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Bayern
Freitag, 15. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Hauptsache nicht auf die Mittelschule

Die MZ setzt die Erziehungsreihe mit Ludwig Haas fort. Diesmal geht es um den Übertritt – ein stressiges Jahr für Schulkinder
Von Ludwig Haas

Wenn das Übertrittszeugnis ansteht, werden Schüler und Eltern nervös. Dabei ist der Druck völlig unnötig, meint Erziehungsexperte Ludwig Haas. Foto: dpa

Regensburg.In meinen neun Jahren an der Europäischen Schule Luxemburg konnte ich den Kollegen aus 27 EU-Ländern viel über Deutschland erklären, aber eines nicht: Warum wir im Schulbereich als einziges Land neben Österreich Kinder im Alter von zehn Jahren aussieben. Die Skandinavier waren entsetzt. „Wie könnt ihr Kinder mit zwei Stellen nach dem Komma benoten? Noch dazu in deren Entwicklungsphase? Was hat das mit Pädagogik zu tun? Für Fachleute wird die Schule zu einer Sortieranlage, einer Stätte des Turbo-Lernens und Notensammelns statt eines Orts der Integration, Förderung und Lernfreude.

Die negativen Begleiterscheinungen und schulischen Kollateralschäden sind bekannt. Hoher Leistungsdruck und Dauertests bei verängstigten Schülern, verzweifelte und übernervöse Eltern, viele Tränen bei den Kindern, gestresste Lehrkräfte. Alles im „Übertrittsjahr des Grundschulabiturs“, in dem die entscheidende Zuteilung von Lebenschancen erfolgt, dem alleinigen Jahresziel untergeordnet.

Zwischen Aufstieg und Abstieg

Für die einen bedeutet ein Notenschnitt von 2,33 beziehungsweise 2,66 in Mathematik, Deutsch und Heimat- und Sachunterricht (HSU) einen Übertritt und Aufstieg in das Gymnasium beziehungsweise in die Realschule, den anderen bleibt der Weg und „Abstieg“ in die Mittelschule – so die weitläufige Volksmeinung.

Ganze Familienverbände lernen mit dem Kind. Vater übt hauptsächlich Mathe, Mama ist für Diktate und Abfragen in HSU zuständig. Deshalb freut man sich auch gemeinsam: „Wir haben eine Zwei in Mathe geschrieben!“ Andere weinen, wenn sie nur eine Drei nach Hause bringen, warten nervös auf die Testresultate oder können nicht richtig schlafen.

Kinder nehmen mehrfach die Woche ganzjährig am Übertrittstraining von Nachhilfestudios oder privaten Nachhilfelehrern teil, bekommen schon mal Fußballtraining oder Klavierunterricht gestrichen, wenn die Noten nicht stimmen. Die Kinder haben dabei oft Angst, die hohe Erwartungshaltung der Eltern nicht erfüllen zu können, wie viele Schulpsychologen berichten. Sie stellen auch fest, dass der Notendruck und das Selektionssystem schon bei Zehnjährigen ein starkes Konkurrenzdenken auslöse. Und das in einem Alter, in dem in Resteuropa noch gemeinsam gelernt und nicht ständig ein Gedanke an den Übertritt verschwendet wird.

Auch die Lehrer bekommen den Druck zu spüren. Eltern feilschen mit den Lehrkräften um Zehntelnoten, setzen sie dadurch unter Druck, fordern Noten- und Testüberprüfung, klagen notfalls wegen der lebenswichtigen Noten, verabreichen Medikamente gegen Prüfungsstress oder legen Atteste über Legasthenie oder ADHS vor. Alle Register werden gezogen, damit die Kinder ja aufs Gymnasium, zumindest auf die Realschule, aber nicht auf die ungeliebte Mittelschule kommen. Aus Elternsicht verständlich und legitim, denn wer versucht nicht, das Beste für sein Kind herauszuholen?

„Dabei hat eine Prognose aufgrund kognitiver Leistungen von Zehnjährigen keine Aussagekraft für die Einschätzung der Lernpotenziale“, wie BLLV-Präsident Klaus Wenzel feststellt. Manche Bildungsexperten kritisieren die Lehrerprognosen für die richtige Schulform als „staatlich verordnete Hellseherei“. Denn diese Frühauslese ist unpädagogisch, ungerecht, nicht kind- und begabungsgemäß – und vor allem nicht zeitgemäß, da das dreigliedrige Schulsystem aus der Zeit vor 100 Jahren stammt.

Noten sind mehr als Wissen

Ludwig Haas gibt wöchentlich Erziehungstipps in der MZ

Kritiker monieren, dass Noten von Klasse zu Klasse, von Schule zu Schule, von Region zu Region variieren. Soziale Herkunft, Fleiß, Mitarbeit und Verhalten fließen in die Noten mit ein. Vor allem Jungen im Alter von zehn Jahren sind den Mädchen entwicklungsmäßig – besonders sprachlich und motorisch – unterlegen, nehmen aber trotzdem am Notenwettlauf teil. Das produziert schon früh Tausende von Bildungsverlierern.

Was von den Prognosen zu halten ist, zeigen Zahlen aus dem Kultusministerien für das Jahr 2011/12, wo pro Jahrgangsstufe etwa jeder fünfte Gymnasiast auf andere Schularten abging. An den Realschulen war es jeder achte. Die vielgepriesene Durchlässigkeit ist damit als eine Einbahnstraße nach unten anzusehen. Das frühe Ausleseverfahren, das ohne Not für viel Stress sorgt, wird somit der individuellen Entwicklung der Kinder in keinem Fall gerecht. Noch dazu weiß man, dass mittlerweile etwa 20 Prozent der Schüler über die Fachoberschule zum Studium gelangen. Ein Umdenken in Richtung längeres, gemeinsames Lernen ist deshalb mehr als angebracht.

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