mz_logo

Bayern
Montag, 19. Februar 2018 4

Medizin

Mission Volksgesundheit

10 000 Probanden beteiligen sich in Regensburg an der NAKO-Gesundheitsstudie – auch eine MZ-Reporterin ist dabei.
Von Isolde Stöcker-Gietl

NAKO-Mitarbeiter Maximilian Ott erklärt mir das Gerät, mit dem er die Kräfte in meinen Händen messen wird. Fotos: Tino Lex

Regensburg.Drei Prozent. Mit dieser Zahl im Kopf verlasse ich das Gelände des Universitätsklinikums. Knapp vier Stunden Untersuchung liegen hinter mir. Ich wurde vermessen, zu meinen Lebensgewohnheiten befragt, meine Körperflüssigkeiten in Röhrchen konserviert. Jetzt bin ich eine von bislang knapp 7000 Probanden, die in Regensburg an der größten jemals durchgeführten Langzeit-Gesundheitsstudie Deutschlands namens „NAKO“ teilgenommen haben. Deren Ziel: Die Ursachen für die Entstehung von Volkskrankheiten wie Diabetes, Krebs, Herzinfarkt und Demenz zu erforschen. Ob meine drei Prozent dabei irgendwann noch eine Rolle spielen?

Rund zehn bis zwölf Teilnehmer nehmen täglich das Angebot für den umfassenden Gesundheitscheck in Regensburg wahr, sagt Dr. Beate Fischer, Leiterin des Studienzentrums am Institut für Epidemiologie und Präventivmedizin. Auf etwa jede vierte Einladung zur Gesundheitsstudie kommt eine Rückmeldung. „Aus den Landkreisgemeinden ist das Interesse größer als im Stadtgebiet.“ Schierling ist bislang der Spitzenreiter. Die Teilnehmer im Alter zwischen 20 und 69 Jahren werden per Zufallsprinzip ausgewählt. Aus ihren Lebensbedingungen und -gewohnheiten wollen die Forscher später einmal wichtige Rückschlüsse ziehen. Welche Rolle spielen genetische Faktoren bei der Entstehung von Erkrankungen, welche Umweltbedingungen sind gesundheitsschädlich? Welche Folgen haben Bewegungsmangel und falsche Ernährung? Rund 200 000 Menschen werden dafür in ganz Deutschland in 18 Studienzentren untersucht. In Bayern ist neben Regensburg Augsburg Forschungsgebiet. Die Studie, die mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der Helmholtz-Gemeinschaft und der Bundesländer gefördert wird, ist auf 20 bis 30 Jahre angelegt. Bis dahin bin ich im Rentenalter und erfreue mich bestenfalls an meinen Enkeln, denen meine Teilnahme an der Studie vielleicht einmal zugute kommen wird.

28 Millionen Bioproben

Medizinstudentin Isabella Weiß holt mich aus dem Wartebereich ab. Sie ist seit einigen Monaten im NAKO-Team und zuständig für die Bioproben. Im Laufe der Studie werden insgesamt rund 28 Millionen Röhrchen mit Körperflüssigkeiten gesammelt, eingelagert und stehen für die wissenschaftliche Forschung zur Verfügung. Für mein Blut liegen acht Röhrchen bereit. 70 Milliliter werden für ein kleines Blutbild und die Stoffwechselkenngrößen wie Cholesterinwerte und Leberenzymwerte abgezapft. Zwei Röhrchen werden konserviert. In einigen Wochen werde ich in einem Arztbrief die Ergebnisse erfahren. Sollten Werte Anlass zur Sorge geben, dann schickt mich das NAKO-Team gleich weiter zu meinem Hausarzt.

Projektleiterin Dr. Beate Fischer

Isabella Weiß hat inzwischen zwei große Wattestäbchen bereitgelegt, mit denen sie Nasensekret – ein Biotop für Infektionserkrankungen – entnehmen wird. Zum weiteren Labor, wie man es auch von normalen Arztbesuchen kennt, kommt nun noch ein Kaugummi ins Spiel. Eine Minute kauen, um die Speichelproduktion anzuregen. Danach ist auch diese Bioprobe unter meiner verschlüsselten Kennnummer abgespeichert. Die sogenannte Pseudonymisierung erfolgt, damit die Untersuchungsdaten und -materialien nicht auf einzelne Teilnehmer zurückzuführen sind.

So funktioniert die Nako-Studie

  • Bis zum Frühjahr 2019

    werden in Regensburg 10 000 Probanten, deutschlandweit rund 200 000 Menschen, für die größte bislang durchgeführte Langzeitstudie untersucht und ihre Lebensgewohnheiten ermittelt.

  • Die Teilnehmer

    sind zwischen 20 und 69 Jahre alt und werden über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren in regelmäßigen Abständen zu Untersuchungen und Befragungen gebeten.

  • Ziel ist,

    für die Zukunft Erkenntnisse zu gewinnen, wie Lebensgewohnheiten, Umweltbedingungen und genetische Faktoren bei der Entstehung von Krankheiten zusammenwirken.

  • Für die NAKO (Nationale Kohorte)

    Studie werden alle Teilnehmer ausführlich zu ihrer Gesundheit und ihrem Lebensstil befragt und medizinisch untersucht. Darüber hinaus werden Bioproben gesammelt.

  • Ausgewählt werden die Teilnehmer

    nach einem Zufallsprinzip. In Regensburg meldet sich jeder vierte eingeladene Bürger zu den Untersuchungen an. „Eine sehr gute Quote“, wie Projektleiterin Dr. Beate Fischer sagt.

  • Am Ende sollen

    die gesammelten Daten Forschern die Frage beantworten, was die Menschen gesund hält und was sie krank macht.

Im Nebenzimmer wartet Maximilian Ott, um eine Reihe weiterer Tests durchzuführen. Etwa wie viel Kraft ich noch in meinen Händen habe und wie gut mein Gedächtnis ist. Zwölf Wörter soll ich mir merken und mehrfach, auch mit zeitlichem Abstand, wiederholen. Ich muss an Rudi Carrell und die Show „Am laufenden Band“ denken. Teller, Arm, Butter, Gras, Vogel... Der „Brief“ fällt mir bei keinem der drei Durchläufe ein. Aber sonst ganz gut, sagt Maximilian Ott, der als Student der medizinischen Informatik der Exot im Team ist. Dann lässt er mich Zahlenreihen rückwärts aufsagen. Eine echt anstrengende Übung. Abends teste ich das bei meiner neunjährigen Tochter. Zum Glück ist auch bei ihr nach sieben Zahlen Schluss.

Medizinstudentin Isabella Weiß nimmt 70 Milliliter Blut ab.

Zu meinem Forschungsmaterial kommt jetzt noch der medizinische Lebenslauf. Frühere Erkrankungen, psychische Befindlichkeit. Wie viel Bewegung, welche Ernährung und die Stressfaktoren – privat und am Arbeitsplatz. Manches wird nur oberflächlich gestreift, manches sehr genau nachgefragt. „Bewegen Sie sich auf dem Weg zur Arbeit und wenn ja wie viele Minuten und in welcher Intensität?“ Was wogen Sie im Alter von 18 Jahren?“ „Geben Sie Ihre Wohnorte samt Adresse seit dem Jahr 2000 an.“ Auch meine Sozialkontakte, wie die Zahl meiner engen Freunde, das Wohnumfeld oder das zur Verfügung stehende Familieneinkommen spielen für die Bewertung eine Rolle. In 20, 30 Jahren kann man vielleicht genau daraus wichtige Rückschlüsse ziehen. Etwa ob Armut Volkskrankheiten begünstigt oder Sozialkontakte vor Depressionen schützen. Eine MitProbandin scherzt im Wartezimmer: „So detailliert habe ich mich noch nie mit meinem Leben befasst.“

Überwacht durch die Woche

Für den letzten Abschnitt wartet noch einmal Projektleiterin Dr. Beate Fischer auf mich. Sie wird Blutdruck und Herzfrequenz überprüfen. Danach bittet sie mich auf die Waage und zur Körperfettmessung. Und da sind sie nun, diese drei Prozent, die eigentlich nicht an meinem Körper sein sollten. Drei Prozent zu viel Körperfett, sagt Fischer. Bei Frauen leider ein leidiges Thema. Aber zum Glück kann man dagegen noch am Leichtesten etwas tun!

Mit einem kleinen Gerät, das mich nun die kommende Woche begleiten wird, werde ich aus der Untersuchung entlassen. Es zeichnet meine Bewegungen auf. Dazu werde ich Ernährungs- und Bewegungsprotokolle führen. In zwei Jahren erfolgt die erste Kontrolle anhand von Fragebögen, in fünf Jahren die nächste Untersuchung. „Im Frühjahr 2019 sind wir mit unseren 10 000 Probanden durch, danach geht es nahtlos über in den zweiten Check unserer ersten Probanden aus dem Jahr 2014“, erläutert Fischer. Ich werde die Zeit dazwischen gut nutzen. Drei Prozent weniger, das muss doch zu schaffen sein.

Erhalten Sie täglich die aktuellsten Nachrichten bequem via WhatsApp auf Ihr Smartphone. Alle Infos dazu finden Sie hier.

Aktuelles aus dem Regensburger Land lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht