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Bayern
Montag, 22. Januar 2018 11

Justiz

Keine Kutten, keine Aussagen

Kaum Unterstützer, umso mehr Polizei: Der Auftakt des Prozesses um NPD-Mann Roßmüller verlief ruhig – trotz eines Verrats.

Regensburg.Als vier Männer in schwarz in gekonnter Lässigkeit auf das Landgericht zugehen, herrscht Anspannung. Die Gremium-Rocker aus Straubing kommen, gleich soll einer ihrer Brüder im Sitzungssaal Platz nehmen und erzählen, was Weihnachten 2010 passierte. Die Sicherheitsvorkehrungen vor dem Landgericht Regensburg sind enorm. Die USK-Polizisten bringen sich in Stellung, verschränken die Arme, und nuscheln sich Informationen durchs Funkgerät. Die Rocker grinsen, bleiben freundlich, bevor sie in den Sitzungssaal vorbei an alten Bekannten von den Bandidos spazieren.

Der Ansturm der Rockerclubs ist ausgeblieben. Seit wenigen Stunden hat der Rocker-Prozess um den arbeitslosen NPD-Mann Sascha Roßmüller begonnen – er und vier weitere Bandidos vom Chapter Regensburg sitzen auf der Anklagebank. Sie müssen sich wegen gemeinschaftlichen Landfriedensbruch in einem besonders schweren Fall mit gemeinsamer gefährlicher Körperverletzung verantworten. Roßmüller soll den Angriff initiiert haben.

Bussi Bussi im Blitzlicht

Mindestens neun Bandidos sollen am ersten Weihnachtsfeiertag 2010 einen blutigen Angriff auf das Gremium-Chapter aus Straubing verübt haben, laut Anklage. Bewaffnet mit Messern, Schlagwerkzeugen und Reizgas. Zwei Personen wurden dabei schwer verletzt, als die Bandidos um 1 Uhr nachts auf die Konkurrenz losgegangen sein sollen. Die Tat liegt Jahre zurück; und das Verfahren wurde bereits einmal eingestellt. Das macht es für die Prozessbeteiligten nicht leichter: Viele Akten wurden vernichtet. Und rekonstruieren lassen sich diese wohl nicht.

Landfriedensbruch

  • Straftat

    Die Bandidos werden wegen einer Straftat gegen die öffentliche Ordnung angeklagt: wegen gemeinschaftlichen Landfriedensbruchs in einem besonders schweren Fall.

  • Strafmaß

    Laut Strafgesetzbuch steht darauf eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Ob die Straftat vorliegt, hängt auch von der Zahl der beteiligten Täter ab. (pd)

Um 9 Uhr begann der Prozess (Ein Protokoll vom ersten Verhandlungstag lesen Sie hier.): Als der ehemalige Sicherheitsbeauftragte des Bandidos-Chapters (Sergeant at Arms) Klaus Peter S. mit Handschellen und Fußfessel in den Saal geführt wird und zu seinem Platz auf der Anklagebank mit breiter Brust stolziert, begrüßen ihn Blitzlichtgewitter – seine „Brüder“ warten schon, einer busselt ihn links und rechts. Das passt nicht zu dem breiten Rocker Stephan H., der sich die Auszeichnung des Rockerclubs für eine besonders brutale Tat „Expect no mercy“ (Erwarte keine Gnade) verdient hat. Die Stimmung unter den fünf Angeklagten könnte schlechter sein. Aber: Rocker reden nicht – schon gar nicht mit der Justiz. Alle fünf Angeklagten wollen nicht aussagen.

Nebulöse Ermittlungen?

Nicht mal dann, wenn sie von ihrem eigenen Chapter-Präsidenten verraten werden. Ralf K. – so heißt der Kronzeuge in diesem Prozess, der am kommenden Montag aussagen soll. Ralf K. war einst Chef der Regensburger Bandidos; er hat den Ermittlern die Details des Übergriffs genannt, doch nun steht er in Verdacht, schon damals Polizeispitzel bzw. V-Mann gewesen zu sein.

Zumindest brachte das Rechtsanwalt Helmut Mörtl, der Bandido Stephan H. verteidigt, ins Spiel. Er regte direkt nach Anklageverlesung an, das Verfahren zu unterbrechen und den Verteidigern sämtliche Ermittlungsakten gegen den Kronzeugen Ralf K. beizuziehen. Die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Polizei bezeichnete er als rechtswidrig, verschleiernd und nebulös. „Dieses Verfahren ist sprichwörtlich kontaminiert.“ Oberstaatsanwalt Klaus-Dieter Fiedler weist das zurück. Was der Rechtsanwalt hier hineingeheimnisse, entbehre jeder Basis. Ralf K. sei in diesem Verfahren nicht als V-Mann tätig gewesen. Die Strafkammer deutete an, einen Teil der Akten beizuziehen.

Der erste Zeuge in diesem Prozess ist ein Kripo-Beamter aus Straubing. Er schildert, dass der verletzte Wirt der Gremium-Kneipe „Blackout“ die Polizei gerufen habe. Dennoch hätten aber alle Gremium-Rocker vor Ort hätten – trotz blutender Wunden – die Aussage verweigert und bestritten, dass es eine Schlägerei gegeben habe. Roßmüller wurde aber in einer Seitenstraße entdeckt; ein anderer Bandido lag im Krankenhaus. Die Polizei befürchtete dann, dass es die Gremium-Rocker nach Rache durstet. Daher habe man die Kneipe durchsucht – und Waffen sichergestellt. Die Befragung des Mannes zieht sich am Donnerstag; im Kreuzverhör muss er sich viel Kritik von den Verteidigern anhören. Zum Beispiel kann er nicht beantworten, wie die Polizei auf zehn Angreifer komme. Der Mann wird nun noch einmal geladen.

Der Aussage des verletzten Gremium-Wirts am Nachmittag – der den Angeklagten in Sachen Bulligkeit in nichts nachsteht – ist indes wenig spektakulär: Er will sich selbst nicht belasten und mache von seinem Auskunftsverweigerungsrecht gebrauch. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. (pd)

Sascha Roßmüller wanderte schon einmal nach einer großangelegten Razzia im Oktober 2014 gegen die Rockerszene in Untersuchungshaft, ist seit März 2015 aber wieder auf freiem Fuß. Bei der Razzia waren damals 1700 Beamte, darunter 350 Spezialkräfte, im Einsatz und durchsuchten 146 Objekte in den Regierungsbezirken Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern und Mittelfranken.

Alle Berichte über Prozesse in Regensburg finden Sie hier.

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