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Bayern
Montag, 20. November 2017 3

Trauer

Internet-Friedhof: 19 Euro für die Ewigkeit

Auf dem Erinnerungs-Portal „Emorial“ kann man Menschen gedenken – wer möchte, sogar für immer und ewig.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

Anton Stuckenberger (links) und Martin Kunz in ihrem Kellerbüro in Feldmoching Foto: Meyer-Tien

München. Wer einen der jüngsten Friedhöfe Münchens besuchen möchte, der muss in den Keller. In den Keller eines unscheinbaren Wohnhauses im Stadtteil Feldmoching, fast neben der Feuerwehr, unweit der Dorfkirche. Ein gelbes Schild am Eingang weist dem Besucher den Weg: Emorial steht in Schwarz darauf geschrieben, eine weiße Unendlichkeitsschleife ziert den Hintergrund. „Bei uns ist alles etwas anders“, sagt Martin Kunz lächelnd, „und auch nicht so traurig.“

Treffpunkt für Freunde

Emorial.de, das ist der angeblich größte Internetfriedhof Deutschlands. Den haben der Journalist Martin Kunz und sein Sandkastenfreund, der Softwareentwickler Anton Stuckenberger, im April 2008 gegründet. Anlässlich eines runden Abiturtreffens suchten sie im Internet nach einem Ort, an dem sie eines verstorbenen Mitschülers gedenken könnten – und fanden nichts, was ihnen zusagte. So kam die Idee: Ein würdiges Trauerportal zu schaffen, das Freunden und Angehörigen die Möglichkeit gibt, einem Verstorbenen im Internet ein Denkmal zu setzen.

Von der Idee zur fertigen Seite verging eine ganze Weile. Kunz und Stuckenberger ließen eine Marktanalyse erstellen, suchten Entwickler und Grafiker, bastelten am Layout. „Allein den richtigen Gelbton für den Hintergrund zu finden, hat eine Ewigkeit gedauert“, erinnert sich Stuckenberger. Seriös sollte die Seite sein, sich abheben von den Angeboten im Netz, auf denen es blinkt und funkelt. Von Seiten, auf denen es schon einmal vorkommt, dass direkt neben der Todesanzeige Werbung für eine Partnervermittlung gemacht wird.

Das Geschäft mit dem Tod im Netz ist eine Gratwanderung. Denn auch Kunz und Stuckenberger wollen natürlich Geld verdienen mit der Seite, in die sie „einen beträchtlichen Teil der Altersvorsorge“ investiert haben.

Gleichzeitig aber soll ihr Angebot für alle offen bleiben, wie ein realer Friedhof, auf dem auch jeder spazieren gehen, eine Kerze anzünden, Blumen niederlegen kann. Und natürlich keine Werbung sieht. Kunz und Stuckenberger berechnen daher, wie jede Friedhofsverwaltung, Geld für die Einrichtung einer Gedenkseite. 19 Euro kostet das, dafür kann der Benutzer Fotos und Videos hochladen und Texte schreiben. Freunde und Verwandte können, wenn sie sich registriert haben, kostenlos Kerzen anzünden und Nachrichten hinterlassen – auf Wunsch auch in einem geschützten Familienbereich, der nur von denen geöffnet werden kann, die das Passwort dafür haben. So bleibt die Erinnerung an den Verstorbenen auch im Netz lebendig, auf Wunsch für immer: „19 Euro für die Ewigkeit“, sagt Martin Kunz.

Schon seit längerem beobachten Experten einen Trend hin zur virtuellen Trauerbewältigung. Auch Alexander Helbach von Aeternitas, einer Verbraucherorganisation zur Bestattungskultur: „So wie immer mehr Bereiche des Lebens heute ihre Entsprechung im Netz finden“, sagt er, „so auch der Abschied, das Gedenken und die Trauer.“ Natürlich könne eine virtuelle Grabstätte den realen Friedhof nicht ersetzen, fährt er fort, „aber es kann eine sinnvolle Ergänzung sein“. Gerade dann, wenn die Angehörigen nicht alle im selben Ort wohnen. Dann könne auch ein Onlinegrab eine Gedenkstätte sein, und ein Onlinefriedhof oder ein Trauerportal werde zum Treffpunkt der Angehörigen und Freunde.

Eine Beobachtung, die auch Kunz und Stuckenberger immer wieder machen. „Da wird wirklich Trauerarbeit geleistet, wir waren selber sehr erstaunt“, sagt Kunz. „Lieber Vati“, schreibt zum Beispiel eine Jenny auf der Gedenkseite für ihren Vater, „du weißt ja, dass ich jeden Tag in Gedanken bei dir bin. Es ist schon zu lang, dass du weg bist, kannst du nicht einfach wiederkommen?“. Und ihre Schwester schreibt ein paar Tage später: „Heute war es wieder ganz schön schlimm – ich habe geweint und dich ganz doll vermisst. Aber ich denke, du bist oft sehr nah!“

Seriös und transparent

Seriös und transparent, dabei kreativ und ansprechend muss ein Online-Friedhof sein, sagt Alexander Helbach. Denn schon längst sind Kunz und Stuckenberger nicht mehr allein im Netz: memorta.com, geh-den-weg.de oder respectance.com sind nur einige Konkurrenten der Jungunternehmer. Erst kürzlich stieg auch Ex-Focus-Chefredakteur Helmut Markwort mit der Seite stayalive ins Geschäft ein. Kunz und Stuckenberger sind dennoch zuversichtlich: 2011 wollen sie mit ihrer Seite zum ersten Mal Geld verdienen.

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