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Bayern
Mittwoch, 18. Oktober 2017 20° 2

Premiere

Der Märchenkönig kann nicht sterben

Für das neu arrangierte Musical „Ludwig 2“ hat sich in Sichtweite von Schloss Neuschwanstein erneut der Vorhang gehoben.
Von Marcus Spangenberg, MZ

Matthias Stockinger als König Ludwig II. auf der Bühne in Füssen, vor einer RIchard-Wagner-Projektion Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Füssen.Ludwig II. von Bayern (1845 - 1886) war Popstar, lange bevor es Pop gab. Er war Exzentriker und Träumer, Pazifist und Aussteiger, Wagner-Groupie und Technik-Freak, Theaterkönig und Bücherwurm. Und nun ist der verblichene Monarch erneut Titelfigur eines Musicals. Dieser König kommt nicht zur Ruhe. Er ist unsterblich.

Am Donnerstagabend hob sich der Vorhang für „Ludwig 2“ im Festspielhaus Füssen vor rund 1300 Zuschauern. Unter ihnen waren viele, die in einer bisher in Deutschland einmaligen Aktion das Ereignis ermöglicht hatten. Im Herbst 2015 kamen bei einem Crowdfunding mehr als 165 000 Euro zusammen. Mit diesem frühzeitigen Erwerb von Eintrittskarten konnte es Benjamin Sahler wagen, das knapp zehn Jahre alte Stück für drei Wochen erneut am ursprünglichen Premieren-Ort aufzuführen. Der 42-jährige Produzent und freie Regisseur mietete das eindrucksvolle Gebäude in Sichtweite der Schlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein an. Zudem kann er die vorhandenen Kostüme und Kulissen nutzen, die von 2005 bis 2007 erstmals für „Ludwig 2“ im Gebrauch waren.

„Wir haben das Stück weiterentwickelt und die vorhandene Ausstattung in ein neues Konzept eingebunden“, sagte Sahler im Vorfeld der Premiere. Herausgekommen ist das, was der Veranstalter bewirbt: Die Rückkehr eines Musicals in gewohntem Stil und Aufmachung. „Ludwig 2“ im Sommer 2016 ist von der Musik her im Wesentlichen jene Musical-Version aus dem Jahr 2005. Für sie traten zahlreiche treue Fans auch über Social Media seit vielen Jahren ein.

Einiges läuft noch nicht rund

Darüber hinaus hat sich eine Menge verändert. Nicht nur der einst bestens gepflegte Garten zwischen Festspielhaus und See hat seine einst erlebnisreiche Ausstattung und Qualität eingebüßt. Auch das Musical. Die Zuschauer erleben eine spür- und sehbare Light-Version. Das ist für die Besucher, denen das ursprüngliche Musical zu sehr nach Popcorn-Kino aus Hollywood geriet, zunächst ein Trost. Was eintritt, ist eine zu große Diskrepanz zwischen Sehen und Hören. Die Kompositionen von Konstantin Wecker und Christopher Frank hat der bekannte Arrangeur Nic Raine in einen erhabenen, schmachtenden Musikteppich eingerollt. Der enge Bezug von Raine zur Filmmusik Hollywoods ist unverändert. Jetzt kommt sie vollständig aus der Konserve. Stilzitate vom Walzer über Zwiefachen bis zum Militärmarsch klingen an. Eine hervorragende Tontechnik ist unbedingt erforderlich; am Premierenabend lief sie (wie die Lichttechnik) noch nicht rund. Der Musik steht ein reduziertes Bühnenbild gegenüber. Das ist durchaus legitim. Bilder und Staffage durch beliebige ornamentale Lichtprojektionen zu ersetzen, wirkt hier bemüht. Laserstrahlen ergänzen den Lichtreigen. Einzig in der Szene zum Krieg 1870/71 sind sie Inhalt und nicht nur Form. In die Erzählweise und Abfolge der Szenen wurde stark eingegriffen. Das ergibt eine in sich schlüssige Handlung.

Kommentar

Das könnte klappen

In Füssen darf wieder geträumt werden. Nach mehreren finanziellen Erschütterungen ist des Großprojekts Ludwig II. offenbar auf tragfähigem wirtschaftlichem...

Das Musical feiert Ludwig II. als visionären Pazifisten. Nur Kunst könne dem Leben einen Sinn geben, gegen das er sich ansonsten auflehnt. Mit seiner Zeit und den Lebensumständen kommt er nicht zurecht. Auch die unerfüllte Liebe zu Elisabeth „Sisi“ von Österreich (Anna Hofbauer), die das beherrschende Thema des ersten Akts ist, lässt Ludwig verzweifeln. Dass der König mit Bauaktivitäten reagiert und sich jeglichem Krieg entziehen möchte, ist Inhalt des zweiten Aktes.

Matthias Stockinger als König Ludwig II. und Anna Hofbauer als Sisi Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die Theaterbühne ist nicht der Ort, um eine historisch verbürgte Biografie zu illustrieren. Es darf und soll geträumt werden, schwelgen ist oberstes Gebot. Doch wenn die Oberflächlichkeit allzu poliert ist und die vermeintliche Romanze mit „Sisi“ jeden Anflug von einer historisch verbürgten homophilen Neigung des Königs erdrückt, ist es einfach zu viel der Phantasie.

Wenig Zeit für die Vorbereitung

Spätestens an dieser Stelle ist herauszustellen, dass „Ludwig 2“ nicht Ludwig II. von Bayern zum Thema hat. Vielmehr ist es eine Illusion von ihm, die zum Mythos geworden ist.

Was bleibt, ist das Staunen, dass jemand das Wagnis eines erneuten Ludwig-Musicals eingeht. Benjamin Sahler und sein Team hatten sehr wenig Zeit, „Ludwig 2“ für die Festspielhaus-Bühne einzurichten. So wie sich der Hauptdarsteller Matthias Stockinger bei der Premiere als Schauspieler und Sänger deutlich steigerte, so ist insgesamt noch einiges von „Ludwig 2“ zu erwarten. Die Möglichkeiten nach oben sind vorhanden.

Service: „Ludwig 2“ läuft bis 4. September (je Dienstag bis Sonntag). Tickets gibt es im Festspielhaus Füssen, bei Füssen Tourismus und München Ticket (0 89) 54 81 81 81. Die Gastronomie öffnet drei bzw. zwei Stunden vor Beginn. Das Musical dauert 2,5 Stunden (mit Pause).

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