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Montag, 11. Dezember 2017 11

MZ-Serie

Mit „Crime Mapping“ zum G7-Gipfel

Mit dem Münchner LKA auf Verbrecherjagd: Günter Okon erstellt am PC Landkarten des Verbrechens. Datenschützer sind empört.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

  • Schloss Elmau steht am 4. und 5. Juni nicht nur für die sieben größten Industrienationen im Fokus, sondern auch für das Bayerische Landeskriminalamt: Metergenau lassen sich bis dahin die Standorte aller Einsatzkräfte, Straßensperren und Demonstrationen in einer Karte darstellen.Foto: dpa
  • Günter Okon (Mitte) bei einer Pressekonferenz mit Innenminister Joachim Herrmann anlässlich der Vorstellung von „Precobs“ Foto: BLKA
  • Ein Tag in der Oberpfalz, wie Günter Okon ihn sieht: Raser und Einbrüche, Körperverletzungen und Drogendealer. Jedes Delikt hat sein eigenes Symbol, ein Klick öffnet alle verfügbaren Detailinformationen. Foto: BLKA

München. Eine große Karte hängt an der Wand von Günter Okons Büro. Berghänge, Wälder, Wanderwege. Darüber ein Raster engmaschiger Quadrate, ein Gebäude in der Mitte: Schloss Elmau, Schauplatz des kommenden G7-Gipfels, der wohl größten politischen Veranstaltung, die Deutschland im kommenden Jahr zu stemmen hat. Barack Obama soll kommen, David Cameron und François Hollande: Die Regierungschefs der sieben bedeutendsten Industrienationen mit ihren Unterhändlern. Günter Okon seufzt ein wenig und schüttelt den Kopf. Er kann ja nichts dafür, kann es auch nicht ändern, aber sagen darf er es doch mal: „Das ist der denkbar schlechteste Ort dafür.“

Und Okon kennt sich aus mit Orten. Er ist 56 Jahre alt, seit 1979 bei der Polizei, seit 2006 beim Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) und heute dort Leiter des Sachgebiets Analyse. Seit Jahren versucht er, herauszufinden, welche Verbrechen wann, wo und warum passieren.

Diesen Herbst ist er damit etwas unfreiwillig in die Presse geraten, weil seine Leute gerade das Computerprogramm „Precobs“ testen, das wahrscheinliche Orte für zukünftige Verbrechen vorhersagt. Was manchen Journalisten zu ambitionierten Visionen verleitete, in denen bayerische Polizisten der Zukunft mit geöffneten Handschellen am Tatort auf den Einbrecher warten.

Günter Okon lacht. Dann erklärt er es noch einmal: Das Programm wertet, zum Beispiel, alle Einbrüche der vergangenen Jahre aus. Nach welcher Methode sind die Täter vorgegangen, zu welcher Uhrzeit sind sie gekommen, was haben sie mitgenommen? Dabei erfasst das Programm auch, in welchen Gegenden die Diebe zuschlugen: Gewerbegebiet oder Wohngebiet, Reihenhäuser, Mietwohnungen oder Villen? Wenn nun ein Einbruch passiert, vergleicht das Programm die Daten des neuen Falls mit allen alten Einbruchsmustern – und kann so feststellen, ob es sich um einen Serientäter handeln könnte und dementsprechend Alarm an die zuständige Polizeiinspektion geben.

Bedenken nicht nachvollziehbar

„Wahrscheinlichkeiten berechnen, das ist alles“, sagt Okon. Und zuckt mit den Schultern. Die ersten Wochen in den zwei Testgebieten in München und Mittelfranken sind vielversprechend verlaufen. Bedenken von Datenschützern kann Okon nicht nachvollziehen, „wir sammeln keinerlei personenbezogene Daten“.

Günter Okon selbst nutzt kein WhatsApp, hat kein Smartphone, keine Paybackkarte. Er versteht die Anliegen der Datenschützer. Aber die Polizei muss die technischen Möglichkeiten nutzen können, um Verbrechen zu bekämpfen. So sieht er das.

In den 1980er Jahren, als Okon bei der Münchner Polizei als Streifenpolizist unterwegs war, da hingen an den Bürowänden noch Karten mit kleinen Fähnchen, für jeden Tatort eine, ganz so, wie man es aus den Fernsehkrimis kennt. Nur: Die Fähnchen verrieten nichts über die genauen Umstände der Tat. Und sie wurden pünktlich zum Monatsende abgeräumt, um Platz für neue zu schaffen. „Aber einen Serientäter interessiert es nun mal nicht, ob der Monat gerade zu Ende ist.“ Weil Okon einer ist, der sich über seine Arbeit Gedanken macht, fing er an zu tüfteln, wie man das verbessern könnte. Als Ende der 1990er Jahre die grafikfähigen Computer in den Dienststellen Einzug hielten, entwickelte er zusammen mit einem Kollegen, der gerne am Computer bastelt, ein Programm, das die Polizeiarbeit in Bayern revolutionieren sollte: GLADIS. Schönstes Polizei-Deutsch: Geografisches Lage-, Analyse-, Darstellungs- und Informationssystem.

Günter Okon setzt sich an seinen Computer. Zwei Klicks, und vor ihm liegt eine Karte der Oberpfalz auf dem Monitor, ein paar Tipper auf der Tastatur und fünf blaue Markierungen erscheinen: Das Stecknadel-Design ist geblieben. Fünf Einbrüche in der gesamten Oberpfalz am vergangenen Wochenende. Ein paar weitere Klicks, das Gebiet wird enger, die Markierungen bunter: Ein Einbruch in Regensburg, eine gefährliche Körperverletzung, ein Taschendiebstahl, mehrere Verkehrsdelikte, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Zugang zu allen Informationen

Straßengenau kann Okon sich für ganz Bayern die gemeldeten Verbrechen anzeigen lassen, ein Klick auf die Markierung und er hat Zugang zu allen Informationen, die zu dem Fall im Polizeinetz gespeichert sind. „Crime Mapping“ heißt das – und es ist hoch umstritten. Lassen sich so doch regelrechte Landkarten des Verbrechens erstellen, Analysen einzelner Stadtviertel, die, werden sie öffentlich, nicht nur Immobilienpreise purzeln lassen, sondern auch die Bewohner ganzer Straßenzüge stigmatisieren können.

Und noch ein Thema, bei dem Datenschützer rotsehen: Okon ist auch zuständig für die Auswertung von Handydaten. Ein paar weitere Klicks auf seinem Computer und eine Karte erscheint, auf der Okon vor Gericht den Weg eines Verbrechers aus dem Rheinland bis nach Traunstein darstellen konnte.

Der Täter hatte während seiner Fahrt zu einer räuberischen Erpressung immer wieder mit dem Handy telefoniert. Gerade bei Tätergruppen, die sich vor Ort immer wieder über ihr Mobiltelefon absprechen, sagt Okon, seien die Handydaten oft von unschätzbarem Wert für die Ermittler.

Handydaten vorsorglich erfassen

Seit der Reform des Vorratsdatenspeichergesetzes vor vier Jahren allerdings speichern die Netzbetreiber die Daten nur noch etwa sieben Tage. So sind die Ermittler oft gezwungen, erst einmal vorsorglich alle Handydaten aus der Umgebung zu erfassen, bevor sie gelöscht werden – auch wenn das vielleicht gar nicht immer nötig wäre: „Die Datenschützer haben mit der Reform das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten“, sagt Okon.

Er lebt damit. Wie mit dem G7-Gipfel: Vier Beamte allein aus dem Bereich Geodaten sind seit mehr als einem Jahr mit der Vorbereitung des Gipfels beschäftigt. Jedem Pfad in dem unübersichtlichen Gebiet haben sie einen Namen gegeben, mehrere Zentimeter dick ist der Ausdruck aller Karten des Gebietes, den Okons Team dem THW und anderen Hilfskräften am Einsatzort zur Verfügung stellt.

Die Karten sind auch im Polizeinetz verfügbar, metergenau lassen sich dann im Juni die Standorte aller Einsatzkräfte, Straßensperren und Demonstrationen darstellen, GPS-Daten zeigen und noch einiges mehr. Günter Okon will nicht alles preisgeben, was technisch möglich ist. Nur eine Sache verrät er an diesem Tag noch: Nach dem G7-Gipfel, da macht er erst einmal Urlaub.

Das Bayerische Landeskriminalamt

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