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Dienstag, 26. September 2017 19° 5

Kommentar

Guttenbergs Comeback

Ein Kommentar von Christine Schröpf, MZ

Die Trump-Ära mit ständig neuen Ungeheuerlichkeiten aus dem Weißen Haus, die Verrücktheiten der britischen Brexit-Erzwinger oder die Zertrümmerung demokratischer Werte durch den türkischen Regierungschef Recep Erdogan haben das politische Schmerzempfinden nach unten geschraubt. Klein mutet im Vergleich die Plagiatsaffäre Karl-Theodor zu Guttenbergs an, die 2011 Deutschland bewegte und dieser Tage wieder ins Bewusstsein rückt, weil der frühere Bundesverteidigungsminister im Bundestagswahlkampf ein politisches Comeback austestet. Es stellt sich die Frage nach dem Verfallsdatum seiner Affäre. Kann einer wie er, der nicht nur bei seiner Doktorarbeit betrogen hat, sondern sein Vergehen danach erst leugnete, bevor er es scheibchenweise eingestand, bald wieder politische Verantwortung tragen?

Bei anderen, die auf ihre Weise gefehlt haben, ist die Rückkehr geglückt. Grünen-Parteichef Cem Özdemir hat den Skandal um Bonusmeilen und den Kredit eines PR-Beraters, dem 2002 sein vorläufiger Rückzug folgte, ohne dauerhaften Schaden für sein Ansehen überstanden. Gleiches gilt für den Linken-Politiker Gregor Gysi und seinen Bonusmeilen-Skandal im gleichen Jahr. Prominentestes Beispiel eines politischen Überlebens in früheren Jahren ist CSU-Größe Franz Josef Strauß, der 1962 trotz Spiegel-Affäre und Rücktritt als Bundesverteidigungsminister unaufhaltsam weiter Karriere machte. Doch es gibt auch die vielen anderen Biografien, für die ein Sturz ein Ende ohne Wiederkehr bedeutete: Der frühere SPD-Ministerpräsident Björn Engholm ist hier zu nennen. Er hatte vorgetäuscht, nicht gewusst zu haben, dass er von CDU-Mann Uwe Barschel bespitzelt wurde – und so die eigene Glaubwürdigkeit verspielt.

Wohin sich für Guttenberg die Waage neigt, wird sich am Ende des Bundestagswahlkampfes zeigen. Bei seinen Auftritten quer durch die bayerischen Regierungsbezirke wird klar werden, ob er neben neuem politischen Sendungsbewusstsein auch die nötige Demut vermittelt.

Guttenberg stößt offensichtlich bei vielen auf große Bereitschaft, ihm zu verzeihen. Das zeigt der Andrang, den die CSU bei seinen Veranstaltungen verzeichnet. Es ist ein Vorschuss an neuem Vertrauen, der rasch verspielt werden kann, falls die Zuhörer spüren, dass er aus seinen Fehlern nichts gelernt hat.

Doch wenn Guttenberg im Herbst 2017 alles richtig macht, bekommt er in der CSU ein Freiticket für ein echtes Comeback. Parteichef Horst Seehofer wird es ihm gerne in die Hand drücken – nicht allein, weil Guttenberg das Mächteverhältnis unter den CSU-Kronprinzen neu austariert und das Potenzial hat, die Wege von Finanzminister Markus Söder zu stören.

Die größten Guttenberg-Fans wähnen ihn nach der Bundestagswahl bereits an der Spitze des Bundesaußenministeriums. Eine kühne Idee, ohne Erfolgsaussicht. Sie wäre mit Kanzlerin Angela Merkel wohl noch weniger zu machen, als Seehofers Obergrenze für Flüchtlinge. Ein Platz in Berlin im Jahr 2017 steht für Guttenberg nicht zur Debatte. Er muss – wie andere Gestrauchelte – wieder von vorne anfangen, vielleicht als Kandidat bei der Landtagswahl, mit Aussicht auf einen Posten im nächsten Seehofer-Kabinett.

Im Schachspiel der Macht in der CSU wäre er beim Neustart nur eine wichtige Figur neben anderen. Er müsste sich daran gewöhnen – anders als vor seinem Fall – nicht länger scheinbar konkurrenzlos zu sein, bereit zum Sprung in die höchsten Ämter seiner Partei. Zur selbstbewussten Konkurrenz zählen nun neben Söder auch der Europapolitiker Manfred Weber und Bundestagsspitzenkandidat Joachim Herrmann. Nicht zu vergessen: Horst Seehofer selbst. Er gewährt einem geläuterten Guttenberg zwar Absolution. Als CSU-Chef und Ministerpräsident will er sich aber nicht aus dem Sattel stoßen lassen. Fährt Seehofer bei der Bundestagswahl im 24. September nur annähernd das Ergebnis vom letzten Mal ein, ist er fürs Erste ohnehin ziemlich unanfechtbar.

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