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Kirche

Erzbischof Müller: Zeitgeist trotzen

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller spricht über den Fall Gegenfurtner, den neuen Regensburger Bischof und die anonymen Macher von kreuz.net.
Von Christine Schröpf, MZ

Entspannt und locker wie selten: Als Präfekt der Glaubenskongregation – drittwichtigster Posten im Vatikan – fühlt sich Gerhard Ludwig Müller trotz Heimweh nach Regensburg wohl. Der Auftritt des „Übergangsbischofs“ Wilhelm Gegenfurtner kürzlich im Regensburger PresseClub hat ihn trotzdem geärgert. Fotos: Schröpf

Erzbischof Müller, seit fünf Monate leben und arbeiten Sie nun im Vatikan. Sind Sie schon ein echter Römer?

Meine Wohnung wird erst nächste Woche fertig. Erst wenn ich dort eingezogen bin, bin ich richtig angekommen. Noch lebe ich im Gästehaus der Deutschen Bischofskonferenz im Provisorium auf etwa 50 Quadratmetern. Es ist dort etwas spartanisch: Ich habe keinen Schreibtisch, kein Telefon, keinen Fernseher. Und ich schlafe in einem Bett, das von der Länge gerade mal so zu meiner Größe passt.

Haben Sie Heimweh nach Regensburg?

Ja, das kann man sagen. Ich habe zehn Jahre dort gelebt, bin dort sehr verwurzelt und kenne viele Leute.

Sie sind über alles, was in Regensburg passiert, auf dem Laufenden?

Ich informiere mich im Internet.

Diözesanadministrator Wilhelm Gegenfurtner hat sich kürzlich im Regensburger Presseclub Ihnen gegenüber sehr distanziert geäußert. Hat Sie das geärgert?

Ich habe zehn Jahre von ihm etwas anderes gehört – nämlich das Gegenteil.

Können Sie bestätigen, dass Gegenfurtner 2005 zurückgetreten ist, weil Sie in seinen Augen bei der Reform der Laienräte zu wenig dialogbereit waren? Hat er das damals Ihnen gegenüber so begründet?

Er war selbst für eine Abschaffung des Diözesanrates und die Neuordnung mit Diözesankomitee für Vereine und Verbände – praktisch eine Katholikenrat, der nach außen zuständig ist – und dem Diözesanpastoralrat als Pfarrgemeinderat auf Diözesanebene. So entspricht alles dem allgemein geltenden Kirchenrecht. Es war ja ein langer Prozess, in dem bei einigen Protagonisten falsche Vorstellungen über die Kirche zurückgewiesen werden mussten.

Hat Sie die Kritik Gegenfurtners sehr überrascht?

Allerdings war ich sehr überrascht. Er wollte selbst als Generalvikar aufhören. Er hat das Amt zwölf Jahre bei Bischof Manfred ausgeübt, dann noch drei Jahre bei mir. Dann wollte er etwas Anderes tun. Ich habe ihn danach auch zum Präsidenten der Caritas im Bistum gemacht. Dompropst ist er ebenfalls durch mich geworden. Es gibt keinen Anspruch auf eine lebenslange Stelle als Generalvikar. Der wird durch den Bischof berufen und scheidet auf eigenen Wunsch oder auf eine andere Disposition des Bischofs aus seinem Amt aus.

Der Wechsel im Generalvikariat hatte für Sie keine tieferen Hintergründe?

Normalerweise gibt es immer nach einer gewissen Zeit einen Wechsel. Das ist nichts Dramatisches. Es wäre auch kein Beinbruch, wenn aus einem Domkapitular einmal wieder ein Pfarrer und Seelsorger würde.

In der PresseClub-Runde forderte Gegenfurtner von einem neuen Bischof unter anderem „Herzenswärme“ und „Rückgrat gegenüber Rom“. Verstehen Sie das als persönlichen Vorwurf gegen Sie, herzenskalt und rückgratlos zu sein?

Es ist immer gut, wenn sich jeder selbst diese Frage in einer gesunden Gewissenserforschung stellt. Und das Urteil über Andere dem lieben Gott überlässt.

Hat der Auftritt Gegenfurtners das Verfahren der Bischofsernennung in Regensburg beschleunigt?

Es ging sowieso schon schnell. Ein Bischof muss übrigens gegenüber dem Zeitgeist Rückgrat haben und dem Druck standhalten, der auf die Kirche ausgeübt wird, von der Wahrheit des Evangeliums abzuweichen.

Überraschend für Sie war schon, dass das Domkapitel Wilhelm Gegenfurtner zum Diözesanadministrator bestimmt hat – also zum „Übergangsbischof“. Sie hatten Weihbischof Pappenberger favorisiert. Hatten die Regensburger Entwicklungen Folgen für das Prozedere des Bischofswechsel in Passau?

Das Bistum Passau hat einen Bischof als Leiter.

Wilhelm Schraml führt dort als Apostolischer Administrator weiter die Geschäfte. Geht jetzt auch die Bischofsentscheidung in Passau jetzt schnell?

Der Bischof ist schließlich noch da. Ich rechne mit einer Entscheidung im Laufe des nächsten Jahres.

Wie sehr nimmt der Papst an diesen Vorgängen in Bayern Anteil?

Nicht nur wenn es um Regensburg geht, bekommt er alles mit – und ist über Deutschland voll im Bilde.

Überschattet die aktuelle Debatte im Bistum Regensburg den Amtsantritt des neuen Bischofs Rudolf Voderholzer?

Ich glaube, die künstliche und überflüssige Aufregung ist schon wieder ein bisschen verflogen. Das kann nicht sein, dass einem neuen Bischof die Bahnen seines Episkopats vorgezeichnet werden. Rudolf Vorholzer spielt theologisch in einer höheren Liga als selbsternannte Ratgeber und hat zum Bischofsamt sehr reflektierte Gedanken. Er möchte wie ich dem Bischofsideal des Zweiten Vatikanums entsprechen.

Es ist jetzt viel vom Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Ihnen und dem neuen Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer die Rede. Was glauben Sie, wird es für Ihn schwer, ein eigenes Profil zu entwickeln?

Nein. Lehrer-Schüler-Verhältnis im akademischen Sinn bedeutet nicht Abhängigkeit, oder dass einer in die eingefahrenen Spuren des Lehrers hineintreten muss. Manche Verhältnisse von Professor und Schüler sind leider so, aber ich habe immer versucht, den Studierenden und Doktoranden zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden. Insofern ist man Lehrer, aber nicht Meister oder Übervater. Der Kirche und der theologischen Wissenschaft ist am meisten gedient, wenn die Betreffenden aus ihrer eigenen Kompetenz heraus tätig sind.

Die Laien wünschen sich eine wichtigere Rolle in der Kirche. Rudolf Voderholzer hat in einem Vortrag gefordert, Laien müssten in ihrem jeweiligen beruflichen Umfeld noch viel stärker als bisher ihren Glauben bezeugen. Wie ist Ihre Position?

Wer nicht an Macht, sondern an die Mitverantwortung denkt, wiederholt nicht diese Leier von der angeblichen Nichtbeteiligung der katholischen Laien am kirchlichen Leben. Laien noch stärker in die Kirche einzubinden, geht eigentlich gar nicht mehr. Im Bistum Regensburg haben wir die größten Vereine und Verbände bundesweit in allen Sparten – fast 300 000 Gläubige sind dort organisiert. Wir haben 14.000 Pfarrgemeinderatsmitglieder, davon sind mindestens die Hälfte Frauen. An den kirchlichen Schulen gibt es zumeist Direktorinnen. Überall sind die Frauen voll und ganz präsent. Im Ordinariat gibt es mit Maria Luise Öfele eine Ordinariatsrätin – sie ist auf dieser Ebene den Domkapitularen gleichgestellt.

Es gibt keine Defizite?

Was wir nicht genug haben, sind überzeugte Katholiken, die auf allen Ebenen in der Politik tätig sind. Es geht nicht nur darum, an der Liturgie teilzunehmen, auch wenn das ein wesentliches Element ist.

Was heißt das konkret?

Man muss für das Gemeinwohl tätig sein, an Wahlen teilnehmen oder sich auch als Kandidat einer Partei aufstellen lassen. Wir wollen nicht nur über die Parteien klagen, sondern uns dort in unserem Sinne einsetzen. Wir überlassen das Feld oft anderen ideologischen Gruppierungen und wundern uns dann, wenn die Kirche plötzlich zurückgeschoben wird und Gläubige als geduldete Minderheit betrachtet werden. Unsere ganze Kultur ist vom Christentum geprägt. Wenn wir diese Wurzeln verlieren, enden wir nicht einem neutralen Feld, sondern im Negativen und Abgründigen. Das haben wir schon zwei Mal durchbuchstabiert in Deutschland. Die größte Gefahr für Deutschland und Europa ist der politische Atheismus und aggressive Säkularismus. Wir dürfen als Kirche nicht defensiv sein und uns auf den Kreis der Menschen beschränken, die zum Gottesdienst kommen.

Aktuell machen in Deutschland überengagierte „Katholiken“ von sich reden: Die anonymen Macher des Schmäh-Portals kreuz.net haben ihre Arbeit fürs Erste eingestellt. Muss die Kirche weiter nach Hintermännern forschen? Wissen Sie, wer im Bistum Regensburg bei kreuz.net mitmischte?

Wahrscheinlich niemand. Aber wie soll man nachforschen? Es ist ja anonym. Wer will wissen , ob die überhaupt katholisch sind im Sinne des katholischen Glaubens und der Moral. Der Papst und die Bischöfe – auch ich persönlich – sind immer wieder scharf angegriffen worden. Da stand zwar ,katholisch‘ drauf, aber das kann jeder hinschreiben. Das sind keine katholischen Fundamentalisten – das wäre ein Widerspruch in sich – sondern irgendwelche Extremisten, die nicht argumentieren, sondern nur diffamieren können. Ein anständiger Mensch sagt über andere nichts Negatives, ohne dass er seinen Namen preis gibt und damit dafür Verantwortung übernimmt. Das ist ein Nachteil unseres Internets und müsste entsprechend gesetzlich geregelt werden. Aber auch die Öffentlichkeit muss kritisch reagieren und darf Anonymes nicht ernst nehmen – genauso wie man anonyme Briefe in den Papierkorb wirft.

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