mz_logo

Bayern
Donnerstag, 23. November 2017 10° 3

Energie

Eine zappendustere Vorstellung

Ein langer Stromausfall ist unwahrscheinlich. Doch ein Bericht zeigt, was für Folgen ein Blackout hätte – auch in Ostbayern.
von Christine Straßer, MZ

Nur noch Kerzen erleuchteten die Fenster. Handydisplays mussten ebenfalls als Lichtquelle dienen, als 2011 ein Stromausfall ganz Hannover lahmlegte. Foto: dpa

Regensburg.Man stelle sich vor: Ein Stromausfall in weiten Teilen Deutschlands. Tagelang. Ausgelöst durch Hacker, Terroristen, Systemfehler, Defekte oder eine Naturkatastrophe. Ob Gesundheitswesen, Verkehr, Kommunikation oder die Lebensmittelversorgung – die Infrastruktur wäre in kürzester Zeit lahmgelegt.

Es geht nicht darum, Panik zu schüren, wenn das Regensburg Center of Energy and Resources der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg, die Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim und das Ostbayerische Technologie-Transfer-Institut am 8. und 9. März zum Energiekongress laden. Maik Poetzsch wird ausführen, wo Risiken liegen, wenn der Strom weg ist. Poetzsch ist Co-Autor des Berichts des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) zu den Folgen eines Blackouts. Die Experten kamen zu dem Schluss, dass ein zweiwöchiger Stromausfall in mehreren Bundesländern „einer Katastrophe nahe“ käme.

Das Szenario des TAB ist unwahrscheinlich. Ein Extremfall. Aber das Durchspielen eines derart gravierenden Blackouts zeigt eine Abhängigkeit auf, die oft vergessen wird. Denn der Alltag wiegt uns in Sicherheit. In Deutschland ist jeder Verbraucher im Jahresmittel nur rund 15 Minuten ohne Strom.

Chaotische Zustände von Beginn an

Maik Poetzsch ist Co-Autor des Berichts des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag zu den Folgen eines Blackouts. Foto: Poetzsch

Was also würde passieren? „Die Folgen eines großflächigen Stromausfalls treten abrupt und massiv ein“, sagt Poetzsch. Schon die ersten beiden Stunden eines Blackouts sind von chaotischen Zuständen geprägt. Es gibt kein elektrisches Licht mehr. Kühlschränke schalten ab, die Heizung hört auf zu arbeiten, Geldautomaten funktionieren nicht mehr. Ampelanlagen fallen aus. Die meisten Züge halten an. In höhere Stockwerke wird kein frisches Wasser mehr gepumpt. Die Informations- und Telekommunikationstechnik ist ebenfalls massiv betroffen. Festnetztelefone sind tot. Internet-Router und Modems arbeiten ohne Strom nicht mehr. Handys sind zwar im aufgeladenen Zustand einige Tage funktionstüchtig, aber die meisten Basisstationen sind durch das hohe Gesprächsaufkommen schnell überlastet. Selbst wenn nicht, brechen sie nach zwei Stunden zusammen, weil der Batteriepuffer erschöpft ist. Wichtige Einrichtungen wie Krankenhäuser, Polizeiwachen oder Feuerwehrstationen haben Notstromaggregate, die sie betriebsfähig halten.

Uniklinik hat vorgesorgt

An der Uniklinik Regensburg brauchten die Aggregate bei Übungen höchstens 13 Sekunden, um hochzufahren. Das geschieht, wenn die Stromversorgung länger als zwei Sekunden ausbleibt. Der Kraftstoffvorrat reicht für einen 24-stündigen Betrieb, wie Pressesprecherin Katja Rußwurm mitteilt. Bei einem längeren Stromausfall wird nach etwa zwölf Stunden Kraftstoff bei einem Lieferanten angefordert, der das rechtzeitige Nachfüllen garantiert und eine Genehmigung hat, bei einem allgemeinen Fahrverbot zu fahren. In wichtigen medizinischen Geräten ist zudem immer eine zusätzliche Batterieversorgung integriert. Sie springt nach spätestens 0,2 Sekunden an.

Was einen Klinikbetrieb der TAB-Studie zufolge bei einem Blackout zudem erschweren könnte: eine eingeschränkte Versorgung mit Trinkwasser und eine fehlende Müllabfuhr. Dabei müssten Krankenhäuser sogar mit mehr Patienten rechnen. Denn andere Akteure auf dem medizinischen Sektor sind weniger gut abgesichert. Die allermeisten Arztpraxen und Apotheken müssten schließen.

Welche Folgen ein langandauernder Stromausfall konkret für Ostbayern hätte, lässt sich schwer fassen. Dieter Hauenstein, der sich beim BRK-Bezirksverband Niederbayern-Oberpfalz mit Katastrophenschutz befasst, sagt, dass viele Faktoren eine Rolle spielen. Beispielsweise die Jahreszeit. Auch von Ort zu Ort könnte es große Unterschiede geben. So geht Hauenstein davon aus, dass im Stadtgebiet Regensburg schneller Probleme mit Abwasserkanälen auftreten könnten als auf dem Land.

Dem Experten Poetzsch zufolge verschärft sich die Situation dramatisch, wenn ein Stromausfall länger als zwei Stunden dauert. Die Kommunikationsstruktur bricht laut der TAB-Studie zusammen. Auch der Funk der Behörden beginnt zu verstummen. Immer mehr Fahrzeugtanks sind leer. Immer mehr Notstromaggregate haben ihren Brennstoff verbraucht. Ohne Strom sind auch die allermeisten Tankstellen außer Betrieb. „Das ist der Punkt, an dem die allermeisten Katastrophenpläne scheitern“, sagt Poetzsch. Sie sehen nämlich eine regelmäßige Betankung der Notstromaggregate vor.

Die Basisstationen des Digitalfunks der Behörden in Bayern sind laut Innenministerium für zwei Stunden abgesichert. Die Stromversorgung der Basisstationen wird aber gerade ausgebaut. Wo bereits möglich, wurden die Basisstationen an Netzersatzanlagen angeschlossen, damit sie mindestens 72 Stunden in Betrieb bleiben können. „Im Endausbau ist eine bayernweite Fahrzeugfunkversorgung für mindestens 72 Stunden nach Netzausfall geplant“, teilte ein Sprecher mit. Außerdem sei eine Stromeinspeisung durch Notstromaggregate vorgesehen. Dies sei im vergangenen Jahr bereits beim Hochwasser im Landkreis Rottal-Inn so praktiziert worden.

Große Stromausfälle

  • 2012:

    Hurrikan „Sandy“ legte die Stromversorgung in 17 US-Staaten im Oktober so lange lahm, dass sich die Menschen teilweise bis zu zwei Wochen selber behelfen mussten. Zehntausende konnten sich nur in den Notunterkünften aufwärmen.

  • 2006:

    Nach mehreren Pannen im deutschen Stromnetz gingen in Millionen Haushalten in Westeuropa die Lichter aus. In Frankreich hatten fünf Millionen Bürger keinen Strom. Der Energieausfall dauerte meist nicht länger als eine Stunde, legte aber in Deutschland und Belgien den Zugverkehr streckenweise lahm. Eine der Ursachen für den Blackout könnte die geplante Durchfahrt eines Kreuzfahrtschiffes auf der Ems unter einer abgeschalteten Starkstromleitung gewesen sein.

  • 2005:

    Der größte Stromausfall in der deutschen Nachkriegsgeschichte ereignete sich im Münsterland. Nach einem Schneesturm brachen dort Ende November 2005 etwa 50 Strommasten unter Eis- und Schneemassen zusammen. Mehr als 250 000 Menschen hatten keinen Strom – teilweise auch keine Heizung und kein warmes Wasser. Nach drei Tagen saßen noch immer 65 000 Menschen im Dunkeln.

  • 2003:

    In Italien waren im September bis zu 57 Millionen Menschen ohne Strom. Je nach Landesteil dauerte der Blackout bis zu 18 Stunden. Verursacht wurde der Blackout durch das Problem einer Leitung mitten in der Schweiz: Sie wurde stark belastet und entlud sich auf einen Baum. Das reichte aus, um ganz Italien außer Gefecht zu setzen.

  • 2003:

    Bei Gluthitze fiel Mitte August im Nordosten der USA und im Süden Kanadas der Strom großflächig aus. In der Stadt New York und in Michigan wurde der Notstand ausgerufen. In einigen Regionen waren die Bewohner drei Tage ohne Strom.

Ende Januar waren auch Teile Regensburgs von einem Stromausfall betroffen. Hier lesen Sie mehr!

Treibstofforganisation ist schwierig

Katastrophenhelfer wären spätestens nach acht Stunden selbst massiv von einem Stromausfall beeinträchtigt, hat das TAB festgestellt. Durch den Ausfall von Kommunikationswegen und die immer knapper werdenden Brennstoffvorräte geht es vor allem darum, Treibstoff für die Einsatzkräfte selbst zu besorgen. Nach 24 Stunden brechen laut Studie weitere Sektoren zusammen, auch wenn alle regional verfügbaren Reserven mobilisiert werden. Versorgungslieferungen zu organisieren, ist sehr schwierig, selbst wenn Korridore über Autobahnen oder Gleise eingerichtet werden können. Krankenhäuser sind in diesem Szenario überlaufen. Blutkonserven, Dialysemittel, Insulin oder sauberes Verbandsmaterial gehen aus, Menschen würden sterben.

Abwasserkanäle verstopfen und laufen über. Frischwasser kann auch über Notbrunnen verteilt werden. Mehr als 5200 gibt es in Deutschland. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt pro Person 24 Liter Flüssigkeit im Haushalt zu lagern, um für zwei Wochen versorgt zu sein. Insgesamt verschlechtern sich die hygienischen Zustände bereits nach einem Tag ohne Strom drastisch. In der Landwirtschaft sterben massenhaft Tiere. Lebensmittel hat der durchschnittliche deutsche Haushalt für vier Tage daheim. Der Einzelhandel wird spätestens nach fünf Tagen ausverkauft sein. Vermehrt dürften spätestens ab diesem Zeitpunkt Kriminelle unterwegs sein.

Täglich kritische Situationen

Professor Oliver Brückl lehrt an der OTH Regensburg an der Fakultät Elektro- und Informationstechnik. Archivfoto: Anton

Das klingt wie Science-Fiction. Doch Professor Oliver Brückl von der Fakultät für Elektro- und Informationstechnik an der OTH Regensburg schildert, dass im Bereich von Tennet, dem Betreiber der Hoch- und Höchstspannungsnetze in großen Teilen Deutschlands jeden Tag mitunter sogar vier Mal eingegriffen werden muss, um einen Blackout zu verhindern. Noch vor einigen Jahren seien solche kritischen Situationen vielleicht zwei bis dreimal im Jahr aufgetreten. Das liege am hohen Tempo der Energiewende, mit dem der Netzausbau nicht Schritt halte. Dabei wächst der Transportbedarf von Nord nach Süd. Brückl schildert, dass die Leitungen derzeit „am Limit“ sind. „Diesen Notbetrieb können wir nicht auf Dauer durchführen“, sagt er.

Gefahren lauern aber auch an vielen anderen Stellen. In Katastrophenszenarien werden digitale Stromzähler oft als Einfallstor für Hacker beschrieben. Deutsche Zähler sollen deshalb eine Art Wächter mit endlos langen Verschlüsselungscodes bekommen. Nur wer diese Codes kennt, kann eine Abfrage starten. Da wären aber auch noch die Rechner, die ein Kraftwerk steuern, oder die Höchststromschaltanlagen als mögliche Angriffsziele.

Um das Stromnetz gegebenenfalls wiederaufbauen zu können, gibt es in Deutschland Kraftwerke, die eine Schwarzstartfähigkeit haben. Das bedeutet sie können unabhängig vom bestehenden Netz in Betrieb genommen werden. Bundesweit gibt es nach Angaben der Bundesnetzagentur 120 solcher Kraftwerksblöcke. Das entspreche einer Leistung von 9,7 Gigawatt. Über sie würde das Netz Kraftwerk für Kraftwerk aufgebaut. Knifflig dabei: Um Energieerzeuger wieder ans Netz zu nehmen, müssen Verbraucher zugeschaltet werden, die genau diese Strommenge abnehmen. Der Aufbau kann sich also hinziehen, vor allem je mehr kleine Kraftwerke es gibt. Im Schnitt benötigt die Bundesrepublik eine Leistung von werktags 75 Gigawatt und 50 am Wochenende.

Lesen Sie auch: Ostbayern drohen höhere Strompreise

Mehr Nachrichten aus Bayern lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht