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Bayern
Donnerstag, 27. April 2017 7

MZ-Museumspreis

Ein Ort, der tief erschüttern muss

Das Museum in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg lässt die Nazizeit nicht vergessen. Dafür gibt es den MZ-Museumspreis 2015.
Von Christine Schröpf, MZ

Eine Figurengruppe der KZ-Überlebenden Magda Watts in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg: Das Werk zeigt weibliche Häftlinge beim Luftangriff auf das Außenlager Nürnberg. Watts verarbeitet mit ihrer Kunst Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit. Foto: Schönberger

Flossenbürg.Wer das Museum der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in der ehemaligen Häftlingsküche betritt, erlebt gleich an der Eingangstür einen Moment der Verunsicherung. Der Raum liegt im Dämmerlicht, ein Glasboden gibt den Blick auf rauen Stein frei. Über die Wände flackern Sätze, die daran erinnern, wie wichtig es ist, aus der Geschichte zu lernen. 100 000 Menschen waren in Flossenbürg und seinen Außenlagern inhaftiert, 30 000 von ihnen überlebten die Schrecken der Nazizeit nicht.

Arbeit mehrfach gewürdigt

Die Gedenkstätte, die von dem Oberpfälzer Jörg Skriebeleit geleitet wird, hält die Erinnerung sorgsam und sensibel wach. Überlebende zollen dieser Arbeit großen Respekt – zuletzt vor wenigen Wochen bei einer großen Gedenkveranstaltung zur Befreiung des Konzentrationslagers durch die US-Armee vor 70 Jahren. Die Arbeit des Skriebeleit-Teams wurde schon mehrfach gewürdigt – 2011 mit dem Bayerischen Museumspreis, 2014 mit dem Ehrenpreis „Special Commendation“ des European Museum Forum. Nun reiht sich die Mittelbayerische Zeitung ein und vergibt den „Museumspreis 2015“ – eine Auszeichnung, die seit 2001 an beeindruckende Häuser der Region vergeben wird.

„Wer das Museum betritt, wird sich unweigerlich seiner Verantwortung für die Zukunft bewusst. Niemand wird unberührt bleiben können“, begründet Chefredakteur Manfred Sauerer die Entscheidung der MZ-Jury. Ihn beeindruckte vor allem die Ausstellung „Was bleibt“. Die Gedenkstättenverantwortlichen haben sich dort zum Ziel gesetzt, über die Jahrzehnte hinweg nachzuzeichnen, wie viel Erinnerungsarbeit es in den Nachkriegsgenerationen gegeben hat – aber auch wie viel Vergessen und Verdrängen. Die Gedenkstätte setze „ein Zeichen, wie mit der Vergangenheit umgegangen werden kann“, meint MZ-Museumsexperte Helmut Wolf. Gerade 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelte es, Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Der Leiter der Gedenkstätte reagierte erfreut auf die Auszeichnung. „Ich freue mich wirklich sehr. Das ist eine schöne Nachricht“, sagte Skriebeleit, der das Konzept der Gedenkstätte stark geprägt hat.

Kühle Strukturen, aber Exponate, die Wirkung entfalten: Die Ausstellung „Was bleibt“ in der früheren Häftlingsküche. Foto: Schönberger

Der Museumsraum in der früheren Häftlingsküche ist klar und auf den ersten Blick kühl strukturiert. Wirkung entfalten allein die Exponate, die den Fokus auf die Todesopfer und die Schicksale der Überlebenden des Naziterrors richten. Ein scheinbar unaufhörliches Gemurmel liegt in der Luft –es klingt wie ein Stimmenchor aus der Vergangenheit. Unter den Trichtern, die vor jeder Vitrine oder größeren Schaustücken an der Decke platziert sind, schwellen die Stimmen an – der Besucher bekommt gut hörbar erklärt, was er gerade betrachtet. Die KZ-Überlebende Magda Watts hat eine Figurengruppe beim Luftangriff auf das Außenlager Nürnberg gestaltet – sie verarbeitet in ihren Werken die eigene Geschichte. Als Gefangene hatte sie Puppen gefertigt, um sie gegen Lebensmittel zu tauschen. Ein paar Meter weiter findet sich ein winzig kleines Dokument, das jedoch nicht minder eindrucksvoll ist: Es ist die einzige Fotografie, die Lazar Kleinmann von seiner Familie geblieben ist. Seine Eltern und die sieben Geschwister wurden von den Nazis ermordet. Die älteste Schwester Gitta starb kurz nach der Befreiung an den Folgen der KZ-Haft.

Ein großer Teil der früheren Häftlingsunterkünfte existiert nicht mehr. Die Umrisse sind in der KZ-Gedenkstätte mit weißen Betonschwellen nachgezeichnet. Gebäude der SS sind mit dunklem Beton markiert. Foto: Schönberger

Außengelände neu konzipiert

Das Museum in der früheren Häftlingsküche und eine weitere Ausstellung in der früheren Lagerwäscherei zur Geschichte des KZ zwischen 1938 und 1945 ist Teil eines durchdachten Gesamtkonzepts. Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers wurde auch das Außengelände der Gedenkstätte neu gestaltet. Strukturen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, sind wieder sichtbar gemacht: Die Grundrisse von Lagergebäuden, die nicht mehr existieren, wurden mit Grenzsteinen aus hellem Beton nachgezeichnet – sie geben ein Gefühl dafür, in welcher Enge die Häftlinge leben mussten. Die Grundrisse von SS-Gebäuden wurden ebenfalls markiert, mit dunklem Beton, der die Täter von den Opfern unterscheidet. Der Appellplatz, auf dem nach Kriegsende eine Fabrikhalle errichtet worden war, ist wieder eine freie Fläche – so wie es vor 70 Jahren gewesen ist. Hier hatten die ausgezehrten Häftlinge vor der SS antreten müssen.

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