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Bayern
Freitag, 19. Januar 2018 3

Jahresrückblick

Ein Zweifler findet die Liebe

Der Amberger Pfarrer Stefan Hirblinger sagte im Januar dem Bischof: „Ich werde Vater.“ Dieser Satz hat sein Leben verändert.
Von Katharina Kellner

Mit dem Pflichtzölibat habe sich die Kirche in eine Sackgasse verrannt, sagt Stefan Hirblinger. Er lebt heute mit seiner Partnerin Patricia und der elf Monate alten Tochter Judith in der gemeinsamen Amberger Wohnung. Foto: Kellner

Amberg.Eine neue Zeitrechnung hat begonnen im Leben von Stefan Hirblinger. Das sieht man gleich an seiner Amberger Wohnung: Hier stehen schwere Möbel, die noch aus einem ehemaligen Pfarrhaus stammen. Doch jetzt sind überall bunte Mobiles, Kuscheltiere und Spielsachen zu sehen. Mitten im Zimmer steht ein Stubenwagen aus hellem Holz – falls die kleine Judith zwischendurch ein Nickerchen braucht.

Die Ereignisse des Jahres 2017 haben Hirblinger kräftig durchgeschüttelt. Gleich zu Jahresbeginn ist der einstige Pfarrer herauskatapultiert worden aus Beruf und Berufung. Beinahe gleichzeitig begann für den 56-Jährigen ein neuer Lebensabschnitt: der als Familienvater.

Bis 18. Januar 2017 war Hirblinger katholischer Pfarrer. Doch am 12. Januar fuhr er nach Regensburg und sagte zu Bischof Rudolf Voderholzer: „Ich werde Vater“. Der Satz, versehen mit dem Hinweis, er werde von nun an mit Mutter und Kind zusammenleben, kostete Hirblinger seinen Job, seine Altersversorgung und sein Arbeitsumfeld. Was dann passierte, hat sich ihm tief eingeprägt: Am 15. Januar hielt er seinen letzten Sonntagsgottesdienst in Paulsdorf bei Amberg, wo er als Seelsorger tätig gewesen war. Am 18. Januar trat er zur letzten Religionsstunde vor die Schülerinnen der Amberger Dr.-Johanna-Decker-Schulen, wo er als Lehrer im Kirchendienst unterrichtet hatte. Mit der Suspendierung, die Generalvikar Michael Fuchs am gleichen Tag aussprach, verlor Hirblinger beide Tätigkeiten auf einen Schlag.

Drei Tage nach diesem großen Beben kam Judith zur Welt. Sie und ihre Mutter Patricia sind der Grund, warum Hirblinger sein altes Leben aufgegeben hat. Wie glücklich er damit ist, sieht man an seinem Gesicht, wenn man mit ihm in seiner Amberger Altstadtwohnung zusammensitzt. Während er von den Turbulenzen des vergangenen Jahres erzählt, huscht sein Blick immer wieder zu Judith, die mit ihrer Mutter auf dem Teppich spielt. Mit seinen mittlerweile elf Monaten verfolgt das Mädchen alles mit wachem Blick. Sobald Mama Patricia aus dem Zimmer geht, krabbelt die Kleine neugierig hinterher. Bewusst haben Judiths Eltern den alttestamentarischen Namen gewählt: „Der Name steht für eine starke Frau“, sagt Stefan Hirblinger. Seine Augen leuchten dabei.

„Gehöre nicht mehr dazu“

Für ihren Vater verkörpert Judith die Zukunft. Zugleich kann Hirblinger von seinem Wohnzimmer aus auch seine Vergangenheit in den Blick nehmen: Nur einen Steinwurf wohnt er von den Dr.-Decker-Schulen entfernt, die Gymnasium und Realschule umfassen. Hirblinger hat dort 28 Jahre lang Schülerinnen aus allen Klassen unterrichtet.

Seit seiner Suspendierung trennt ihn und die Schulfamilie weit mehr als nur die Vils, die zwischen seiner Wohnung und der Einrichtung fließt. Der Kontakt ist abgebrochen: „Ich merke deutlich, dass ich nicht mehr dazugehöre.“ Dabei hatten die Schülerinnen vehement gegen die Ablösung des beliebten Lehrers protestiert – an höchster Stelle. Als Bischof Voderholzer im Februar zu Besuch an die zur Schulstiftung der Diözese Regensburg gehörigen Schulen kam, musste er seine Entscheidung im Fall Hirblinger verteidigen. Er tat es nicht-öffentlich, vor einem ausgewählten Kreis von nur 25 Personen.

Mit der Entscheidung des Bischofs ist der Ex-Pfarrer herausgefallen aus der guten finanziellen Absicherung für Diözesanpriester. Das Bistum Regensburg habe sich in seinem Fall kaum über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus engagiert, sagt Hirblinger, obwohl der Bischof im Krisengespräch mit der Schulfamilie angekündigt habe, ihm und seiner jungen Familie unter die Arme zu greifen.

„Ich hoffte, dass das ,Jahr der Barmherzigkeit‘, das Papst Franziskus für 2016 ausgerufen hatte, das Bistum veranlasst, andere Lösungen zu finden als nur die kirchlichen Vorschriften abzuarbeiten. Doch es waren keinerlei Konsequenzen spürbar.“

Stefan Hirblinger

In das Gespräch mit dem Bischof war Hirblinger ursprünglich mit einem Funken Hoffnung gegangen, im Schuldienst bleiben zu können: „Zum einen wusste ich ja, wie die Kirchenrechtslage ist. Aber ich hoffte, dass das ,Jahr der Barmherzigkeit‘, das Papst Franziskus für 2016 ausgerufen hatte, das Bistum veranlasst, andere Lösungen zu finden als nur die kirchlichen Vorschriften abzuarbeiten. Doch es waren keinerlei Konsequenzen spürbar.“ Auch nach der Geburt seiner Tochter kam keine Reaktion aus Regensburg. Anders reagierten die Bürger: Hirblinger, der in Amberg lebt, seit er Ende der 80er Jahre eine Stelle als Kaplan in der Kirche St. Martin antrat, ist stadtbekannt. Er bekam von vielen Seiten Glückwünsche zur Geburt und Zuspruch: „Der Tenor war stets: Wir haben Respekt vor Ihrer Entscheidung“, blickt Hirblinger zurück.

Lesen Sie mehr: Stefan Hirblinger war im Dezember bei der regionalen MZ-Jahresrückblicksgala.

Nie habe er einen Gedanken daran verschwendet, nicht zu Frau und Tochter zu stehen, sagt Hirblinger. Mit seiner Partnerin war er schon einige Zeit zusammen, bevor beide sich bewusst für ein Kind entschieden. Seine Zweifel an den Dogmen der katholischen Kirche hatten nicht erst an dem Tag begonnen, an dem er Patricia kennenlernte. Schon in den ersten Priesterjahren hatte er katholische Glaubenssätze wie den Zölibat, den unterprivilegierten Status von Frauen und die rigiden hierarchischen Strukturen hinterfragt. Kritik brachte er zunächst vorsichtig, dann immer offener in Predigten an.

Wenn Gläubige oder Schülerinnen den Pflichtzölibat kritisierten, brachte er es nicht über sich, mit den Begründungen der Amtskirche zu antworten, wie es von ihm erwartet wurde. Im Codex Iuri Canonici heißt es über die priesterliche Ehelosigkeit: Um „leichter mit ungeteiltem Herzen Christus anhangen und sich freier dem Dienst an Gott und den Menschen widmen“ zu können. Doch was, wenn das Herz weiter wächst, fragt Hirblinger. Die Frage ist rhetorisch gemeint, denn er hat seine Antwort gefunden. „Wenn ich sie verlassen hätte, wäre mir beim Predigen das Wort im Hals stecken geblieben“, sagt er über die beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben. Heute muss er sich nicht länger verstellen. Das begreift er als „Befreiung“.

„Die Kirche sollte dem Umstand Rechnung tragen, dass sich das Leben wandelt. Mit dem Pflichtzölibat hat sie sich in eine Sackgasse verrannt, aus der sie nicht mehr rauskommt“, sagt er. Rudolf Voderholzers Reaktion auf das Gespräch mit ihm sei bezeichnend: Der Bischof habe kurze Zeit später im Hirtenbrief zur Fastenzeit den Zölibat wortgleich verteidigt, obwohl das Thema denkbar weit entfernt sei von der Lebenswirklichkeit der Gläubigen.

Das war das Jahr 2017: In unserem Spezial blicken wir auf die Ereignisse in der Region und in Deutschland zurück. Hier geht es dorthin: www.mittelbayerische.de/jahresrückblick.

Als junger Priesteramtskandidat habe er die Tragweite einer Entscheidung für ein Leben unter dem Pflichtzölibat nicht ermessen können, sagt Hirblinger, der katholisch sozialisiert wurde. Seine Eltern waren aktive Kirchgänger, der Vater saß im Pfarrgemeinderat in Parsberg. Später besuchte Hirblinger das Studienseminar St. Wolfgang-Westmünster für Knaben in Regensburg, „wo man sanft in Richtung Priesteramt geschoben wurde“. Er sei geprägt vom Zeitgeist der Siebziger: „Als ich aufgewachsen bin, stand die Kirche anders da: Am Sonntag waren die Gottesdienste voll.“ Eine üppig zelebrierte Maiandacht seiner Kindheit tritt da vor sein inneres Auge. „Und danach haben wir Maikäfer gesammelt.“

Seither habe ein „gravierender gesellschaftlicher Wandel“ stattgefunden, „der mich auch angestrengt hat. Früher dachte ich, ich kann über die Kirche etwas bewegen“, sagt Hirblinger. Heute sieht er deren gesellschaftliche Verankerung durch den Schwund der Kirchgänger bedroht. Von Papst Franziskus erhofft er sich deshalb, dass dessen Papsttum nicht ein „Pontifikat der Gesten“ bleibt, sondern ein „Pontifikat der Richtungsentscheidungen“ wird.

Kind und Job vereinbaren

Nach seiner eigenen Richtungsentscheidung hat Hirblinger nun eine neue Aufgabe: Seit September unterrichtet er freiberuflich an der staatlichen Schönwerth-Realschule das Fach „Zukunft“. Er spricht mit Schülern über Themen wie Fair Trade und Globalisierung. Die Intiative für die Amberger Zukunftsakademie wurde vom Eine-Welt-Laden angeregt. Das neue Umfeld empfindet er als offen und kooperativ: „Meine Entscheidung ist positiv aufgenommen worden.“ Seine Geschichte hat Hirblinger mehrfach öffentlich erzählt. Nun will er sich den neuen Herausforderungen widmen. Zum Beispiel der Vereinbarung von Kind und Beruf: „Heute habe ich hohen Respekt vor der Doppelbelastung von berufstätigen Eltern.“

Auch 2018 wird also ein aufregendes Jahr für ihn. Sorgen muss er sich keine machen. Er hat jetzt zwei starke Frauen an seiner Seite.

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  • WS
    Winfried Schaul
    27.12.2017 11:22

    Das ist christlich. Das ist Liebe. Die katholische Kirche vertritt einem Gott, der nur °Hörigen" gut gesinnt ist. Widerspruch wird mit Verstoß gewürdigt. Das ist Liebe. Die katholische Kirche kann auf jeden Fall von sich sagen: "Ich bin nicht nett!"

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