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Journalismus

Katastrophen und „Lemming-Journalismus“

Hart an der Wahrheit oder Teil der Meute? Die Managerin der Formel-1-Legende Michael Schumacher spricht über mediale Exzesse
Von Christine Schröpf, MZ

Hart an der Wahrheit – oder Teil der Medien-Meute? Die Berichterstattung von Journalisten nach Skandalen oder Katastrophen steht im Zentrum einer Tagung in Tutzing. Foto: dpa/Archiv

Tutzing.Wie geht es Michael Schumacher? Zu der wichtigsten Frage, die die Öffentlichkeit seit dem Skiunglück vor zwei Jahren beschäftigt, äußert sich die Managerin der Formel-1-Legende nicht. „Ich glaube, dass viele Leute nicht hören wollten, was ich dann sagen müsste“, sagt Sabine Kehm. Sie lässt am Samstag zwischen den Zeilen lesen: Jeder könne sich vorstellen, was ein schweres Schädel-Hirn-Trauma für den Zustand eines Menschen bedeute. Offen bleibt, ob sich Schumacher von seinen Verletzungen erholen wird. „Diese Hoffnung haben wir“, sagt sie. Doch niemand wisse, ob sie berechtigt sei.

Kehm ist der Einladung zur Journalisten-Tagung in Tutzing gefolgt, um über ihre Rolle als Schutzschild für einen Helden zu sprechen – und ihre Erfahrungen mit den internationalen Medien, die bis heute das Schicksal Schumachers verfolgen. „Ich bin zur Mauer geworden“, sagt die frühere Journalistin. Sie verstehe ihre Aufgabe darin, die Privatsphäre Schumachers zu schützen – etwas, worauf dieser selbst immer hohen Wert gelegt habe. Ihre Wächter-Funktion erstrecke sich auch auf Schumachers Ehefrau Corinna, seine Tochter Gina (19) und Sohn Mick (16). Wo immer Privates verletzt wird, schaltet Kehm sofort die Anwälte ein. „Wir gewinnen diese Unterlassungsklagen alle“, sagt sie.

Undementiertes macht Karriere

Thema des Seminars, das von der Akademie für politische Bildung, dem Netzwerk Recherche und der Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltet wird: „Im Visier der Meute. Journalistische Recherche zwischen Fairness und Exzess.“ Es geht um Wahrheitssuche hart am Limit und auch über Grenzen hinaus. Kehm beschreibt einen „Lemming-Journalismus“, bei dem unreflektiert ans Werk gegangen werde. „Es wird eine Sau durchs Dorf getrieben und alle rennen hinterher.“ Was sie nicht dementiere, rücke in den Rang von Tatsachen auf und werde dann von einem Land ins andere weiterverbreitet.

Ob sie nicht Teil des Problems sei, weil sie Schumacher so konsequent abschirme, wird Kehm gefragt. Darüber denke sie selbst oft nach, sagt sie – immer mit dem gleichen Ergebnis. Jeder Satz wäre nur der Auslöser für neue Nachfragen. „Viele würden sich dazu berufen fühlen, wieder etwas dazu zu sagen. Ich glaube nicht, dass es danach aufhören würde.“

Kommentar

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In Tutzing wird am Wochenende nicht nur über die Qualität der Berichterstattung im Fall Schumacher diskutiert. Es geht auch um Lehren aus dem Zugunglück von Bad Aibling, dem Sturz des Bundespräsidenten Christian Wulff, dem Amoklauf von Winnenden, dem Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann und dem Rücktritt der Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke nach einem umstrittenen Steuernachlass für einen Unternehmer – alles Ereignisse, die bundesweit für enorme mediale Berichterstattung sorgten.

Der frühere SPD-Kanzlerkandidat und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück im Gespräch mit Nico Fried, Leiter des Berliner Hauptstadtbüros der Süddeutschen Zeitung. Foto: Schröpf

In der Causa Kachelmann war ein Heer früherer Geliebter in Medien zu Wort gekommen, als ob sie zur Aufklärung des Vergewaltigungsvorwurfs wirklich etwas hätten beitragen können. Als er aus der U-Haft entlassen wurde, gab es Live-Sendungen vor den Gefängnistoren. Fernsehjournalisten überbrückten die Wartezeit mit Vermutungen, was sich hinter den Gefängnismauern abspielen könnte. Kachelmann, eigentlich als Podiumsgast eingeplant, fehlt. Er hatte kurzfristig wegen einer Erkrankung abgesagt. Aber andere kommen zu Wort, die selbst einmal im Fokus der Medien standen – wie der frühere Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Er kritisiert drei Fehlentwicklungen in der politischen Berichterstattung: Banalisierung, Personalisierung und Skandalisierung. „Das habe ich im Bundestagswahlkampf gespürt.“ Von einem „gewalttätigen Journalismus“ spricht er zuspitzend im Fall Wulff. Aus Sorge, selbst in den Fokus zu geraten, finde unter Politikern keine Solidarisierung statt.

„Mir ist nicht gelungen, zu sagen: Guckt euch die Sache auch einmal von der anderen Seite an.“

Die frühere Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke

Auch Susanne Gaschke, Kieler Oberbürgermeisterin von 2012 bis 2013, ist in Tutzing zu Gast. Ihre Geschichte ist auch deshalb interessant, weil die 49-Jährige vor ihrem kurzen Politik-Intermezzo selbst als Journalistin arbeitete, das auch heute wieder tut. Ihre Forderung an die eigene Zunft: Die Fakten müssen stimmen, die Argumentation müsse schlüssig, Nachricht und Meinung immer sauber getrennt sein. Journalisten sollten versuchen, sich in das Subjekt ihrer Berichterstattung hineinzuversetzen. „Mir ist nicht gelungen, zu sagen: Guckt euch die Sache auch einmal von der anderen Seite an.“

Ihre Mission: Schutz der Privatsphäre: Schumacher-Managerin Sabine Kehm im Gespräch mit dem stellvertretenden Sportchef der Süddeutschen Zeitung, Rene Hofmann. Foto: Schröpf

Bis heute macht sie die eigene Partei für ihren Sturz mitverantwortlich. Konkret macht sie das am Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Torsten Albig, und SPD-Bundesvize Ralf Stegner fest. Sie hat das in ihrem Buch „Volles Risiko“ beschrieben, mit dem sie ihre Erlebnisse aufgearbeitet hat – ausgerechnet Stegner durfte es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besprechen. Gaschke spöttelt darüber. „Ein neues Genre: die Betroffenheitsrezension.“

Verhaltenskodex in Winnenden

Ob Gaschke oder Kachelmann, Schumacher oder Wulff: Betroffen waren hier Medienprofis. Ein anderer Fall sind Opfer von Katastrophen und ihre Angehörigen, die von einer Minute auf die nächste ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Darüber wird in Tutzing mit Betroffenen intensiv diskutiert. Frank Nipkau, Chefredakteur der Zeitungsgruppe Waiblingen, in deren Verbreitungsgebiet Winnenden liegt, berichtet vom Verhaltenskodex seiner Redaktion nach dem Amoklauf, der konsequent eingehalten worden sei: Keine Bilder von Toten und keine Bilder von den Beerdigungen, lautete die Regel – Journalisten von außerhalb waren teils auf Autodächer geklettert, um in die Friedhöfe hineinzublicken.

„Sie haben die Verantwortung.“

Gisela Mayer, Mutter eines Opfers des Amoklaufs von Winnenden

Seine Zeitung habe Angehörige auch nicht von sich aus angesprochen, sagt Nipkau. „Wir wollen aufklären und nicht mit schaurigen Geschichten unterhalten.“ Petra Tabeling, Expertin für Traumajournalismus beim Dart-Center Köln verweist darauf, dass Überlebende von Katastrophen unmittelbar danach ohnehin keine verlässlichen Quellen sein können. Zu extrem die Situation, zu beinträchtigt die eigene Wahrnehmungsfähigkeit. Das bestätigt auch Gisela Mayer, Mutter eines Opfers von Winnenden. Ihre Tochter war Referendarin an der Schule. Angehörigen müsse besonderer Schutz gelten, selbst wenn sie sich zu Gesprächen mit Journalisten bereiterklärten. Denn sie spürten selbst nicht mehr, wann Grenzen überschritten sind. „Sie haben die Verantwortung“, appelliert sie an die Journalisten.

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