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Bayern
Montag, 11. Dezember 2017 7

MZ-Serie

Mit Lob statt Kritik zum starken Ich

Die MZ setzt die erfolgreiche Erziehungsreihe mit Ludwig Haas fort. Diesmal geht es um die Stärken und Schwächen von Kindern.

Statt sich auf Schwächen der Kinder zu konzentrieren, sollten Lehrer und Eltern ihre Stärken fördern – und mit Lob motivieren. Foto: dpa

Regensburg.In einem Rollenspiel zur Berufsorientierung bat ich Schüler der neunten Klasse, einige ihrer Stärken auf einen weißen Karton zu schreiben. Die Schüler blickten mich fragend an. „Meinten Sie nicht Schwächen“?, fragte mich schließlich ein Junge. Nur nach und nach fassten sie Mut, etwas Positives über sich zu sagen. In unserem Umgang mit anderen nimmt das Defizitdenken, also das Negative, einen größeren Raum ein als das positive Denken. Wir sind eher bereit, Negatives über uns zu sagen, konzentrieren uns auf das, was noch nicht so gut ist und verbessert werden müsste.

So halten wir es in der Schule, am Arbeitsplatz, oft auch in der Freizeit. Wir kritisieren lieber gern gegenseitig, wissen über unsere Schwächen Bescheid und stellen unsere Stärken nicht heraus, sondern lieber unter den Scheffel. Mit Lob können viele ohnehin nicht viel anfangen. Weder in der Schule noch am Arbeitsplatz. Sowohl Lehrkräfte als auch Chefs tun sich dabei auch schwer.

Rotstift markiert die Defizite

Früher war das Fehlersystem in der Schule noch ausgeprägter angelegt. Während es heute Punkte gibt, wurde alles in Fehlern berechnet. In Deutsch das Diktat, in Englisch oder Latein die Übersetzung, in Mathe hieß es: fünf Aufgaben falsch, zwei richtig. Mit dem Rotstift wurde man auf alle seine Defizite hingewiesen. Schulaufgaben wurden damit oft zu Schlachtfeldern. „Du bist unpünktlich, vorlaut, schreibst über den Rand, lernst deine Vokabeln nicht, hast dein Heft vergessen“, hieß es ständig. Arbeitet der Schüler gut mit, bringt er kluge Beiträge, fertigt er stets seine Hausaufgaben an, kommt er pünktlich in den Unterricht und hat er seine Schulsachen dabei, dann werden über diese Stärken selten Worte verloren – sie werden vielmehr als selbstverständlich erachtet. Manchem Schüler wäre es sogar peinlich, in der Öffentlichkeit ein Lob über seine Stärken zu hören.

Wie stark wir auf Schwächen fixiert sind, zeigen auch Umfragen. Laut einer Gallup Studie ist es den Menschen wesentlich wichtiger, ihre Schwächen abzubauen als ihre Stärken zu erweitern. So geben 87 Prozent der Befragten an, dass hervorragende Leistungen erreicht werden, indem man Schwächen behebt, was auch auf die Schule zutrifft. Dreimal eine Zwei in Englisch, Deutsch oder Physik finden weniger Erwähnung als eine Fünf in Mathe. Die schlechte Note bekommt immer die größte Aufmerksamkeit. Wir sind fehlerfixiert, defizitorientiert, konzentrieren uns auf Mängel, weil wir uns als Mängelwesen betrachten, auf Schwächen fixiert sind.

Fehler fallen mehr auf

Auch im Sport fällt uns ein Fehlpass wesentlich mehr auf als drei gut gespielte. Fehler fallen mehr auf, weil sie uns selbst behindern oder eine ganze Gruppe, Klasse, Gemeinschaft oder ein Team stören. Also richten wir unseren Fokus auf das, was nicht funktioniert. Stärken fallen weniger auf, weil sie ja im Vergleich zu den Schwächen keine Probleme verursachen.

Ziel muss es daher sein, die vorhandenen Stärken auszubauen und weniger Energie auf die Schwachpunkte zu verschwenden. Denn nur in dem Bereich, in dem man etwas kann, hat man eine Chance auf Erfolg. Das gilt nicht nur in der Schule, sondern auch in der Welt der Arbeit, des Sports, der Freizeit, der Musik oder den Hobbys.

Man kann zwar auch Schwächen abbauen, aber erstens bedarf dies oft eines großen Aufwands, zweitens bleibt man trotz großen Energieaufwands oft im Mittelmaß stecken und drittens lassen sich Schwächen selten in Stärken umwandeln. „Denn weniger schwach zu sein, bedeutet eben noch lange nicht, stark zu sein“, wie es der Motivationsexperte Prof. Fredmund Malik formuliert.

Die Mithilfe der Lehrer ist gefragt

Für die Schule bedeutet dies, dass Schüler durch Selbst -und Fremdevaluation ihre Stärken finden müssen, sie dann von den Lehrern verstärkt in den Bereichen aktiv eingesetzt werden sollen, in denen sie Stärken haben. Denn je besser das gelingt, desto besser werden ihre Leistungen, desto lernbereiter, motivierter, arbeitswilliger und erfolgreicher werden sie sein.

Ständige Kritik dagegen demotiviert und mindert die Leistung. Erfolge basieren immer auf Stärken und nicht auf Schwächen. Man könnte allein deshalb an der Beseitigung der Schwächen arbeiten, weil sie einen daran hindern, Stärken voll zur Geltung zu bringen. Für die Ziele sind die Schwächen irrelevant, denn nur die Stärken bringen den Erfolg. Oder kennen Sie die Schwächen von namhaften Politiker, Spitzensportlern, Filmstars oder Topwissenschaftlern?

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