mz_logo

Bayern
Donnerstag, 19. Oktober 2017 19° 2

Gewalt

Mit Bisswunde vom Einsatz zurück

Spucken, treten, beißen: Polizisten, die eingreifen, leben gefährlich. Immer öfter werden auch die Zähne eingesetzt.
Von Marianne Sperb, MZ, und unseren dpa-Korrespondenten

Polizisten tragen einen Demonstranten von der Straße, der mit Sitzblockade gegen einen NPD-Fackelmarsch protestiert: Eine Situation, in der Beamte riskieren, bespuckt oder gebissen zu werden. Foto: dpa

Regensburg.Den letzten beißen die Hunde. Der Polizist, der vor Ort das staatliche Gewaltmonopol verteidigt, ist das letzte Glied in der Kette – nur: Ihn beißen nicht Hunde, sondern Menschen. Beiß-Attacken im Dienst werden häufiger. Betrunkene, Demonstranten, streitende Paare, Ruhestörer, Ladendiebe: Immer öfter wehren sie sich auch mit Zähnen gegen das Eingreifen Uniformierter.

Bundesweit werden Tag für Tag mehr als 40 Polizisten Opfer von Körperverletzung im Dienst. Mit einer Bisswunde zurück vom Einsatz: Damit müssen Uniformierte zunehmend rechnen. Stefan Hartl, Sprecher im Polizeipräsidium Oberpfalz, umreißt den Trend mit einem Blick in die Statistik für das Stadtgebiet Regensburg. 2011 waren 142 Fälle von „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ gelistet; drei Beamte wurden bespuckt, zwei gebissen. 2015 wurden 155 Fälle von Widerstand amtlich; es kam zwölf Mal zu Spuck-, elf Mal zu Beiß-Attacken.

Die Beißwut in Bayern nimmt zu

Die Beißwut nimmt zu. 2015 wurden in Bayern 281 Mal Polizisten im Dienst gebissen, 2012 waren es noch 198 Fälle. Die Zahl der Beiß-Attacken schnellte in diesem Zeitraum um rund 40 Prozent hoch, so das Landeskriminalamt.

Eine Bürgerfest-Besucherin in Bayreuth schnappt nach dem Oberarm eines Beamten. In einem Fürther Wirtshaus tickt eine Frau, die kontrolliert wird, aus: Sie beißt eine Polizistin ins Bein. Bei einer Verkehrskontrolle im Raum Nürnberg beißt ein Rentner einen Uniformierten. In der Münchner S-Bahn schlägt ein 71-Jähriger, der ohne Ticket erwischt wird, seine Zähne in die Hand eines Bundespolizisten. In einem Schwimmbad in Zirndorf beißt eine Frau einen Polizisten in den Arm, der ihr einen Platzverweis erteilt hat. Eine betrunkene 23-Jährige beißt in Velburg einen Beamten. Alle Fälle ereigneten sich im Juli/August 2016 – und sie spiegeln einen Trend.

„Auch Männer beißen zu.“

Peter Schall

„Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: Gewalt gegen Beamte gehört zum Alltag“, resümiert Stefan Hartl. Der Polizeisprecher beobachtet „mehr Respektlosigkeit, auch erhöhte Gewaltbereitschaft“, nicht nur gegenüber Polizisten. Auch Notärzte, Sanitäter und Feuerwehrmänner würden immer öfter beleidigt, bedroht, attackiert. Alkohol und Drogen wirkten in vielen Fällen als Aggressionsturbo.

Kommentar

Die Prügelknaben

Beamte werden immer öfter Opfer von Gewalt. Dabei genießt kaum ein Beruf in Deutschland so hohes Ansehen wie der des Polizisten. Was geht da also ab?

Streifenbeamte trainieren bei vier Veranstaltungen im Jahr den Einsatz. Sie üben auch, wie man jemanden bändigt, ohne bespuckt oder gebissen zu werden. Verschiedene Risiko-Szenarien werden nachgestellt. Hartl: „Wer nachts zu einer Schlägerei in eine Disco gerufen wird, stellt sich natürlich entsprechend auf die Situation ein.“

Eine Frau wollte einen Polizisten anstecken: mit Hepatitis C

Beißen als Form von Widerstand – das ist keine weibliche Domäne, räumt Peter Schall, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Bayern, mit einer verbreiteten Annahme auf. „Auch Männer beißen zu.“ Ein Biss ist nicht ganz ungefährlich, wie der Fall einer Münchner Ladendiebin vom Juni zeigt: Die 40-Jährige, an Hepatitis C erkrankt, biss den Polizisten, der sie festhielt, in den Unterarm. Sie hoffte, ihn mit dem Virus anzustecken, gab die Frau später zu Protokoll.

„Wir bieten dienstliche Impfungen an“, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. Gegen Hepatitis B können sich Polizisten kostenlos spritzen lassen. Eine „Arbeitsschutzmaßnahme“, sagt Schall. Gegen andere Risiken, wie Diphtherie oder Tetanus, müssen sich Beamte privat impfen.

Auch Spuck-Attacken bergen ein Ansteckungsrisiko. Die Polizei Bremen setzt auf sogenannte Spuckschutzhauben. Für Bayern ist die Beschaffung der Stoffmasken inzwischen freigegeben. Das Präsidium Oberpfalz ordert die Hauben gerade. Der Bedarf steigt: Im Stadtgebiet Regensburg wurden 2011 in drei Fällen Polizisten bespuckt – 2015 waren es bereits zwölf Fälle. Die Hauben, die den Mund abdecken, bieten auch einen gewissen Schutz vor Bissen.

Peter Schall erkennt eine zunehmende allgemeine Ablehnung von Autorität als Grund für wachsende Gewalt gegen Gesetzeshüter, denn die Anlässe für den Widerstand sind oft Kleinigkeiten. „Diese völlig sinnlosen Angriffe sind mir unbegreiflich. Da wehrt sich ja häufig nicht etwa ein Bankräuber, dem eine lange Haft droht, gegen seine Festnahme.“

Viele Verfahren werden eingestellt

Überstunden, Leistungsdruck: Die Polizei arbeitet am Limit. Liegt mehr Gewalt im Einsatz auch daran, dass Beamte gestresst sind und überreagieren? Schall verweist auf eine Studie des Zentralen Psychologischen Diensts der Polizei Bayern, der die Beschwerden gegen Beamte eines Jahres untersucht hat. Fazit: Insgesamt schätzten Polizisten die rechtliche Situation gut ein und reagierten angemessen.

Thomas Bentele, Schalls Vertreter in der Polizei-Gewerkschaft, vermisst mit Blick auf den Autoritätsverlust der Polizei die Rückendeckung durch Justiz und Politik. Überlastete Gerichte reagierten zu lasch. Nach einer Studie von 2012 (Ellrich, Baier, Pfeiffer) wird jedes dritte Verfahren zu Gewalt gegen die Polizei eingestellt. Bentele: „Das ist das falsche Signal.“

Das Risiko eines Hundebisses scheint für Beamte übrigens zu schrumpfen. Die LKA-Statistik weist 2012 in ihrer Rubrik „Hunde hetzen / Hundebiss“ acht Fälle aus. 2015 waren es lediglich drei.

Weitere Beiträge aus Bayern lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht