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Bayern
Freitag, 15. Dezember 2017 3

Serie

„Freier Schweinsbraten für freie Bürger“

Im Jahr 1995 wurde in Regensburg vor der OB-Wahl die Liste ALZ gegründet. Josef Alzheimer alias Karl-Heinz Mierswa kam in den Stadtrat.
Von Fritz Winter, MZ

  • Leider viel zu früh verstorben ist der legendäre Regensburger Kommunalpolitiker Josef Alzheimer, der den etablierten Parteien von 1995 an den Spiegel vorhielt. Die ehemaligen ALZ-Stadträte Karl-Heinz Mierswa und Hubert Lankes (r.) pflegen das Gedenken an den Gründer der „Abgebrühten Liste Zukunft“. Foto: Gabi Schönberger
  • Die ALZ-Führungsspitze: Lankes, Mierswa, Drawenau (v.l.). Foto: Archiv
  • Josef Alzheimer mit Bodyguard. Foto: Lankes, Repro: Schönberger
  • OB-Kandidat Alzheimer beim Bockanstich. Foto: Lankes

Regensburg.Eine Stube im Regensburger Traditionswirtshaus Auerbräu heißt „Das Mausoleum“. Hier ruht der leider viel zu früh verstorbene Josef Alzheimer. Er war ein begnadeter Politiker, der nach einem Wahlkrampf ohne Beispiel im Jahre 1996 mit seiner Liste ALZ in den Stadtrat von Regensburg eingezogen war. Bilder, Plakate und andere Devotionalien erinnern heute an ihn. Und auch Karl-Heinz Mierswa, Wirt im Auerbräu hat sie noch: Die markante Hornbrille mit den Fenstergläsern, die Josef Alzheimer bei seinen Wahlkampfauftritten begleitete und mit der er in die Kameras grinste. Mierswa war Alzheimer – aber das hat die Politikergeneration von heute vergessen. ALZ halt.

Männer „aus der Wirtschaft“

Es war im Jahr 1995. Man schrieb in Deutschland das 13. Jahr der Regentschaft von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und in Regensburg schickte sich die amtierende SPD-Oberbürgermeisterin Christa Meier, bekannt geworden durch ihre an allen Ecken und Enden aufgestellten rot-weißen Hütchen zur Verkehrsberuhigung, an, den Chefsessel im Rathaus zu verteidigen. Ihr Gegenkandidat war ein weitgehend unbekannter Hans Schaidinger von der CSU. Er ließ auf seine Plakate den Satz drucken: „Dieser Mann kommt aus der Wirtschaft – schließlich leben wir davon“.

Auch Karl-Heinz Mierswa dachte an die Wirtschaft, denn er plante den traditionellen Bockanstich Anfang Oktober im Auerbräu. Es ging um die Werbung in der Zeitung. „Wer zapft denn bei Euch an?“, fragte Hubert Fromm, Prokurist beim Kneitinger. „Wer zapft denn bei den anderen an?“, entgegnete Mierswa. „Der Schaidinger bei der CSU, die Meier bei der SPD“. Stille. „Dann macht das bei uns der Oberbürgermeister-Kandidat Josef Alzheimer“, platzte Mierswa heraus. Es war eine spontane Idee. Josef war sein Lieblingsvorname, und Alzheimer hieß er schon, weil er bei seiner Band „CC7“ immer den Text vergaß.

„Schwachsinn können wir auch“

Gesagt, getan. Mierswa baute zum Anstich ein Podium auf mit Mikrofonen von RTL, Sat 1, Pro Sieben und kaufte sich Hornbrille und ein Flohmarkt-Sakko. „Das wird sicher lustig“, sagte sich Hubert Lankes und jagte beim Anzapfen einen 36-er Schwarz-Weiß-Film durch – Grundlage der späteren Wahlkampagne. Und schließlich riet ein prominenter Regensburger Grüner (dessen Namen wir hier aus Datenschutzgründen verschweigen), der Spaß-Truppe, doch eine eigene Partei zu gründen. Mierswa: „So blöd war die Idee nicht. Den Schwachsinn, den die anderen machen, können wir auch“.

Bei der Gründungsversammlung im Auerbräu wurde Josef Alzheimer zum Vorsitzenden, Hubert Lankes zu seinem Vize und Bertl Drawenau (Luis Trinkers Höhenrausch) zum 3. Vorsitzenden gewählt. Grundzüge des Parteiprogramms waren schnell formuliert: „Markant, rätselhaft, zukunftsweisend“. Und „Liste ALZ – Gott erhalts“.

Dass man für eine Kandidatur 348 Unterstützungs-Unterschriften braucht – das hatte die flippig-kreative Truppe um Mierswa allerdings vergessen. Um die Wähler zu bewegen, ins Wahlamt zu gehen und für ALZ zu unterschreiben, entstand der Slogan „Freier Schweinsbraten für freie Bürger“ – ein Versprechen, das im Auerbräu eingelöst werden konnte. Und: Typisch deutsch ermittelte die Staatsanwaltschaft daraufhin wegen versuchter Wählerbestechung, worüber die Nachrichtenagentur dpa bundesweit eine Kurzmeldung verbreitete.

Bundesweite Schlagzeilen

Da brachen alle Dämme: Radio- und Fernsehsender, Zeitungs- und Magazin-Reporter standen Schlange. Mierswa und Lankes mussten täglich Schweinsbraten essen und in Talkshows – Biloek, Schlachthof, Illona Christen – immer wieder beteuern, dass sie sich nicht gegen Alzheimer-Kranke wenden, sondern den „politischen Alzheimer“ im Visier hatten.

Nachdem zu Kundgebungen mit Edmund Stoiber und Johannes Rau in Regensburg gerade einmal 300 Zuhörer gekommen waren, zog die Liste ALZ bei einer „Großkundgebung“ alle Register: Josef Alzheimer fuhr, begleitet von Bodyguards, in schwarzen Limousinen auf dem Haidplatz vor. Die Blaskapelle Josef Menzl intonierte unablässig den Bayerischen Defiliermarsch, er schüttelte Hände und herzte Kinder, so wie die echten Parteien auch. Seine Rede, die der Liste ALZ schließlich 4,7 Prozent der Stimmen und zwei Sitze im Stadrat einbrachte, dokumentieren wir im Wortlaut:

„Liebe Regensburgerinnen und Regensburger: Vergessen wir, was war! (Applaus). Die Zeit ist reif. Wir richten den Blick nach vorn (tosender Applaus). Das gesamte christliche Abendland blickt auf Regensburg. Denn hier steht dank meiner unermüdlichen politischen Arbeit die Wiege des freien Schweinsbratens für freie Bürger (frenetischer Applaus). Liebe Regensburgerinnen und Regensburger, und so rufe ich Euch zu: Ich bin ein Regensburger! (Applaus, Glückwünsche, Blumen)“.

Nachdenklichkeit bleibt

1996 bis 2002 saßen Mierswa und Lankes im Stadtrat, von 2002 bis 2008 nur noch Mierswa. Was heute bleibt, ist Nachdenklichkeit. Die Figur Josef Alzheimer habe gezeigt, wie leicht man etablierte Parteien mit ihren eigenen Mitteln vorführen könne. „Der Stadtrat ist ein eigener Kosmos“, sagt Mierswa. „Es gibt eine riesige Kluft zwischen den Bürgern und den Gewählten“. Irgendwann habe er an Engagement verloren. „Für die Politik muss man geboren sein. Da muss man ein ganz harter Hund sein. Und letztendlich über Leichen gehen“. Das will der „Mann aus der Wirtschaft“ nicht.

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