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Gastlichkeit in der 14. Generation

Bodenständig und gut: Der Seidlbräu in Mainburg wird auch von prominenten Musikern des Open-Air-Festivals Holledau geschätzt.
Von Thomas Dietz, MZ

Die 13. und die 14. Generation im Mainburger Seidlbräu: Gerhard und Waltraud Köglmeier mit Sohn Karl, dem weit gereisten Küchenchef. Foto: Gabi Schönberger

Mainburg.Seniorwirt Gerhard Köglmeier zieht ein altes, schwarz-weißes Faltblatt hervor: „So hat’s hier damals ausgeschaut“, sagt er. „Brauerei-Gasthof Seidlbräu, Mainburg“, liest man da, „gemütliches und beliebtes Speiselokal. Unser Haus ist im heimischen Stil eingerichtet und vermittelt wirkliche Gemütlichkeit. Der schattige Wirtsgarten abseits vom lauten Lärm der Welt ist das Ziel vieler Gäste.“

Daran hat sich im Prinzip nichts geändert. Die Gaststube blieb im älteren Teil mit den Stammtischen und dem grünen Kachelofen im Zustand von 1936. Natürlich ist heute alles behutsam modernisiert und viel komfortabler, als es der Prospekt zeigt. Er muss übrigens Anfang der 60er Jahre hergestellt worden sein, denn vor dem Gasthof in der Liebfrauenstraße steht ein cremefarbener Opel Rekord P2.

Und welcher Gasthof hat schon eine ungebrochene Familientradition in der 14. Generation! 1793 kaufte Josef Seidl, Müller aus Schierling, die „Münsterer Braustätte Hs.-Nr. 7“, in der schon 1619 Bier gebraut wurde und nannte sie fortan „Seidlbräu“.

Durch Heirat änderten sich die Namen von Seidl auf Neumayr. Am 1. Juni 1983 übernahm Traudl Köglmeier, geb. Neumayr mit ihrem Mann Gerhard den Seidlbräu. Sie führen das denkmalgeschützte Haus mit neuem Hotel heute zusammen mit ihrem Sohn Karl (37), der Küchenchef ist und seine Ausbildung bei der Familie Inselkammer in Aying begann. Nach Stationen in Schweden, England, Italien, Kanada und der Schweiz kehrte er in die Hallertau zurück und trat in die Fußstapfen seiner Vorfahren.

Die sensationelle Breznfüllung

Heute ein Brunnen: Bronze-Armaturen am einstigen „Läuterbecken“ Foto: Gabi Schönberger

Seine Küche ist ehrlich, bodenständig und gut, auf der Speisekarte finden sich z. B. Tafelspitz mit Rahmkohlrabi, karamellisierter Ziegenkäse mit Walnüssen und Honig oder Holunderblütenparfait im Baumkuchenmantel mit frisch marinierten Erdbeeren. Als die Abendschau hier im Februar einen Beitrag drehte, war „das Team ganz narrisch auf mein Rezept der Schweinsbrust mit Breznfüllung und Serviettenknödel“, erinnert sich Karl Köglmeier lächelnd. Eine Köstlichkeit, die im Seidlbräu 7,90 Euro kostet.

Dass in dem mindestens 400 Jahre alten Haus eigentlich immer was los ist, liegt auch an dem reichen Mainburger Vereinsleben, das hier noch eine größere Rolle spielt als anderswo. Im täglichen Wechsel treffen sich die Schützengesellschaft Schüsselhausen, die Schützengemeinschaft Concordia und die Liedertafel Mainburg, am Nebentisch sitzen fröhliche Schafkopfer neben Geschäftsreisenden – der Mainburger Hopfen wird schließlich in 90 Länder dieser Erde verkauft.

Der Kriegerverein (mit Fahne von 1875) im schattigen Biergarten. Foto: Gabi Schönberger

Am jedem ersten Montag im Monat versammelt sich der Krieger- und Soldatenverein Mainburg von 1845: „Der älteste Mainburger Verein mit der ältesten Vereinsfahne Mainburgs“, sagt Vorstand Erich Frank im Biergarten unter der großen Kastanie. „Die Fahne von 1875 fanden wir 2009 auf dem Dachboden des Heimat- und Hopfenmuseums. Auf Dachböden von Heimatmuseen findet sich manches.“

Acht von 123 Mitgliedern haben noch im letzten Weltkrieg gekämpft. Gelegentlich reist der Verein mit dem Volksbund durch Europa, kümmert sich um alte und neue Kriegsgräber.

Manche kostbare, historische Schützenscheibe hängt im Seidlbräu dekorativ an der Wand, im Keller gibt es eine Schießanlage für Luftgewehre und im Nebenraum steht der Fahnenschrank des Kriegervereins. Aus alter Zeit ist noch eine Kachel mit dem Brauereipferd Frieda erhalten.

Ganz erstaunlich: das Gästebuch

Kostbar und hochinteressant: die historischen Schützenscheiben Foto: Gabi Schönberger

Die Brauerei, die nichts mehr abwarf, haben Karl Köglmeiers Großeltern 1970 aufgegeben. Von ehedem sechs Braustätten in Mainburg hat nur das Familienunternehmen Zieglerbräu überlebt. Der Seidlbräu wird von Hacker-Pschorr, also Paulaner beliefert, das Weißbier stammt von Huber aus Freising. Die Bronzerohre und -hebel des sog. Läuterbeckens aus Brauereizeiten dienen heute als Brunnen.

Als erstaunlich erweist sich aber das Gästebuch der Familie Köglmeier. Im Seidlbräu wohnten und schmausten nicht nur die üblichen Leckermäuler wie Carolin Reiber, Karel Gott, Roberto Blanco, Haindling oder Hansi Hinterseer mit seiner Mutter. Helmut Schmidt war hier. Der Autor Erich von Däniken schrieb „Keine Angst vor kühnen Gedanken!“ ins Buch. „Sehr richtig!“, kommentiert Traudl Köglmeier und lacht. Das Open-Air-Festival Holledau in Empfenbach (heuer vom 3. bis 5. Juli) wirft lange Schatten. Und so sehen wir auch lobende Kommentare der Spider Murphy Gang, Uriah Heep (gegründet 1969) oder von Nina Hagen: „Die war unglaublich nett“, erinnert sich die Wirtin, „und sie hatte eine Figur wie ’n junges Mädchen.“

„Aber am Sensationellsten fand ich Graeme Revell“, meint Karl Köglmeier, der gerade aus der Küche kommt und zweimal „Strammen Max“ zubereitet hat. „Dieser geniale Filmkomponist, der für den Quentin-Tarantino-Film ,From Dusk Till Dawn‘ den Soundtrack geschrieben hat. Der saß da hinten an Tisch sechs. Wahnsinn.“

Das Buch

  • Der Nachfolgeband

    „50 historische Wirtshäuser in Niederbayern“ heißt der Nachfolgeband zu den erfolgreichen „50 historischen Wirtshäusern in der Oberpfalz“. Hier werden all die Wirtshäuser beschrieben, denen es gelungen ist, mit Charme und Charakter so manchen modernen Unarten zu trotzen.

  • Viele Bilder

    Ausgestattet ist das Buch mit vielen Bildern von Gerald Richter und anderen namhaften Fotografen. Die Texte stammen von Franziska Maria Gürtler, Sonja Jessica Schmid und Dr. Peter Morsbach. Verlag Friedrich Pustet/ Dr. Peter Morsbach Verlag, Regensburg. Hardcover, 200 S., viele Fotos, 24,95 Euro.

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