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Mittwoch, 17. Januar 2018 9

Kurios

Inventur im Haifischbecken

Im Großaquarium Sea Life München werden jedes Jahr im Januar alle Bewohner erfasst. Doch wie zählt man Fischschwärme?
Von Isolde Stöcker-Gietl

Im Januar werden alle Bewohner gezählt – auch die Besucher des Sea Life München dürfen den vier Aquaristen dabei behilflich sein. Fotos: Stöcker-Gietl

München.Gonzales weiß schon Bescheid. Als Aquarist Serdar Karagöz das Winkelmaß in die Hand nimmt, bleibt die Grüne Meeresschildkröte ganz ruhig im Wasser und lässt sich den Panzer vermessen. 94 Zentimeter. Das 107 Kilo schwere Tier – auch das wurde für die Inventur schon ermittelt – lässt sich den Kopf tätscheln, schnappt sich ein Salatblatt und dreht wieder ab. Jedes Jahr im Januar machen die vier Aquaristen im Münchner Sea Life eine Bestandsaufnahme. Die tausenden Meeresbewohner müssen gezählt, gemessen und gewogen werden. Was im Supermarkt in ein paar Stunden zu bewältigen ist, ist in einem Großaquarium eine aufwendige Sache. Denn nicht alle Bewohner verhalten sich so vorbildlich wie Publikumsliebling Gonzales.

„Schaut in jede Ecke“

Aquarist Serdar Karagöz hat deshalb inzwischen seine ganz eigenen Methoden entwickelt, wie er Kindern einer sechsten Klasse am Münchner Käthe-Kollwitz-Gymnasium erzählt. Die Schüler durften dem Experten, der seit zehn Jahren die Meeresbewohner in dem Großaquarium betreut, am Donnerstag helfen, einige wichtige Daten zu erfassen. „Schaut in jede Ecke, sucht in den Unterschlupfmöglichkeiten und zwischen den Pflanzen“, gibt der Aquarist als Tipp. Die Schüler sollen zunächst den Bestand in den drei Seepferdchen-Becken erraten. Das ist noch relativ einfach, da sich Seepferdchen meistens an etwas festhalten, um Energie zu sparen, erklärt Karagöz. Man muss also nur die bevorzugten Plätze kennen. Bis zu sieben Seepferdchen sind derzeit in jedem Becken untergebracht. Wenn die Männchen allerdings Nachwuchs auf die Welt bringen, könnten auf einen Schlag 300 bis 400 Tierchen dazukommen. Deshalb wird im Sea Life ein ausgeklügeltes Zuchtprogramm betrieben. Nachwuchs wird nur dann zugelassen, wenn es auch eine Nachfrage, zum Beispiel aus anderen Sea Life Aquarien, gibt. „Auf keinen Fall wollen wir, dass es zu einer sogenannten Qualzucht kommt“, betont Karagöz.

Sea Life München

  • Weltweit gibt es

    derzeit 51 Sea Life Aquarien, acht davon in Deutschland.

  • Im Sea Life München

    kann man rund 3000 Meeresbewohner kennenlernen. Das Aquarium befindet sich im Olympiapark.

  • Der Eintritt

    kostet 14,50 Euro pro Kind und 17,95 Euro pro Erwachsenen. Online gibt es eine Vergünstigung.

  • In diesem Jahr

    wird in München die Sondershow Oktopus Höhle gezeigt.

Rund 3000 große und kleine Meeresbewohner sind in den 39 Becken des Großaquariums in 700 000 Litern Wasser untergebracht. Die Fischbestände werden gesteuert und schwanken im überschaubaren Bereich, da die Becken den Tieren gute Lebensbedingungen bieten sollen. Umgesiedelt wird nur dann, wenn die Tiere zu groß geworden sind oder getrennt werden müssen. Wenn es nicht passt, werden auch Bewohner abgegeben. So wie ein Ammenhai, der sich gar nicht so gesellig verhielt, wie man es seiner Art eigentlich nachsagt. „Der musste dann in ein anderes Großaquarium umziehen“, erzählt Karagöz.

Die Grüne Meeresschildkröte Gonzales zu wiegen und zu vermessen ist für Aquarist Serdar Karagöz eine der einfacheren Aufgaben.

Im Kühlschrank wartet schon der nächste Kandidat auf seine „Inspektion“. Die Europäische Sumpfschildkröte, die Karagöz unter einem Bett aus Buchenblättern hervorholt, ist gerade in Winterstarre und verliert deshalb an Gewicht, wie er den Schülern erklärt. Zuletzt hat der Aquarist sie im Dezember gewogen, damals brachte sie noch über 400 Gramm auf die Waage, jetzt sind es noch 384. Mit einem Griff wird geprüft, ob noch Fettbestände da sind und ob es dem Tier gut geht. Dann geht es schnell zurück in den Kühlschrank, um die Schildkröte nicht allzu sehr zu stressen. Noch ein Vermerk in der Inventurliste und weiter geht es zu den Katzenhaien. Dort, im europäischen Mittelmeerbecken, herrscht heute ein aufgeregtes Gewimmel. „Sie haben Hunger und wollen etwas zu fressen“, sagt Karagöz. Aber für die Inventur wurde die Fütterung auf den Nachmittag verschoben.

In dieser Fruchtblase schwimmt ein Gefleckter Katzenhai. Sobald der Kopf größer ist als die Schwanzflosse wird er schlüpfen.

Nur 16 Grad hat das Wasser, in das der Aquarist nun beherzt hineingreift. Angst, gebissen zu werden, hat er nicht. Auch wenn die Katzenhaie bereits sehr aufmerksam um seine Hand herum schwimmen. Karagöz hat, bevor er seinen Job in dem Großaquarium angetreten hat, als Taucher gearbeitet und ist dabei Haien und Walen auf der ganzen Welt ganz nah gekommen. „Ich bin nie angegriffen worden“, betont er.

14 Hai-Babys werden schlüpfen

Die Kinder sind ganz aufgeregt, als der Aquarist eine Pflanze an die Wasseroberfläche zieht, in der in einer Art Fruchtblase ein Haibaby schwimmt. „Das ist rund vier Monate alt“, sagt Karagöz, der die Entwicklungsstadien genau kennt. Wenn der Kopf größer ist als die Schwanzflosse, dann wird der Gefleckte Katzenhai schlüpfen. Für die Bücher hält Karagöz fest, dass die Kinder 14 Hai-Eier in dem Becken gefunden haben. Über eine Tauschbörsen werden sie später an ihre neuen Standorte vermittelt, ein Teil bleibt auch in München. Dort ist man inzwischen so geübt, dass man fast alle bodenlebenden Haie züchten könne. „Die Meeresbiologie war immer ein Stiefkind in der Forschung, man hat nicht viel darüber gewusst. Das hat sich inzwischen geändert“, sagt der Aquarist. Er selbst habe aus seinem unmittelbaren Umgang mit den Meeresbewohnern alles gelernt, was für seine Arbeit wichtig sei.

Bleibt noch die Frage, wie man einen Schwarm aus Kleinfischen inventarisiert? Manchmal, sagt Karagöz, behilft man sich mit Fotoaufnahmen, die abgeglichen werden – und manchmal kann man einfach nur schätzen.

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