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Bayern
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Ehrung

Mit einem Traktor Leben gerettet

In Weiden wurden wieder Helfer als „Kavaliere der Straße“ ausgezeichnet, denen Unfallopfer ihr Überleben verdanken.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Sie sind die „Kavaliere der Straße“ – und Vorbilder für alle: die Geehrten mit Regierungspräsident Axel Bartelt (r.) Foto: Stöcker-Gietl

Weiden.Für Alexander Gürster aus dem Landkreis Straubing-Bogen ist der 11. September 2016 sein zweiter Geburtstag. Bei 50 Prozent lag an jenem Tag seine Überlebenschance. Der damals 18-Jährige hatte auf der Kreisstraße in Richtung Sattelbogen (Lkr. Cham) bei einem Überholvorgang die Kontrolle über sein Motorrad verloren und war 50 Meter über den Asphalt unter ein entgegenkommendes Auto geschlittert. Wären nicht Willi, Elisabeth und Andreas Scheubeck, Franz und Petra Scheitinger aus Traitsching sowie Peter Rantzsch aus Bogen sofort zur Stelle gewesen, dann hätte der schwere Unfall vielleicht keinen glücklichen Ausgang genommen. Mit einem Traktor und vorbildlichen Erste Hilfe Kenntnissen befreiten und versorgten sie den eingeklemmten Motorradfahrer, der mehr als ein Dutzend Knochenbrüche, eine Lungenquetschung, Verbrennungen und ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte. Am Donnerstag sind die Helfer in Weiden als „Kavaliere der Straße“ ausgezeichnet worden.

Auch in diesem Jahr sind es zum Teil wieder spektakuläre Fälle, die bundesweit Schlagzeilen machten, die exemplarisch für all jene stehen, die nicht wegschauen, sondern helfen, wenn Menschen im Straßenverkehr in Not geraten, stellt Gerd Brunner, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft „Kavalier der Straße“ fest. Seit 58 Jahren gibt es die Aktion der deutschen Tageszeitungen - und auch wenn die Zahl der schweren Verkehrsunfälle rückläufig ist - im vergangenen Jahr starben 3206 Menschen und 396 666 wurden verletzt - so braucht es dennoch weiterhin Menschen, die uneigennützig ihre Hilfe anbieten. Manchmal ist das, was die Kavaliere bereit sind zu geben, nicht weniger als ihr eigenes Leben. Und manchmal geben die Helfer alles und können doch nicht mehr helfen. Umso erschreckender, dass die Ausgezeichneten, die das Miterleben mussten, beim Festakt in Weiden von penetranten Gaffern und Schaulustigen berichten, die sogar versuchten, mit ihren Smartphones Sterbende zu filmen.

Nur zwei junge Männer halfen

Tränen stehen einigen Zuhörern in den Augen als KdS-Sprecher Gerd Brunner den Brief von Michaela Schweiger aus Baar-Ebenhausen vorliest. Schweigers 17-jähriger Sohn Sebastian war im oberbayerischen Reichertshofen mit seinem Motorrad verunglückt, weil ihm eine 77-jährige Autofahrerin die Vorfahrt genommen hatte. Sofort versammelten sich an der Unfallstelle Schaulustige, doch nur Vincento Conigliello und Steven Olentitisch eilten zu dem schwerstverletzten Motorradfahrer und versuchten alles, ihn am Leben zu halten. „Es gab sehr viele Gaffer, Erwachsene, die langsam an der Unfallstelle vorbeifuhren und Fotos mit dem Handy machten. Erwachsene, die bis zu einem halben Meter an Sebi standen und nicht halfen. Da lebte er noch!“, schrieb die Mutter. Doch es gab trotz des Einsatzes der beiden Kavaliere keine Rettung. Der junge Motorradfahrer starb an seinen schweren Kopfverletzungen, weil er seinen Helm nicht geschlossen hatte. „Es waren nur diese zwei jungen Männer, die Erste Hilfe leisteten. Sie versuchten ihr Möglichstes und hätten es deshalb verdient, eine Auszeichnung zu erhalten“, bat Michaela Schweiger die Arbeitsgemeinschaft Kavalier der Straße.

Mit den Helfern aus Traitsching wurden vier weitere Kavaliere aus der Oberpfalz auf Vorschlag der gastgebenden Zeitung „Der neue Tag“ ausgezeichnet. Foto: Stöcker-Gietl

In einem weiteren tragisch endenden Fall in Langenau in Baden-Württemberg musste Sascha Diepolder mit ansehen, wie ein Motorradfahrer gegen einen Baum raste und mit schwersten Verletzungen liegen blieb. Er setzte einen Notruf ab und leistete Erste Hilfe, doch es war aussichtslos. Der Verunglückte starb in seinen Armen. In diesen dramatischen Minuten machte auch Diepolder die Erfahrung, dass sensationshungrige Menschen keine moralischen Grenzen mehr zu kennen scheinen. Doch dem Kavalier gelang es, Gaffer auf Abstand zu halten. Besonders hervorgehoben wurde in der Laudatio auch das umsichtige Verhalten des Helfers gegenüber dem nachfolgenden Motorradfahrer und seinem eigenen kleinen Bruder. Beide schickte er weg, damit sie den schlimmen Anblick nicht ertragen mussten.

Regierungspräsident ist beeindruckt

Regierungspräsident Axel Bartelt hebt die Bedeutung der Auszeichnung insbesondere in diesen Zeiten hervor. „Menschen, die zum Handy statt zum Verbandskasten greifen“, gelte es solche positiven Beispiele der Hilfsbereitschaft entgegenzusetzen. Bartelt verrät, dass er bereits als Schüler und Student die Berichte über die „Kavaliere der Straße“ aufmerksam in der Tageszeitung verfolgte. „Und schon damals war ich beeindruckt von der Aktion.“

Auch Leitender Polizeidirektor Manfred Jahn vom Polizeipräsidium Oberpfalz hebt die Bedeutung der Hilfeleistungen hervor. Er verwies auf den neuen Straftatbestand mit dem Gaffer, die die Rettungsarbeiten behindern, mit empfindlichen Geldstrafen und Fahrverboten belegt werden können. Die Kavaliere setzten diesem rücksichtslosen Verhalten positive Beispiele entgegen. „Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Kultur des Hinschauens, der Solidarität und der Hilfsbereitschaft.“

Der nahe Sattelbogen verunglückte Motorradfahrer Alexander Gürster hat sich bereits persönlich bei seinen Lebensretter bedankt. Gestern tat dies noch einmal die Arbeitsgemeinschaft Kavalier der Straße im Namen der Mittelbayerischen Zeitung. Die Lebensretter konnten Urkunde, Plakette und Anstecknadel nicht persönlich entgegennehmen.

Unfallopfer bedankt sich persönlich

Mit den Helfern aus Traitsching wurden vier weitere Kavaliere aus der Oberpfalz auf Vorschlag der gastgebenden Zeitung „Der neue Tag“ ausgezeichnet. Gerhard Pflaum aus Weiherhammer stoppte ein Fahrzeug, dessen Fahrer am Steuer einen epileptischen Anfall erlitten hatte, Renate und Gerhard Schorner aus Freudenberg stoppten ebenfalls einen Wagen. Die Fahrerin hatte einen Schwächeanfall, und Dr. Johann Rauch aus Weiden schleppte in einem schwierigen Rangiermanöver nach einem Auffahrunfall auf der A 93 ein nicht mehr fahrbereites Auto ab, so dass an einer Baustelle kein kilometerlanger Stau entstand.

Bundesweit Schlagzeilen hatte die Lebensrettung von Manfred Kick aus Garching gemacht. Auf der A9 war an jenem Tag ein Passat unterwegs, der mit auffällig geringem Tempo auf der linken Spur unterwegs war. Eine Reihe von Fahrzeugen überholte rechts, einige hupten und schimpften. Manfred Kick, der mit seinem elektrisch angetriebenen Tesla unterwegs war, zog ebenfalls rechts an dem Passat vorbei, doch er warf dabei auch einen Blick nach links und sah, dass der Fahrer leblos im Gurt hing. Kick zögerte keine Sekunde, seinen teuren Wagen zu opfern, um Leben zu retten und drohende Unfälle zu verhindern. Er setzte seinen Tesla vor den Passat und ließ diesen auffahren, dann bremste er das Fahrzeug aus und brachte es zum Stehen. „Es rumste zwar sachte, der Schaden an beiden Wagen hielt sich aber in Grenzen“, konstatierte er später. Kick leistete gemeinsam mit zwei weiteren herbeieilenden Autofahrern Erste Hilfe. Der Fahrer des Passat hatte offensichtlich während der Fahrt einen Schlaganfall erlitten, stellten die Rettungskräfte später fest.

Mit Jutta Dachs bedankt sich ein Unfallopfer in Weiden persönlich bei ihrem Lebensretter. Tobias Schnell aus Aresing hatte die Fahrradfahrerin versorgt, die von einem Autofahrer angefahren worden war. Mehrere Fahrzeuge sind damals an der auf der Straße liegenden Schwerverletzten einfach vorbeigeprescht. Bis heute leidet das Unfallopfer unter den Folgen, umso dankbarer ist sie Tobias Schnell, dass er gehandelt hat und nicht, wie andere, den Blick einfach abgewendet hat. „Wir brauchen wieder Empathie anstelle von Apathie, das tut unserer Gesellschaft dringend Not“, stellt Regierungspräsident Bartelt fest. Mit der Aktion „Kavalier der Straße“ hätten die Gründer vor 58 Jahren ein gutes Werk geleistet, das bis heute einen wichtigen Beitrag für mehr Hilfsbereitschaft im Straßenverkehr leiste.

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