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Bayern
Dienstag, 30. Mai 2017 30° 8

Brauchtum

„Frozen Horst“ und „Burning Markus“

Finanzminister Markus Söder erklärt beim Maibock-Anstich was er, George Clooney und Horst Seehofer gemeinsam haben.
Von Christine Schröpf, MZ

  • Finanzminister Markus Söder brauchte nur zwei Schläge um das erste Faß Maibock anzuzapfen. Foto: Andreas Gebert/dpa
  • Kabarettist Django Asül kannte bei seiner Maibock-Rede auch keinen Damen-Bonus. Rechts im Bild: die Regensburger Blaskapelle Josef Menzl, die nach dem offiziellen Teil noch lange aufspielte. Foto: Andreas Gebert/dpa
  • Aufgemerkt: der niederbayerische Kabarettist Django Asül hatte für alle Parteien Lektionen parat – die CSU knöpfte er sich besonders vor. Foto: Andreas Gebert/dpa
  • Diese Mini-Lederhose am Band gab’s für alle Gäste des Maibock-Anstichs. Die Farbe des Bandes signalisierte, an welchem Tisch man platziert worden war. Foto: Schröpf

München.Erst ein Tusch – und dann als Warm-up ein kleiner Werbeblock von Finanzminister Markus Söder für Finanzminister Markus Söder. Der ehrgeizige CSU-Politiker, q

f im staatlichen Hofbräuhaus, beschäftigt sich am Mittwochabend in seiner Begrüßungsrede beim Maibock-Anstich über weite Passagen mit sich selbst, kokettiert vor den gut 600 geladenen Gästen mit seiner Dauer-Rolle als potenzieller Nachfolger von Regierungschef Horst Seehofer. Natürlich wird nicht tiefgestapelt. „Markus, du bist die Nummer 1, das Beste für Bayern, du sollst uns anführen“, erinnert sich Söder an ein Jahrzehnte altes Zitat von Konkurrentin Ilse Aigner. Der CSU-Kronprinz stellt sich zudem in eine Reihe mit George Clooney und Seehofer. „Alle sagen, wir sehen gut aus, seien toll und intelligent.“ Problem sei leider nur, dass man heutzutage oft nicht mehr die Wahrheit zu hören bekomme.

Seehofer geht lieber zum ZDF

Einer hört Söders Botschaften am Mittwochabend nicht: Seehofer hat den Termin abgesagt, zum inzwischen vierten Mal, in Folge. „Der Horst dreht am Rad – am großen Rad der Weltpolitik natürlich“, sagt Söder. Tatsächlich kam dem Regierungschef dieses Mal die Abschiedsfeier für den Leiter des ZDF-Landesstudios dazwischen. „Wenn mich etwas überhaupt nicht berührt, dann ist es der heutige Abend“, sagte Seehofer bereits am Nachmittag am Rande einer Sitzung der CSU-Fraktion im Landtag. Er war überhaupt erst einmal beim Maibock-Anstich, das ist schon ein paar Jahre her.

Doch eine Reihe von Seehofers Kabinettsmitgliedern haben am Mittwoch an den Tischen im Hofbräuhaus Platz genommen, von Staatskanzleichef Marcel Huber bis zu Justizminister Winfried Bausback. Die Opposition ist unter anderem mit den Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher (SPD), Hubert Aiwanger (Freie Wähler) und Ludwig Hartmann (Grüne) vertreten. Alle wollen hören, wie frech Söder dieses Mal Spitzen gegen Seehofer setzt. Einmal hatte er ihn zum Vergnügen des Publikums als „eiskalt gehopften Hallodri“ tituliert.

Dieses Jahr hält sich Söder, der sonst meistens frei spricht, streng an sein Redemanuskript. Unter dem kabarettistischen Deckmäntelchen hat er dennoch ein Bündel Botschaften versteckt. Keinen Hehl macht er daraus, wie wenig er davon hält, dass Seehofer die Nachfolgefrage wieder einmal offiziell in den „Eisschrank“ verbannte. „Manche nennen uns auch Frozen Horst und Burning Markus“, witzelt Söder. „Horst mag es lieber kalt, ich lieber heiß. Er ist fürs Einfrieren, ich fürs Auftauen.“ Dabei kennt Söder selbst Kandidaten aus der eigenen Partei, die er gerne ins Tiefkühlfach verfrachten würde. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, für ihn der „Sexiest-Maut-Alive“ zählt dazu. Der Finanzminister spöttelt über dessen großkarierte „Petrocelli-Gedächtnis-Sakkos“, mit denen er sich den Titel „Trendsetter 1970“ verdient habe.

Django nimmt sich Söder zur Brust

Seit 2011 ist Söder Finanzminister, seitdem drückt er dem Maibock-Anstich seinem Stempel auf. Der hauptberufliche Kabarettist Django Asül behält aber auch bei seinem neunten Gastspiel im Hofbräuhaus die Oberhand. Er knöpft sich gleich zum Start den „größten Ministerpräsidenten-Aspiranten aller Zeiten“ vor und spöttelt über Söders nicht zu zügelnden Drang ins Scheinwerferlicht – der zuletzt bei der Übernahme der Schirmherrschaft für einen deutschlandweiten Bernhardinerverein zu Tage trat, samt Fotoshooting im Englischen Garten. Söder outete sich als Bernhardiner-Freund, obwohl er sich kurz zuvor privat einen Mini-Dobermann zugelegt hatte. „Er wollte also was Großes und am Ende wurde es was Kleines. Dann hoffen wir mal, dass das keinen Symbolcharakter hat“, sagt Django Asül.

„Er entspricht durchaus dem Typus Politiker, der andere mitnimmt. Wenn auch im Schwitzkasten.“ Django Asül über Markus Söder

Das Pointensetzen verknüpft Django Asül mit geschickten Kunstpausen – zudem mit beredtem Minenspiel, das er mal einsetzt, um Spott zu verschärfen, mal um vermeintliches Lob zu konterkarieren. Es genügt ein leichtes Zucken in den Mundwinkeln, ein starkes Kräuseln der Stirnfalten. Zum Einsatz kommt es etwa, als er Söders Teamqualitäten beschreibt. „Er entspricht durchaus dem Typus Politiker, der andere mitnimmt. Wenn auch im Schwitzkasten.“ Einen Seitenhieb kassiert Söder auch für seine rasche Twittermeldung gleich nach den Terror-Anschlägen von Paris, in der er verkündete, dass das Attentat alles verändern werde. Illegale und unkontrollierte Zuwanderung dürfe nicht mehr zugelassen werden. Äußerungen, die für einen Shitstorm im Internet sorgten. Söder habe ihn gebeten, hier nochmal deutlich seinen Standpunkt zu wiederholen: „Nicht jeder Terrorist ist ein Flüchtling.“

Django Asül nimmt sich viel Zeit für die Asylpolitik und das angespannte Verhältnis zwischen CSU und der Kanzlerin. „Merkels Agenda lautet: links von der CDU darf es keine Partei geben. Im Subtext steht da ja schon eine Abspaltung von Bayern schon drin.“ Die Kanzlerin verstöre damit allerdings auch die eigene Partei. In der neuen CSU-Zentrale stapelten sich bereits die Asylanträge von CDU-Mitgliedern. „So eine politische Vertreibungswelle hat Deutschland schon lange nicht mehr erlebt. Da kommen gewaltige Integrationsaufgaben auf Bayern zu.“

Der Niederbayer persifliert in seiner Maibock-Rede das Mantra der CSU, das seit Zeiten von Franz Josef Strauß Gültigkeit besitzt. Rechts von der CSU darf sich danach keine demokratische Kraft etablieren. „Zum Glück agiert die CSU fernab von jeglichem Populismus und setzt auf gute internationale Beziehungen mit gemäßigten Kräften“, sagt Django Asül. „Darum besuchte der Ministerpräsident unlängst auch Orban und Putin.“

Emilia Müllers „Wärmedämmung“

Heikles Thema seit dem Auftritt von „Mama Bavaria“ alias Kabarettistin Luise Kinseher vor wenigen Wochen auf dem Nockherberg: Das Derblecken von CSU-Frauen. Django Asül hatte allerdings schon im Vorfeld erklärt, dass es bei ihm keinen Damen-Bonus gibt. Alles andere wäre sexistisch und würde ihm den Vorwurf eintragen, er habe das mit der Gleichberechtigung falsch verstanden. Er löst am Mittwoch sein Versprechen ein. Sozialministerin Emilia Müller, qua Amt eigentlich für Wärme zuständig, nennt er wegen ihres strengen Kurses in der Asylpolitik „die sympathischste Wärmedämmung, die sich eine Partei wünschen kann“. Er spielt damit auf eine exemplarische Szene zwischen der Ministerin und einem Kosovaren im Abschiebezentrum für Balkanflüchtlinge an. Müller erinnerte den Mann daran, dass er in seine Heimat zurückkehren muss. „Bitte, in welchem anderen Bundesland führt ein Sozialminister solch intensive Beratungsgespräche?“, lobt Django Asül die CSU-Politikerin, die am Mittwoch nicht im Publikum sitzt. Eine „All-Inclusive-Abschiebung“ sei das.

Aigners „Klosterfrau-Seite“

CSU-Kronprinzessin und Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, die kürzlich ihre Machtansprüche öffentlich bekräftigt hatte, sich aber gleichzeitig von einem Ellbogenstil a la Söder unverblümt distanzierte, widmet Django Asül gleichfalls eine Passage. „Das ist wahrlich nicht mehr die zögerliche Ilse Aigner von früher. Das ist schon Hillary Clinton mit einem Schuss Klosterfrau Melissengeist.“ Aus Reihen der Grünen bekommt Landtagsfraktionschefin Margarete Bause eine Breitseite mit, die 2017 vom Landtag in den Bundestag wechseln will. „Sollte sie in Bayern wider Erwarten tatsächlich eine Lücke hinterlassen, soll sie bitte nicht den Hofreiter als Ersatz schicken“, gibt er ihr mit auf den Weg.

Landtagspräsidentin Barbara Stamm, ausgestattet mit einem scharfen Auge für Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen, war dieses Jahr dem Maibock-Anstich im Hofbräuhaus ferngeblieben. Schon wurde geargwöhnt, dass ihre Absage eine Statement gegen kabarettistische Zügellosigkeiten sein könnte. Nach dem Spott über CSU-Ministerinnen auf dem Nockherberg und einem öffentlichen Nachtarock von Paulaner-Chef Andreas Steinfatt hatte sie kürzlich ihren persönlichen Boykott der Traditionsveranstaltung verkündet. Doch Django Asül und der Maibock sind für sie ein anderer Fall, schon vorab hatte sie ihm für etwaige Seitenhiebe Absolution erteilt. Er spiele auf der „Klaviatur des Kabaretts wie kaum ein Zweiter“, sagte sie. Stamms Alternativprogramm am Mittwochabend kann jedoch so oder so als Statement verstanden werden: Eine Veranstaltungsreihe im Landtag, die die Bedeutung der Frauen in den Fokus rückt. Thema dieses Mal: „Starke Frauen in der Wirtschaft“.

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