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Migration

Für die Retter hat sich der Wind gedreht

Die Welle der Begeisterung ist vorbei. „Sea-Eye“-Gründer Michael Buschheuer lässt sich davon aber nicht beirren.
von Claudia Bockholt, MZ

Michael Buschheuer überlässt die Mittelmeermission derzeit Freiwilligen, die, wie er meint, bessere Seeleute seien als er. Er kämpft von der Oberpfalz aus für sein Anliegen.Foto: Bockholt

Regensburg.Ein rauer Wind weht Michael Buschheuer ins Gesicht. Dabei war er schon lange nicht mehr an Bord der Sea-Eye. Die Mittelmeermission überlässt der Regensburger derzeit Freiwilligen, die, wie er meint, bessere Seeleute seien als er. Der Unternehmer bleibt an Land, streitet, wirbt und kämpft von der Oberpfalz aus für sein Anliegen. Sturköpfiger denn je, wie er gerne einräumt.

An Pfingsten hat er die zehn Holzkreuze erneuert, die auf der Jahn-Insel in der Donau an zehn ertrunkene Flüchtlinge erinnern sollten. An Ostern hatte die „Sea Eye“ über 200 Flüchtlinge an Bord genommen und war selbst in Seenot geraten.1200 Menschen wurden an den Feiertagen von freiwilligen Helfern gerettet, zehn starben.

Noch vor einem Jahr wurden der Unternehmer Buschheuer und sein Projekt auf einer warmen Welle der Empathie und Begeisterung getragen. Es flossen großzügige Spenden für seinen umgebauten Fischkutter „Sea Eye“, der vor der libyschen Küste Flüchtlinge vor dem Tod auf hoher See bewahrt. Nur in Ausnahmefällen nehmen die Schiffe selbst Schiffbrüchige an Bord. Im Normalfall versorgen sie Bootsinsassen mit Rettungswesten, Wasser und Sonnenschutz – bis die Seenotrettungsleitstelle MRCC in Rom Hilfe schickt. 250 000 Euro kostete der „Sea Eye“-Einsatz, noch einmal 100 000 das zweite Schiff „Seefuchs“.

Kritik an NGOs wird lauter

2016 reichten die Spenden. Doch der Wind hat gedreht, die Kritik an den NGOs, den Nicht-Regierungsorganisationen, wird lauter. Die Spendenbereitschaft ist gesunken. Wenn es so weitergeht, liegen die Kutter, die bis dato 8000 Menschen vor dem Tod bewahrt haben, demnächst auf dem Trockenen. Vorläufiger Höhepunkt der negativen Schlagzeilen waren im Frühjahr schwerwiegende Vorwürfe des italienischen Staatsanwalts Carmelo Zuccaro aus Catania. „Wir haben Belege dafür, dass einzelne NGOs mit Menschenhändlern in Libyen direkten Kontakt unterhalten“, hatte er behauptet.

Beihilfe zum Menschenhandel also. „Alle längst widerlegt“, sagt Buschheuer. Ob es nützt? Sein Kollege von „Sea Watch“ sagte vor dem Parlament in Rom: „In Deutschland haben wir ein Sprichwort: Wenn Du mit Dreck beworfen wirst, bleibt immer ein bisschen Dreck hängen. Und das ist das, was zurzeit mit uns NGOs passiert.“

Italien fühlt sich mit der Betreuung der Geflüchteten überfordert und hat gedroht, seine Häfen für Boote ausländischer NGOs zu sperrren.

Rettung stärkt das Geschäftsmodell

Es sind allerdings keineswegs nur Dreckschleudern, die vor dem „Pullfaktor“ warnen. Der Direktor der Europäischen Grenzschutzbehörde Frontex tut es, ebenso hochrangige Politiker in Brüssel und Berlin. So sagt etwa Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, dass Rettung im Mittelmeer „zwar erforderlich und dringend geboten“ sei, allerdings auch das Geschäftsmodell der Schlepper stärke. Unumstritten ist, dass die Profiteure der Not immer mehr Menschen in immer seeuntauglichere Schlauchboote pferchen und darauf spekulieren, dass die Flüchtlinge, haben sie einmal die libyschen Hoheitsgewässer verlassen, rasch aufgelesen und in Sicherheit gebracht werden.

Tatsächlich ist der Radius, innerhalb dessen die Migranten und Flüchtlinge aus Nordafrika von der Seenotrettung aus dem Meer gefischt werden, in den letzten Jahren deutlich kleiner geworden. Dass ein funktionierendes Rettungsnetz immer mehr Menschen auf die Boote treibt, das bestreitet jedoch eine gerade veröffentlichte Studie zweier Wissenschaftler der englischen Universität Oxford. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Search-and-Rescue-Operations (SAR), die Such- und Rettungseinsätze, nicht als Magnet wirken.

Tatsächlich sei in der Zeit zwischen dem Auslaufen der Marineoperation „Mare Nostrum“ und dem Start der Frontex-Operation Triton – bezogen ausschließlich auf den Zeitraum, in der wegen des ruhigeren Meeres stets besonders viele Menschen die Flucht antreten – sogar eine höhere Zahl von Migranten und Flüchtlingen in Italien angelandet. Parallel war die Zahl aus dem Mittelmeer geborgenen Toten besonders hoch. Die Wissenschaftler machen aus ihrem humanitären Grundansatz keinen Hehl und merken kritisch an, dass Europa mit dem Wort „Flüchtlingskrise“ nur seine Probleme meint, die Menschen zu verteilen und unterzubringen – nicht aber das tausendfache Sterben auf See.

Charity-Veranstaltung für Sea-Eye

  • Eine Charity-Veranstaltung

    zugunsten von Sea-Eye findet am Sonntag, 16. Juli, ab 16 Uhr auf der Piazza Straßberger, Friedrich-Niedermayerstrasse 44, in Regensburg statt. Der Eintritt kostet 48 Euro. Das Duo Italiano, Rocky Verardo und Richie Necker, spielt bei dieser „Festa Belissima“ mit musikalischem und kulinarischem Programm.

  • Überweisung des Eintrittspreises

    bis 30. Juni auf das Konto von Peter Straßberger, HypoVereinsbank Regensburg, IBAN: DE97 7502 0073 0023 1463 12, SWIFT: HYVEDEMM447 (bei Überweisung E-Mail-Adresse angeben!)

Michael Buschheuer verschließt nicht seine Augen vor den Problemen, die die Migration mit sich bringt: „Man kann nicht Europas Tore für Afrika öffnen. Aber man kann die Flüchtlinge nicht dem Tod überlassen.“ Er versteht, dass nach der Zeit des unkontrollierten Zustroms und den Pannen im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Unsicherheit in der Bevölkerung herrscht. Die Kritik müsse jedoch die Behörden treffen, nicht die Asylbewerber.

Selbst für die konsequente Abschiebung abgelehnter Asylbewerber spricht er sich aus: „Meinetwegen darf sich die Rückführung verzehnfachen.“ Die christlichen Werte, die ihm seine Eltern mitgegeben haben, will Buschheuer jedoch auf keinen Fall über Bord werfen. Deshalb ist in seinen Augen jeder Deal mit der libyschen Regierung, die Europa die unerwünschten Flüchtlinge vom Hals halten soll, absolut tabu. „Das sind Mörder!“ Den Menschen, die von der Küstenwache aufgegriffen werden, drohten KZ-ähnliche Lager, Erschießungen, Aussetzungen. „Es verbietet sich, auch nur daran zu denken“.

Während den Regensburger Rettern allmählich das Geld ausgeht, streitet Europa weiter um die Verteilung von 120 000 Menschen. Viele Millionen Flüchtlinge leben derweil in Ländern, die wirtschaftlich deutlich schlechter dastehen als die der EU: Weit vorne liegen Jordanien, Türkei, Pakistan, der Libanon. Das Welternährungsprogramm und das UN-Flüchtlingshilfswerk sind weiterhin dramatisch unterfinanziert.

Sehen Sie hier Bilder von einer vergangenen Rettungsaktion:

Sea-Eye rettete Flüchtlinge im Mittelmeer

Immer wieder müssen in Flüchtlingslagern – kurz vor Beginn der Flüchtlingskrise waren es die in Syrien und Jordanien, zuletzt Lager in Afrika – die Lebensmittelrationen gekürzt werden. Deutschland bezahlt rund 20 Milliarden Euro jährlich für Flüchtlinge im eigenen Land, stellte dem UNHCR im vergangenen Jahr aber nur 370 Millionen Dollar zur Verfügung – Geld, das zwar nicht Fluchtursachen bekämpft, aber doch die heimatnahe und angemessene Unterbringung Geflüchteter gewährleisten kann.

Michael Buschheuer sagt, er glaube nach wie vor an das Gute im Menschen – doch es ist zu spüren, dass er es manchmal Leid wird, die immer gleichen Vorwürfe zu hören, dass er es müde wird, seinen Einsatz und den seiner Mitstreiter zu rechtfertigen. Neuerdings sieht er sich auch noch einer Kampfflotte von österreichischen Identitären gegenüber, die im Internet unter dem Titel „Die Invasion stoppen – Europa verteidigen!“

Geld für eigene Boote gesammelt haben. Sie sollen die NGOs im Mittelmeer davon abhalten, Flüchtlingen zu helfen. Ein inhumanes und illegales Unterfangen: Nach Internationalem Seerecht sind alle Schiffe verpflichtet, ihre Fahrt zu unterbrechen, um Schiffbrüchige aufzunehmen. Trotzdem hatten die rechten Aktionisten das avisierte Ziel von 50 000 Euro schon erreicht, als der Online-Bezahldienst PayPal deren Konto einfror.

65 000 Menschen sind seit Jahresbeginn über die gefährlichste Fluchtroute, das Mittelmeer zwischen Libyen und Italien, nach Europa gekommen. 1800 sollen ertrunken sein. Die Dunkelziffer, sagt Buschheuer, sei „brutal hoch“. Jetzt, in der warmen Jahreszeit, kommen noch mehr. Doch es ist kälter geworden in Europa. Die Anwürfe aus Italien sind zwar vorübergehend verstummt.

Die Seenotretter wurden im Mai vom Schengen-Ausschuss des Parlaments angehört. „Wir sind nicht daran interessiert, Fluchtbewegungen anzuheizen oder den Schleusern in die Hände zu spielen“, versicherte Buschheuer in der Anhörung. Offenbar sind die Abgeordneten nun beruhigt.

Keine positive Prognose

Zum Weltflüchtlingstag legte das UN-Flüchtlingskommissariat vor wenigen Tagen aktuelle Zahlen vor: Noch nie waren so viele Menschen weltweit auf der Flucht wie im vergangenen Jahr. Die Prognose ist nicht positiv. Die Einheit Europas wird weiterhin herausgefordert sein, seine Belastbarkeit, auch die Menschlichkeit. Für die, sagt Buschheuer, kann es keine Obergrenze geben. Das Problem, dem sich Europa gegenübersieht, sei nicht auf See entstanden und es sei auch nicht auf See zu lösen.

Die zehn Kreuze auf der Donau-Insel stehen noch. Sollten sie herausgerissen werden, wird Buschheuer erneut zehn Holzkreuze bauen lassen und aufstellen. Seinem starken Willen kann der Gegenwind nichts anhaben. Nur die Leichtfüßigkeit, mit der er früher durchs Leben ging, sei ihm abhanden gekommen. Sie muss irgendwo, irgendwann in dieser mühsamen Schlacht zwischen den Fronten im Mittelmeer über Bord gegangen sein.

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