mz_logo

Bayern
Freitag, 15. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Jungs sind die Bildungsverlierer

Die MZ setzt die Erziehungsreihe mit Ludwig Haas fort. Diesmal geht es um die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen.
Von Ludwig Haas

Männliche Schüler erreichenin Deutschland deutlich seltener einen Abschluss als Mädchen. Foto: dpa

Regensburg.Sven (12) spielt täglich drei Stunden Computerspiele. Seine schulischen Noten sind mäßig. Sein Bruder Tim (14), Dauerfernseher und PC-Spiele-Freak, muss wahrscheinlich wiederholen. Schwester Lena (17) ist in den sozialen Netzwerken unterwegs, Computerspiele sind nicht so ihr Ding. Sie will in zwei Jahren ihr Abitur machen. Müssen wir uns schulmäßig Sorgen um die Jungen machen?

Lange Zeit galten Mädchen als die Bildungsverlierer, denn die Absolventen an weiterführenden Schulen und Hochschulen waren überwiegend Jungen. Seit etwa 25 Jahren scheinen sich die Verhältnisse umzudrehen. Bundesweit waren 2012 bei den Schulabgängern ohne Abschluss 39,7 Prozent Mädchen, aber 60,3 Prozent Jungen. 41.1 Prozent der Hauptschulabsolventen waren weiblich, 58,9 Prozent männlich. Bei den Realschulabschlüssen waren die Anteile mit 49,5 Prozent bei den Mädchen und 50,5 Prozent bei den Jungen fast gleich. Bei den Abiturienten zogen die Mädchen mit 54,7 Prozent an den Jungen mit 45,3 Prozent schon weit vorbei.

Schon im Kindergarten unterlegen

Die Jungen sind ins Hintertreffen geraten, ihr Leistungsverfall wird deutlich. Schon in Kindergarten und Grundschule sind die Mädchen beim Lesen, Schreiben und Kommunikation überlegen. Jungen werden später eingeschult, besuchen häufiger niedrigere Schularten, verlassen die Schule öfter ohne Abschluss, fallen durch mittelmäßige Leistungen auf, wiederholen öfter, erlangen weniger häufig das Abitur. Heute erwirbt ein Drittel der jungen Frauen das Abitur, bei den Männern schafft es ein Viertel. Auch an den Universitäten sind die Frauen in der Mehrheit, schließen dort auch schneller und besser ab.

Was hat sich geändert? Hatten vor 40 Jahren Eltern für ihre Söhne höhere Erwartungen in Bezug auf höhere Abschlüsse, erwartet man heute auch von Mädchen Abitur und Studium. Dazu kommt, dass Mädchen im Durchschnitt auch höhere Bildungserwartungen an sich selbst haben. Laut World Vision Kinderstudie 2007 streben Mädchen deutlich häufiger als Jungen eine anspruchsvolle Bildungslaufbahn an. Sie sind ambitionierter, organisierter, leistungsbereiter, zielstrebiger, zeigen kreativeres und anspruchsvolleres Freizeitverhalten.

Auch laut Shell-Jugendstudie geben sich junge Frauen nicht mehr mit Kindern, Küche und Kirche zufrieden, sondern fassen Berufs-und Bildungserfolg mit Familie, Kindern, Haushalt, Partner und Karriere ins Auge. Männer klammern sich nach wie vor an das traditionelle Männerbild mit Fixierung auf die Karriere, die bekanntlich erst nach der Schule beginnt. Deshalb wohl ihr geringer Ehrgeiz und Arbeitseinsatz in der Schule.

Jungen schätzen sich dazu hinsichtlich ihrer schulischen Leistungen bezüglich Arbeitseinsatz, Begabung oder Kompetenzen oft falsch ein. Sie gehen von dem Irrglauben aus, dass ihre körperliche Überlegenheit gegenüber den Mädchen auch im geistigen Leistungsbereich gelte. Dieses Sich-nicht-helfen- lassen-wollen und Hilfe-nicht-nötig-haben belegt auch die PISA Studie, wo Mädchen viel häufiger Nachhilfeangebote wahrnehmen, Jungen auf zusätzliche Beschäftigung mit dem Unterrichtsstoff gerne zugunsten Freizeitgestaltung verzichten. Jugendforscher Klaus Hurrelmann führt ferner an, dass die Jungen „ihr Rollenbild nicht verbreitert und die Zeichen der Zeit und Dienstleistungsgesellschaft nicht erkannt haben, die ohne die vielen weiblichen Eigenschaften wie Flexibilität, Teamfähigkeit, oder Kommunikation nicht auskommt“.

Traumwelt am Computer

Prof Christian Pfeiffers Langzeitstudie stellt fest, dass die schulischen Leistungen junger Leute umso schlechter sind, je mehr sie fernsehen oder Computerspiele spielen, weil für Lernen und Hausaufgaben kaum Zeit bleibt. Diese „Medienfaktoren“, wie hohe Gerätedichte im medial vollausgestatteten eigenen Zimmer, lange Mediennutzungszeiten, gepaart mit hoher Präferenz für Mediengewaltinhalten treffen besonders auf die Jungen zu und entfalten bei ihnen ihre Wirkung.

Daher ihre Leistungsdefizite in der Schule. Die Jungen flüchten wegen ihrer schulischen Misere in die Alternativ- und Traumwelt der Computer und des Fernsehens, in der sie Erfolg haben. Wo sie auch immer besser werden und deshalb dort immer mehr Zeit verbringen, was sie in der Schule noch mehr absinken lässt. Ein Teufelskreis hat seinen Lauf genommen.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht