass keinen Hass in dein Herz. Liebe ist stärker als Hass, mein Sohn, vergiss das nie.“ Kurz darauf wurde sie mit Shlomo Grabers vier jüngeren Geschwistern Bernard, Lili, Itzhak und Levy im Gas ermordet.

Grabers Bericht ist aus der zeitlichen Entfernung von 70 Jahren geschrieben. Doch er kann die Bilder, Orte und Namen aus der KZ-Haft nicht vergessen. In Rosenheim spricht er ohne Manuskript, mit fester Stimme, auf Deutsch. Als er beginnt, werden die Jugendlichen still. Graber war in ihrem Alter, als die Nazis seine Kindheit zerstörten: Mit 15 Jahren wurde er erstmals deportiert. Mit 18 befreite die Rote Armee ihn und seinen Vater aus dem Zwangsarbeiterlager.

Shlomo Graber war 1926 in einer religiösen jüdischen Familie in der Karpato-Ukraine zur Welt gekommen, die damals zur Tschechoslowakei gehörte. Als er sechs Jahre alt war, zog er mit seiner Mutter Chana Silber zu seinem Vater Mozes in die ungarische Kleinstadt Nyírbátor um. Am 2. August 1941 ließ die ungarische Regierung mehr als 16 000 Juden deportieren – zur Vernichtung durch die SS .

Auch Shlomo Graber wurde mit seiner Mutter und den Geschwistern deportiert. Durch einen abenteuerlichen „Trick“ des Vaters kam die Familie noch einmal davon: Der bestach einen ungarischen Militär, schlüpfte in dessen Uniform und erreichte die Freilassung seiner Familie. Doch am 25. Mai 1944 wurden sie erneut deportiert – im Viehwagen nach Auschwitz-Birkenau. In der Zwischenzeit war Ungarn von den Deutschen besetzt worden. Sohn und Vater Graber kamen nach der Selektion nach Fünfteichen, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen. Graber berichtet von der völligen Auszehrung der Häftlinge durch die Zwangsarbeit für die Krupp-Bertha-Werke. Auch im Außenlager Görlitz, wohin er und sein Vater im Juni 1944 gebracht wurden, zwang die SS sie, für die Rüstungsindustrie zu arbeiten.

Graber führt vor Augen, wie brutal die Aufseher ihre Macht über die Häftlinge ausnutzten. So wie der ältere SS-ler, „schwer zu beschreiben, wie primitiv er war. Er hat uns mitgeteilt: Ab heute seid ihr keine Menschen mehr! Ich kann jeden von euch erschießen!“ Aber auch Mitgefangene lebten ihren Sadismus aus – wie Kapo Jakob Tannenbaum oder der Koch „Schlachter Gustav“, der Graber fast zu Tode prügelte beim Versuch, ein Stück Pferdefleisch aus der Küche zu schmuggeln. Beim Todesmarsch von Görlitz weg und wieder zurück überlebten nur 500 der ursprünglich 1500 Häftlinge.

In Israel gründete er eine Familie

„Wie schaffen Sie es, nicht zu hassen?“, fragt eine Schülerin nach dem Vortrag. Grabers Antwort ist kurz und eingängig: „Was habe ich davon?“ Graber entschied, sein Leben nicht durch Hass vergiften zu lassen. 1948 wanderte er nach Israel aus und gründete eine Familie. Heute hat er sechs Enkel und fünf Urenkel. Der 91-Jährige kann nicht nur eindringlich erzählen – seine Botschaft „Liebe statt Hass“ vermittelt er auch mit seiner Körpersprache. Die Würde und Zugewandtheit, die dieser lebensfrohe Überlebende ausstrahlt, verleihen seiner Erzählung zusätzliches Gewicht. Vom Vortragspult aus macht er seiner Frau Myrtha, die vor ihm sitzt, eine Liebeserklärung. Für sie zog er 1989 in die Schweiz um. Er erzählt, eines seiner wertvollsten Geschenke seien von Schülern gebastelte Papier-Schmetterlinge mit persönlichen Widmungen. Er werde das Kunstwerk der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem überlassen.

Nachdem Graber eine Stunde lang erzählt hat, muss er fast genauso lange Autogramme geben, Fragen beantworten und für Fotos posieren. „Ich habe keine Jugend gehabt, aber ihr seid frei“, sagt er und strahlt in die jungen Gesichter. Und erzählt davon, wie sich in Israel einst 100 Überlebende aus Görlitz trafen, immer am 8. Mai: „Heute gibt es nur noch mich.“ Die 14-jährige Louisa plauscht mit Graber auf Ungarisch und sagt: „Es ist beeindruckend, dass es Menschen wie ihn gibt, die Lebensfreude ausstrahlen, obwohl sie quasi das Ende der Welt erleben mussten. Da erscheinen einem die eigenen Probleme wirklich unwichtig.“

Der Regensburger Fotograf Stefan Hanke hat KZ-Überlebende fotografiert. MZ-Autorin Katharina Kellner begleitete seine Ausstellung mit einer Artikelserie.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht