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Bayern
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Musik

Mit Hip Hop gemeinsame Sprache finden

Die Demograffics aus Regensburg rappen gemeinsam mit Flüchtlingen. Nun erhalten sie den Bayerischen Popkulturpreis.
Von Daniel Peifer

DJ Rufflow (in der Mitte hinten) und Maniac (vorne links) mit der Refugee Rap Squad in ihrem Studio in der Alten Mälzerei in Regensburg Foto: Pfeifer

Regensburg.„Das Herz von Hip Hop ist, dass man alles mit allem verbinden kann. Sämtliche Kulturen, Backgrounds, egal wo man herkommt, egal was für eine Sprache man spricht. Hip Hop bringt Leute zusammen, um eine Message zu feiern.“ Das sagt nicht irgendwer, sondern Maniac, der Motor der Regensburger Hip-Hop-Szene. Zusammen mit Ralph Mild alias DJ Rufflow bekommt der Rapper mit dem bürgerlichen Namen Achim Schneemann am Dienstag in München den Bayerischen Popkulturpreis 2017 in der Kategorie Inklusion verliehen.

Maniac und DJ Rufflow bilden das erfolgreiche Duo Demograffics und haben in den letzten zwei Jahren die Refugee Rap Quad aufgebaut, in der sie Hip Hop, die Sprache der sozial Benachteiligten, Vergessenen und Abgeschriebenen, solchen Menschen beibringen, die noch nicht einmal die deutsche Sprache richtig beherrschen. Mit vier geflüchteten Jungs aus Afghanistan, Syrien und dem Senegal schreiben, produzieren und performen sie auf professionellem Niveau und helfen ihnen dadurch zu einem besseren Stand im neuen Leben und einer musikalischen Berufung.

„Ich schreibe Texte darüber, was ich war, über Politik, vor was ich Angst habe.“

Ousmane

Angefangen hat das 2015 bei einem Schul-Workshop, den Maniac und Rufflow in Kelheim gaben. Der inzwischen 23-jährige Ousmane aus dem Senegal kann sich genau erinnern. „Er kam her: ‚Ich sehe dich, ich mag deinen Style, ich glaube, du kannst Hip Hop machen‘“, erzählt Ousmane. Im Senegal hatte er den Hip Hop für sich entdeckt, beugte sich dann aber dem Willen seines Vaters, der dagegen war. Nun sitzt er in der Alten Mälzerei in Regensburg, kurz bevor es beim Benefit#2-Konzert auf die Bühne geht, mit schneeweißem Cap und einem breiten Lächeln, in dem aber auch immer der Ernst seiner Vergangenheit mitschwingt. „Ich schreibe Texte darüber, was ich war, über Politik, vor was ich Angst habe,“ schildert er. Und seine Texte sind ehrlich und direkt, egal ob auf Deutsch, Englisch, Französisch oder in seiner Muttersprache Wollof.

Jede Woche wird gearbeitet

Ein paar Schritte entfernt, in einem kleinen Probenraum im dritten Stock der Mälze, liegt das Studio der Demograffics. Vollgeräumt mit Kisten, Instrumenten, einem Sofa und uralten Bürostühlen. Dort trifft sich die Refugee Rap Squad jede Woche. Maniac selbst ist quasi jeden Tag dort, an dem er nicht irgendwo auf der Bühne steht. „Uns geht es darum, den Jungs eine Plattform zu geben und zu zeigen, dass es auch anders geht. Dass man etwas machen kann und mit der Musik etwas bewegen kann“, erklärt Maniac den Hintergrundgedanken des Projekts. Nicht nur als Beschäftigungstherapie, sondern absolut professionell, mit ausgefeilten Tracks, Musikvideos und Live-Auftritten. „Integration gelingt da nebenbei. Nebenbei wird Deutsch gelernt, Selbstwertgefühl aufgebaut, Selbstständigkeit aufgebaut.“ So weit soll es gehen, dass die vier Jungs als eigenständige Rap Crew existieren können. Am 15. Dezember spielen sie auf dem Stage-for-Peace-Festival in Nürnberg, komplett allein ohne die Rückendeckung der Demograffics.

„Integration gelingt da nebenbei. Nebenbei wird Deutsch gelernt, Selbstwertgefühl aufgebaut, Selbstständigkeit aufgebaut.“

Maniac

Samstag Abend, zwei Stunden vor dem Benefit#2-Konzert sitzt auf einem Barstuhl neben Ousmane der 22-jährige Timo. Er kommt gerade von der Arbeit. Nun bereitet er sich auf den Soundcheck vor. Denn das Konzert nimmt er sehr ernst, er will wieder und wieder daran feilen, dass später alles perfekt läuft.

Kennengelernt hat er die Demograffics am selben Tag wie Klassenkamerad Ousmane. Eigentlich stammt Timo aus Afghanistan, lebte aber nach einer Flucht seit seiner Jugend im Iran. „Da ist sowas verboten. Pop und Klassik geht, aber Rap nicht“, erzählt er über das Land, aus dem er kommt.

Einfach tun, was man liebt

Kunstfreiheit gebe es dort nicht. Lieder über Mädchen schreiben: keine Chance. Genauso wenig übers Feiern oder generell ein befreites Leben. Wer sich damit auf die Bühne stellen wolle, habe schlimmstenfalls zu fürchten, im Knast zu landen. Hier in Deutschland, mit Hilfe der Demograffics, habe er jetzt die Freiheit zu tun, was er liebt und über die Themen zu schreiben, die ihn bewegen. Letzte Woche bekam Timo nun aber Post. Abschiebung. Sein Blick senkt sich, die breite Brust vom Soundcheck auf der Bühne sinkt in sich zusammen. Wie es jetzt weitergeht, weiß er nicht.

Das sind die Schattenseiten, auch für Maniac. „Das ist für uns natürlich richtig scheiße, weil der Timo uns ans Herz gewachsen ist“, sagt er: „Denn Timo ist das perfekte Beispiel für Integration: Er hat einen festen Job als Friseur, er hat seinen Nebenjob bei Refugee Rap Squad, der macht sein Ding, der hat hier seine Freunde, der hat ein Leben aufgebaut. Und darum macht’s das umso schwerer für uns, wenn dann so eine Nachricht kommt.“

Hier erfahren Sie mehr über den bayerischen Popkulturpreis:

Preis mit Tradition

  • Der bayerische

    Popkulturpreis wird seit 1991 verliehen. Dieses Jahr gibt es erstmals die Kategorie „Inklusion“. Der Preis selbst wird staatlich gefördert und ist mit 2000 Euro dotiert.

  • Neben den Demograffics

    werden in der Kategorie Nachhaltigkeit die Subkultur Fürstenfeldbruck e.V., sowie als innovativstes Projekt das Sündikat e.V. aus Weiden geehrt.

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  • RC
    Rudolph Clemens
    05.12.2017 14:20

    Wer sich für die Geschichte von Ousmane und Timo interessiert: Werner Damböck hat einen Dokumentarfilm über sie gemacht. Er läuft am Sonntag den 10. Dezember um 14:00 Uhr im Ostentorkino: JAHFANDU (Regensburg/Kelheim 2016/2017, 83 Min)

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