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Bayern
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Mit bloßem Auge kaum zu erkennen

Mit dem LKA auf Verbrecherjagd: Edith Gebhart beschäftigt sich mit Spuren, die selbst mit einer Lupe kaum zu sehen sind.
von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Stundenlang auf der Suche nach der entscheidenden Mikropartikel: Sachgebietsleiterin Edith Gebhart an ihrem Arbeitsplatz Foto: kmt
  • Mit einem Klebetupfer können Ermittler Proben nehmen.Foto: kmt
  • Auf der Haut können winzige Spuren haften bleiben. Foto: kmt
  • Sachgebietsleiterin Edith Gebhart Foto: kmt

München.Edith Gebhart ist nicht da. Ihr geräumiges Büro im Bayerischen Landeskriminalamt ist leer, auch die Kollegen rundrum wissen nichts. Als sie dann doch kommt, fröhlich lächelnd, entschuldigt sie sich entwaffnend: „Ich hatte noch eine Idee. Und dann habe ich einfach die Zeit vergessen.“

Gebhart leitet das Sachgebiet Mikrospuren/Biologie im LKA, und wer sich nun eine Ermittlerin mit Lupe und Handschuhen vorstellt, die akribisch Millimeter für Millimeter einen Tatort absucht, der liegt nicht ganz falsch und doch völlig daneben. Denn erstens sind die Spuren, die Gebhart untersucht, auch mit einer Lupe meist nicht mehr zu erkennen. Gebharts mächtigstes Werkzeug ist das Rasterelektronenmikroskop, das Spuren bis zu 300 000-fach vergrößern kann. Und zweitens fährt Gebhart eher selten selber an einen Tatort. Der Tatort, oder zumindest Teile davon, kommt zu ihr.

Nur zu den Autounfällen, da fahren sie und ihre Kollegen selbst hin und untersuchen noch vor Ort die Gurte, die Plastikverkleidungen, die A- oder B-Säule, all das, wo sie sogenannte Anschmelzspuren vermuten: Prallt etwas mit großer Wucht auf einen Plastikgegenstand, schmilzt dieser an und Textilfasern bleiben daran haften. Die findet Gebhart, vergleicht sie unter dem Mikroskop mit Textilfasern der Autoinsassen, und anhand ihres Gutachtens können die Ermittler dann sehr genau bestimmen, wer zum Unfallzeitpunkt wo im Auto saß: schlechte Karten für den angeschwipsten Autofahrer, der nach dem Unfall schnell seinen nüchternen Freund hinters Steuer setzt.

Textilfasern sind am spannendsten

Gebhart ist seit 14 Jahren am LKA. Davor hat sie in München Chemie studiert, dann in Norddeutschland die Elbe und die Nordsee nach Schwermetallen abgesucht. Bis sie in einem Italienurlaub einen Studienkollegen traf, der beim LKA in München arbeitete und ihr vorschlug: Bewirb Dich doch einfach. Und das tat sie, mit Erfolg. Heute leitet sie das Sachgebiet, in dem außer ihr auch noch drei Biologen, ein Mineraloge, ein Physikingenieur, zwei Textilingenieure und ein Physiker als Sachverständige arbeiten: Die Arbeit im Sachgebiet ist vielfältig, „Wir wissen nie, was bei uns so reinkommen kann“. Die Biologen untersuchen zum Beispiel Bodenproben oder Pflanzenteile, aber auch auf Leichen gefundene Maden und Fliegen, um so Todeszeitpunkt und -ort bestimmen zu können, Textilingenieure werten Textilfasern aus oder bestimmen die Kleidung eines mutmaßlichen Täters anhand von Überwachungskameras, Chemiker analysieren Schmuckstücke und prüfen ihre Echtheit.

Für Gebhart sind die Textilfasern der spannendste Teil ihrer Arbeit: „Wir leben in einer textilen Welt“, jedes Kleidungsstück besteht aus unzähligen kleinen Fasern, und sobald wir uns irgendwo hinsetzen, uns hinlegen oder gegen irgendetwas stoßen, hinterlassen unsere Pullover, Hosen und Jacken Spuren. Selbst an einer Glasscheibe, sagt Gebhart und erinnert sich an einen Fall, wo ein Polizeibeamter ihr ein Häufchen Glasbrösel zuschickte. Eine Autoglasscheibe war eingeschlagen worden. „Da finden wir doch nie was“, war ihre erste Reaktion, doch ihre Kollegin setzte sich hin und untersuchte Brösel für Brösel unter dem Mikroskop, stundenlang. Und fand tatsächlich zwei Arten von winzigen Textilfasern: Genug, um den Verdächtigen zu überführen.

Besondere Verantwortung

Und auch das Glas selber kann verräterisch sein. In einem anderen Fall bekam Gebhart ein paar Glasscherben und einen Notfallhammer, in dem noch Glassplitter steckten. Der war bei einem Mann gefunden worden, der verdächtigt wurde, damit eine Haustür eingeschlagen zu haben. Gebhart verglich die Scherben und die Splitter, untersuchte Herstellungsverfahren und Lichtbrechungsverhalten und konnte tatsächlich nachweisen, dass die Splitter von der zerstörten Haustür stammten.

Es ist eine ganz besondere Verantwortung, die die Sachverständigen im Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamtes haben. Jede nicht gefundene Spur könnte im Gerichtssaal das Indiz sein, das über Gefängnis oder Freiheit und damit über die Zukunft eines Menschen entscheidet. So erklärt sich die Akribie, mit der die Experten hier arbeiten. Stunde um Stunde verbringen Gebhart und ihre Wissenschaftler vor dem Mikroskop, wie winzig die Spuren sind, die sie dabei untersuchen, wird klar, als Gebhart von ihrer „Jahrhundertschmauchpartikel“ erzählt: Mehr als zehn Mikrometer, also etwa 0,01 Millimeter, war die groß, und damit ein wahrer Gigant unter den Schmauchspuren: „An die erinnere ich mich sehr gerne“, sagt Gebhart, fast ein wenig versonnen.

Als Gutachterin vor Gericht

Die Schmauchspur fand sie in einer Handtasche, deren Besitzerin hatte mit einem Mann um eine Waffe gerangelt, Fingerspuren beider fanden sich überall. Der Mann wurde schwer verletzt. Gebhart traf die beiden vor Gericht, als sie ihr Gutachten vorstellte: „Ich hätte weder der Dame noch dem Herren im Dunkeln begegnen wollen“, erinnert sie sich, jetzt wieder sehr ernst. Der Fall war relativ eindeutig: Neben der Schmauchspur in der Tasche hatte Gebhart Faserspuren der Jacke der Frau und aus dem Innenfutter der Handtasche auf der Waffe gefunden. Was die Experten als Spurenkreuzung und großen Glücksfall, weil relativ eindeutiges Indiz werten. Zudem hatten die Kollegen von der Daktyloskopie an der Magazintrommel der Waffe nur die Fingerspuren der Frau gefunden: 14 Jahre musste sie wegen versuchten Mordes ins Gefängnis. Trotzdem: „Ich bin froh, dass ich das nicht entscheiden musste“, sagt Gebhart.

Als Sachverständige hat sie die Technik an ihrer Seite, die in den meisten Fällen eindeutige Ergebnisse liefert. Dafür hat jeder Ermittler am Tatort einen kleinen Klebetupfer dabei, etwa so groß wie ein Lippenstift: ein Probeteller für das Rasterelektronenmikroskop. Damit betupft er Oberflächen oder auch die Haut von Verdächtigen, das Rasterelektronenmikroskop kann dann exakt bestimmen, mit welchen Elementen diese Oberfläche in Kontakt gekommen ist. Auch hilfreich ist diese Technik bei Umweltfällen, die auch in die Zuständigkeit von Gebhart und ihrem Team fallen: Gerade untersuchen sie, ob die auf einer Baustelle verbauten Dämmplatten gesundheitsschädlich sein könnten oder nicht – ein Fall, so spannend, dass man darüber schon mal die Zeit vergessen kann.

Das Bayerische Landeskriminalamt

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